Ein Teil der Tunnelanlage unter der Piste: Er wurde inzwischen komfortabel ausgebaut und kann begangen werden.

Flughafen SarajevoDer Tunnel unter der Piste, der das Überleben einer ganzen Stadt sicherte

Heute landen am Flughafen Sarajevo Flugzeuge aus ganz Europa. Doch unter dem Asphalt, auf dem sie aufsetzen, verbirgt sich ein Ort, der einst über Leben und Tod entschied: ein schmaler Tunnel, während der Belagerung von Hand gegraben, der zur letzten Verbindung der eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt wurde.

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Flug LH1544 kommt aus Frankfurt an. Der Airbus A320 von Lufthansa landet und rollt ruhig von Piste 11 zum Terminal. Eine alltägliche Szene – heute. Vor 32 Jahren wäre ein solcher Moment undenkbar gewesen. In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 übernahmen serbische Militärs und paramilitärische Einheiten der Republika Srpska den Flughafen. Damit begann nicht nur der Bosnienkrieg, sondern auch die 1425 Tage dauernde Belagerung der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina.

Innerhalb weniger Tage verwandelte sich Sarajevo in eine eingeschlossene Stadt. Rund 300.000 Menschen waren abgeschnitten von Versorgung, Strom, Medikamenten und Lebensmitteln. Gleichzeitig terrorisierten Scharfschützen und täglicher Granatbeschuss die Bevölkerung. Durchschnittlich 329 Einschläge pro Tag erschütterten die Stadt. Zwischen 1992 und 1994 wurden Schätzungen zufolge allein in Sarajevo 11.000 bis 13.000 Menschen getötet, darunter etwa 1600 Kinder. Rund 56.000 Menschen wurden verletzt.

Die längste Luftbrücke der Geschichte

Der Flughafen stellte seinen Betrieb zunächst vollständig ein. Erst Ende Juni 1992 öffnete er unter Kontrolle der Unprofor-Friedenstruppen wieder für humanitäre Flüge. Zwischen Sarajevo und dem italienischen Flughafen Ancona entstand die längste Luftbrücke der Geschichte. Vom Juli 1992 bis Anfang Januar 1995 brachten 11.312 Flüge rund 126.000 Tonnen Lebensmittel und 14.000 Tonnen medizinische Hilfsgüter in die eingeschlossene Stadt.

Das Haus der Familie Kolar diente einst als Zugang zum Tunnel und ist heute Heimat des Museums.

Doch selbst diese Hilfsflüge waren ständig bedroht. Immer wieder wurden sowohl die Uno-Soldaten am Flughafen Sarajevo als auch anfliegende Flieger beschossen. Um die Gefahr zu reduzieren, entwickelte man ein spezielles Anflugverfahren: den sogenannten Sarajevo Approach. Die Flugzeuge stachen dabei aus etwa 6000 Metern in einem extrem steilen Winkel hinab, um möglichst spät in Reichweite potenzieller Angreifer zu geraten.

Selbst Hilfsflüge am Flughafen Sarajevo waren bedroht

Auslöser war unter anderem der Abschuss einer italienischen Aeritalia G.222 am 3. September 1992, bei dem alle vier Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Erst ein Abkommen zwischen den Vereinten Nationen und den bosnischen Serben ermöglichte einen eingeschränkten Betrieb des Flughafens. Dieser durfte ausschließlich für Uno-Hilfsflüge genutzt werden.

Strategisch entscheidend war dabei das Gebiet südwestlich des Flughafens Sarajevo im Stadtteil Butmir. Dort begann das unbesetzte Terrain in Richtung des Berges Igman, der bereits durch die Olympischen Winterspiele 1984 bekannt war. Über diese Verbindung gelangten Lebensmittel, Medikamente und andere lebenswichtige Güter in die Stadt.

Schutzzone um Flughafen - Fluchten in die falsche Richtung

Die Uno richtete rund um den Flughafen eine Schutzzone ein. Doch wirklichen Schutz bot sie kaum. Viele Menschen versuchten, die Landebahn zu Fuß zu überqueren, um aus Sarajevo zu fliehen – oft mit tödlichen Folgen durch Scharfschützenbeschuss. Selbst die Vereinten Nationen achteten strikt auf die Einhaltung der Vereinbarungen und brachten aufgegriffene Bewohnende häufig wieder zurück. Manche Menschen liefen deshalb absichtlich in die falsche Richtung, um von Uno-Soldaten an ihr eigentliches Ziel transportiert zu werden.

Die Ausstellung des Museums zeigt den Bau und die Funktion des Tunnels.

Als klar wurde, dass die Belagerung länger dauern würde, entstand eine verzweifelte Idee: ein Tunnel unter der Start- und Landebahn hindurch. Im Frühjahr 1993 begannen freiwillige Helfer damit, einen rund 800 Meter langen Versorgungstunnel unter der 2600 Meter langen Piste zu graben – fast ausschließlich von Hand. Technische Hilfsmittel standen kaum zur Verfügung. Die Eingänge wurden versteckt in den Kellern einfacher Wohnhäuser angelegt, um die Arbeiten geheim zu halten.

Lebensmittel, Benzin und Waffen durch den Tunnel

Insgesamt bewegten die Arbeiter rund 1200 Kubikmeter Erdmaterial. Besonders das hohe Grundwasser machte die Arbeiten zur Qual, weil der Tunnel regelmäßig überflutet wurde. Ende Juni 1993 trafen sich die beiden Bautrupps schließlich unterhalb der Piste – zentimetergenau nach monatelanger Arbeit. Bereits am nächsten Tag ging der Tunnel in Betrieb.

Freiflichtaustellung des Museums  gegenüber dem Terminal des Flughafens Sarajevo.

Von da an wurden durch den engen Gang Lebensmittel, Waffen, Benzin und Medikamente transportiert. Gleichzeitig nutzten täglich bis zu 4000 Menschen den Tunnel, um Sarajevo zu verlassen oder in die Stadt zurückzukehren. Der Betrieb erfolgte ausschließlich nachts, um Beschuss zu vermeiden. Der Tunnel der Hoffnung, wie er später genannt wurde, wurde zum Symbol des Überlebenswillens Sarajevos.

Schutzzone um Flughafen - Fluchten in die falsche Richtung

Seit 2012 erinnert das Kriegsmuseum Tunnel der Hoffnung an diese Zeit. Im Haus der Familie Kolar dokumentiert eine Ausstellung den Bau und die Nutzung der Anlage. Ein rund 20 Meter langer Abschnitt des inzwischen größtenteils zugeschütteten Tunnels kann noch heute begangen werden.

Wer den Tunnel wieder verlässt, steht im ehemaligen Garten der Familie Kolar. Von dort blickt man einerseits auf den heutigen Flugbetrieb des Flughafens Sarajevo – und andererseits auf ein zerschossenes Gebäude, das bis heute an die 1425 Tage dauernde Belagerung erinnert, die derart viel Leid über die Bewohnerinnen und Bewohner brachte.

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