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Remote Tower

Die Lotsen für Saarbrücken sitzen in Leipzig

Auch in Europa halten ferngesteuerte Kontrolltürme langsam Einzug. In Deutschland sind bereits mehrere konkrete Remote-Tower-Projekte geplant. Österreich und die Schweiz stehen noch in der Prüfphase.

Saab

Wenn der Lotse nur Bildschirme sieht: Technologie der Zukunft.

Kontrolltürme gehören zu Flughäfen einfach dazu – sind teilweise sogar richtige Wahrzeichen. Nach und nach könnte sich auch das ändern. Die so genannte Remote-Tower-Technologie hilft Lotsen, effizienter zu arbeiten – weitab vom Airport selbst. Schon heute ist sie an einigen Orten im Einsatz. Am schwedischen Flughafen Örnsköldsvik und am Fort Collins-Loveland Municipal Airport in den USA etwa sitzen die Lotsen schon seit zwei Jahren nicht mehr am Flughafen.

Noch wird die Technik hauptsächlich von abgelegenen Regional-Airports genutzt. Doch nach und nach erwärmen sich jetzt auch andere Flughafen für die Lösung. Zuletzt gab die ungarische Flugsicherung Hungaro Control bekannt, kommendes Jahr am Budapest Ferenc Liszt International Airport auf die neue Technik zu wechseln. Die Lotsen sitzen dann nicht mehr im Turm am Flughafen, sondern in einem Büro außerhalb des Flughafengeländes. Auch der Londoner Airport London City erhält 2019 einen Remote Tower. Irland prüft den Einsatz für Shannon und Cork.

Saarbrücken, Erfurt, Dresden

Auch die Deutsche Flugsicherung DFS arbeitet an dem Projekt Remote Tower. Die Kontrolldienste der Flughäfen Saarbrücken, Erfurt und Dresden sollen schrittweise in ein Remote Tower Center am Standort Leipzig verlagern werden. «Eine erste Inbetriebnahme ist für den Standort Saarbrücken gegen Ende 2018 in Leipzig geplant», so eine Sprecherin zu aeroTELEGRAPH.

«Erfurt soll in 2019 folgen und Dresden zu einem späteren Zeitpunkt. Auch Regionalflughäfen der Tochtergesellschaft DFS Aviation Services könnten zukünftig als Remote Tower Standorte in Betracht kommen», fügt sie an. Ziel des Projektes seien «langfristigen Kostensenkungen durch den Einsatz neuer Technologien und Verfahren» sowie durch ein optimierter und effizienterer Personaleinsatz.

Investition rechnet sich nicht

Auch in Österreich setzt man sich mit dem Thema auseinander. «Austro Control hat im Unternehmen Arbeitsgruppen eingesetzt, die sich kontinuierlich mit innovativen Fragestellungen beschäftigen, dazu gehört auch der Remote Virtual Tower», so ein Sprecher. Grundsätzlich sei also der Einsatz der Technologie auch in Österreich in Zukunft denkbar. Das könne dann der Fall sein, wenn man etwa einen neuen Kontrollturm bauen müsste. «An den österreichischen Airports ist das allerdings in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.»

In der Schweiz ist das Thema auch eher ein langfristiges. «In der Schweiz wurde im Bereich der Regionalflughäfen im letzten Jahr eine vertiefte Studie durchgeführt, um eine mögliche Implementierung der neuen Technologie zu überprüfen. Die Auswertung ergab, dass sich die Investition aus verschiedenen Gründen zur Zeit nicht rechnet», so ein Sprecher der Flugsicherung Skyguide.

Auch Hybrid-Lösungen möglich

Aufbauend auf dieser Studie sei nun aber im kommenden Jahr eine weiterführende Arbeitsgruppe geplant. Zusammen mit den Landesflughäfen werde diese das Thema vertieft analysieren. «Im Fokus steht hierbei, wie und wann ein möglicher Einsatz der neuen Technologie Sinn macht.» So müssen laut dem Skyguide-Sprecher «Fragen zur Redundanz berücksichtigt werden, wie auch allenfalls mögliche Hybrid-Lösungen».

Die Remote-Tower-Technologie wurde 2002 vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln entwickelt. Kern sind HD-Kameras, die Bilder des Flughafens aufnehmen, die an das Kontrollzentrum gesendet werden. Dort werden sie so dargestellt, dass der Fluglotse das Geschehen so sieht, als würde er vor Ort aus dem Fenster gucken. Dazu werden die Bilder mit einem Algorithmus so zusammengefügt, dass ein korrektes Live-3D-Bild in einem 360-Grad-Panorama entsteht. Die Bildschirme sind zoombar. Neben den HD-Kameras sorgen Wärmebildkameras und drehbare Kameras für ein noch genaueres Bild in allen Wettersituationen.

Mikrofone für das reale Feeling

Searidge Technologies ist heute Marktführerin. Aber auch der schwedische Hersteller Saab hat ein Angebot entwickelt. Am schwedischen Flughafen von Örnsköldsvik ist es im Einsatz Die Hersteller vermarkten ihr System als überlegen. Zum einen sind ferngesteuerte Kontrolltürme billiger, weil es weniger Bauten braucht, mehr Fluglotsen mehr kleine Flughäfen gleichzeitig bedienen können und Notfallflüge auch dann landen können, wenn kleine Flughäfen geschlossen sind. Zum anderen wird argumentiert, dass Kameras mehr Dinge aufnehmen können als das menschliche Auge. Daher seien sie auch besser.

Noch müssen Fluglotsen sich aber an die neue Technik gewöhnen. In Schweden versuchten sie immer wieder, ihre Ferngläser zu benutzen, wie sie es früher getan hatten, statt einfach auf dem Touchscreen zu zoomen. Zudem installierte man in Örnsköldsvik nachträglich Mikrofone, weil die Aufseher die Geräusche vermissten.



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