Letzte Aktualisierung: um 14:11 Uhr
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Wunder vom Hudson im Kino

Die erdrückende Einsamkeit des Captain Sully

Der Film über die spektakuläre Notlandung im Hudson kommt nun in deutsche Kinos. Echte Fans sollten ihn sehen.

Chesley Sullenberger ist einsam. So einsam, dass man sich schämt, ihm dabei zuzuschauen. Einsam, obwohl er umgeben ist von Journalisten, obwohl seine Frau nur ein Telefonat entfernt ist, obwohl er sogar bei David Letterman auf der Couch sitzt. Einsam, obwohl die ganze Welt ihn als Helden feiert.

«Die unbekannte Geschichte hinter dem Wunder vom Hudson», verspricht Regisseur Clint Eastwood den Zuschauern seines Films «Sully» – der Spitzname Sullenbergers. Der amerikanische Pilot ist seit der Notwasserung eines Airbus A320 von US Airways im New Yorker Hudson River am 15. Januar 2009 nicht nur Aviatik-Fans ein Begriff.

«Habe ich falsch entschieden?»

Wirklich unbekannt ist die Geschichte zwar nicht – immerhin basiert sie auf dem Buch «Man muss kein Held sein», das Sullenberger gemeinsam mit dem Journalisten Jeffrey Zaslow verfasst hat. Eastwood gelang es dennoch, einen Luftfahrtfilm zu schaffen, den es so noch nicht gab. «Sully» bewegt – jedoch nicht primär wegen der spektakulären Szenen, die die Notwasserung im Hudson-River zeigen. Es ist die Einsamkeit von Sully gespielt von Tom Hanks, die den Kloß im Hals der Zuschauer immer größer werden lässt. Sein Trauma.

Die Frage, die ihn nicht los lässt und die er sich nicht laut zu stellen wagt: «Habe ich falsch entschieden?» Eines ist klar: Viel Zeit für Entscheidungen hatte Sully nicht. 238 Sekunden vergingen zwischen dem Moment, in dem ein Gänseschwarm in die Triebwerke des Flugzeugs prallte und dem Aufsetzen auf der Wasseroberfläche des New Yorker Hudson River. Beide Motoren fielen nach dem Vogelschlag aus. Der Lotse empfahl die Umkehr nach La Guardia oder eine Landung am Flughafen Teterboro. «Wir werden im Hudson enden», sind die letzten Worte des Kapitäns an ihn.

Böses, böses NTSB

Kapitän Sullenberger hatte entschieden, dass die Maschine für beide Alternativen zu tief flog – dass das riskante Manöver, das bisher immer Todesopfer zur Folge hatte, der einzige Ausweg war. Dass das National Transportation Safety Bureau NTSB ihm das zu Lasten legen könnte, wird genauso schnell klar. Schon in der ersten Sitzung die Fragen: «Haben Sie Probleme zu Hause?» «Wann haben Sie das letzte Mal Alkohol getrunken?» «Schlafen Sie genug?» Und das, obwohl alle 155 Insassen die Notwasserung überlebt haben.

Während Sully in der Öffentlichkeit weltweit als Held gefeiert wird, sieht er sich in den Räumen des NTSB am Pranger. Und das ist der Kern des Films. Auch wenn «Sully» den Anspruch hat, sehr nah an den Tatsachen zu bleiben – die Behörde kommt nicht wirklich gut weg. Dass das NTSB Unfälle untersucht und dabei alle Beteiligten intensiv befragt, ist die Pflicht der Behörde und es hilft, zukünftige Zwischenfälle zu vermeiden. Doch kein Film ist ein Film ohne einen Bösewicht. Und ein paar Gänse reichen dafür schlicht nicht aus. Das eine oder andere böse Grinsen, die eine oder andere hochgezogene Augenbraue hätten sich die Ermittler im Film dennoch lieber gespart.

Klassischer American Hero

So überspitzt die bösen Bürokraten daherkommen, so subtil und dadurch stark ist Hanks Darstellung von Sully. Er redet wenig, er ist stets kontrolliert. Und genau darin liegt die Stärke: Im fehlenden «ich liebe dich auch» nach dem Telefonat mit der Frau, im fehlenden «Danke», nachdem wildfremde Menschen ihn umarmen und hochleben lassen. Stattdessen immer die rastlosen Augen, die zu allen Seiten schauen, nicht zur Ruhe kommen. Augen, die Antworten auf die Frage suchen: «Habe ich falsch entschieden?»

Dass Sully sich diese Frage inzwischen mit einem deutlichen «Nein» beantworten kann, ist klar. Nach 18 Monaten Ermittlungen – die im Film eher wie zwei Wochen erscheinen – sah das auch das NTSB so. Und – viele Fans werden es ihm danken – Regisseur Eastwood lässt es sich trotz der ruhigen Stimmung des Films nicht nehmen, die spektakuläre Notlandung aus den verschiedensten Perspektiven gleich mehrfach abzuspielen und zu zeigen, wie beeindruckend Sullys Leistung war. Dass der Regisseur den Piloten als klassischen «American Hero» sieht, steht außer Frage.

Glaubwürdiges Psychogramm

Der Held selbst hat dafür allerdings seit jeher ganz andere Worte – die, so vermittelt Eastwoods Psychogramm glaubwürdig, mehr sind als nur falsche Bescheidenheit: «Ich habe meinen Job gemacht.» Genau deshalb lohnt es sich auch – oder gerade für Luftfahrtfans, den Film zu sehen, auch wenn sie alles über den Zwischenfall wissen. «Sully» kommt am Donnerstag (1. Dezember) in die Kinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Sehen Sie in der oben stehenden Galerie Bilder und Videos zu «Sully».



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