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Adam Boukadida, Riyadh Air

«Deutschland ist für Riyadh Air von großer Bedeutung»

Riyadh Air wird die zweite Nationalairline Saudi-Arabiens. Im Interview spricht Finanzvorstand Adam Boukadida über noch ehrgeizigere Flottenpläne als bekannt, erste Ziele, Verluste durch eine First Class und die Konkurrenz im Nahen Osten.

Vor kurzem wurde bekannt gegeben, dass Riyadh Air in der ersten Hälfte des Jahres 2025 den Betrieb aufnehmen wird. Was muss  bis dahin noch geschehen, damit Sie starten können?
Adam Boukadida*: Die Marke Riyadh Air ist am 12. März ein Jahr alt geworden. Aber natürlich laufen die Arbeiten an dem Projekt schon im kleinen Kreis einige Jahre. Wir sind eine junge, wachsende Fluggesellschaft. Riyadh Air wird wahrscheinlich die erste und die letzte Fluggesellschaft sein, die in dieser Größe und in diesem Umfang in den kommenden 30 oder 40 Jahren gegründet wird. Wir wollen einer der führenden Full-Service-Anbieter der Welt werden. Unser Fokus liegt auf unseren Kundinnen und Kunden. Unser Schlüssel liegt auf der Digitalisierung und Technologisierung. Dafür müssen wir noch enorm wachsen. Zum jetzigen Zeitpunkt läuft alles nach Plan, und wir sind zuversichtlich, dass das auch so bleibt.

Haben Sie schon den ersten Dreamliner übernommen?
Nein, aber wir haben kürzlich unsere Lackierungen vorgestellt. Die eine ist Lavendel, einer der natürlichen Nationalschätze des Saudischen Königreichs und die zweite ist ein weißer Anstrich mit einem Lavendel-Ton.

Wenn Riyadh Air pünktlich 2025 startet: Was wird das allererste Ziel sein?
Ich werde Ihnen das Ziel noch nicht verraten, aber nur so viel: Es steht bereits fest.

Vielleicht können Sie ja verraten, ob es in Amerika, Asien oder Europa liegen wird?
Guter Versuch, aber geh nicht drauf ein. Ich will die Überraschung nicht verderben. Ich fasse es mal so zusammen: Unser erklärtes Ziel ist es, Riyadh mit der Welt zu verbinden und die Welt mit Riyadh. Es wird also nicht überraschen, dass wir die bereits bestehenden Ziele wie London, Dubai und andere wichtige Destinationen in Europa und im Nahen Osten weiterführen und ausbauen werden. Auch aus den USA gibt es bisher nur wenige Flüge ins Königreich. Wir gehen davon aus, bis 2030 über 100 verschiedene Ziele anzufliegen.

Im Jahr 2030 wollen wir schon deutlich größer sein.

Dazu brauchen Riyadh Air Flugzeuge. Sie haben 110 Boeing 787 bestellt. Wann erwarten Sie die ersten Maschinen?
Das stimmt nicht ganz. Das saudische Königshaus hat 110 Dreamliner für alle saudischen Fluggesellschaften bestellt. Wir erwarten 72 Boeing 787-9 aus der Order. Boeings Dreamliner ist das derzeit beste Flugzeug, das es gibt. Und ich kann als Finanzvorstand sagen: Es ist das kosteneffiziente Flugzeug. Zurück zur Frage: Wir gehen davon aus, dass wir das erste Exemplar Anfang 2025 bekommen werden. Und dann folgen sukzessiv die weiteren Modelle aus der Bestellung.

Und wann sollen alle 72 Dreamliner da sein? 2030?
Nein, im Jahr 2030 wollen wir schon deutlich größer sein. Unsere Kalkulation geht davon aus, dass wir, um 100 Destinationen weltweit bedienenzu können, 17 weitere Dreamliner benötigen werden. Wir wollen um 2030 also knapp 100 Dreamliner betreiben.

Haben Sie denn genug Personal, um in sechs Jahren rund 100 Flugzeuge in die Luft bringen zu können?
Das Interesse, Teil unserer Reise zu werden, ist enorm. Wir haben bis Ende Februar 1,1 Millionen Bewerbungen erhalten. Ich spreche von richtigen Bewerbungen mit Mappen und Anschreiben und nicht bloß von Interessenbekundungen bei Linkedin oder anderen sozialen Netzwerken. Es haben sich Leute aus über 100 Ländern beworben. Davon kommt der Großteil aus der Luftfahrt, aber wir suchen auch Leute fürs Marketing, für kaufmännische Bereiche und für die Technik. Wichtig bei alldem ist, dass wir effizient sein werden. Wir werden weder die Sicherheit noch den Service gefährden, aber wir werden auf jeden Fall sicherstellen, dass wir so effizient wie möglich arbeiten.

Flugzeug von Riyadh Air: Ab 2025 in der Luft. Bild. Riyadh Air

Werden alle künftigen Angestellten in Riyadh leben?
Ja, die meisten. Wir gehen davon aus, dass wir mit Riyadh Air bis 2030 rund 200.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen werden. Mit indirekten Jobs meine ich beispielsweise Lehrer, die die Kinder unserer Angestellten unterrichten. Wir brauchen aber auch Krankenhausmitarbeitende, Zahnärzte oder Bankangestellte. Wir bauen aber keine extra Wohnviertel, sondern wir ziehen mehr Fachkräfte aus anderen Ländern nach Saudi-Arabien.

Wie viele Angestellte hat Riyadh Air aktuell?
Derzeit sind wir rund 100 Leute. Wir setzen auf ein starkes Fundament mit Führungskräften aus der Luftfahrt und stellen gleichzeitig Talente aus anderen Branchen ein. Alle sollen ihre Erfahrungen einbringen, damit wir etwas anderes schaffen, als bei einer traditionellen, 40 oder 50 Jahre alten Fluggesellschaft.

Welche Rolle spielen Deutschland, Österreich und die Schweiz in Ihren Planungen?
Eine Schlüsselrolle. Deutschland ist für uns von großer Bedeutung, aber natürlich auch andere Ziele in Europa.

Wollen Sie einer Luftfahrt-Allianz beitreten?
Nein, nach aktuellen Planungen nicht. Aber: Sag niemals nie.

Im Vergleich zur Konkurrenz haben wir einen Heimatmarkt.

Die Konkurrenz im Nahen Osten ist groß. Was macht Riyadh Air anders?
Die einfache Antwort ist: Das Ziel. Riyadh ist das Ziel aller Flüge. Saudi-Arabien hat knapp 36 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, die im Schnitt 30 Jahre alt sind. Es ist die erste Generation, die digital aufgewachsen ist und gerne reist. Wir setzen auf Punkt-zu-Punkt-Verkehr: Riyadh – Berlin – Riyadh oder Riyadh – London – Riyadh. Wir werden keine Stopover-Airline. Im Vergleich zur angesprochenen Konkurrenz haben wir einen Heimatmarkt. Unser Produkt wird außergewöhnlich.

Wie genau wird das Bordprodukt denn aussehen?
Wir setzen auf eine extrem luxuriöse Business-Class, die nicht wie bei anderen Airlines aus zehn verschiedenen Sitzen bestehen wird. Zudem werden unsere Premium Economy und die normale Economy zu den besten zählen, was derzeit angeboten wird.  Details kann ich aber noch nicht verraten.

Eine First Class wird es nicht geben?
Nein. Wie schon gesagt, wir setzen auf maximale Effizienz und eine First Class ist aus finanzieller Sicht nicht effizient, das werden Ihnen auch andere Finanzvorstände bestätigen.


Flugzeug von unten. Bild: Riyadh Air

Mit Riyadh Air können Sie eine Airline komplett neu entwerfen. Was sind die Vorteile?
Ich sehe drei Vorteile: Wir können aus früheren Fehlern lernen, das heißt, wir verstehen, was der Gast will. Der zweite Vorteil ist Zeit. Wir lassen uns Zeit. Wir kündigen nicht ständig Neuheiten an. Wir kümmern uns darum, von Anfang bis zum Ende der gesamten Reise einen Premium-Service anzubieten. Und der dritte Punkt ist die Nutzung der digitalen Möglichkeiten. Wir werden eher einem Technologieunternehmen ähneln als einer traditionellen Fluggesellschaft.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?
Wir werden einen digitalen One-Stop-Shop anbieten. Das ist mehr als heute jede App kann.

Und was  sind die Nachteile?
Ich glaube nicht, dass es Nachteile gibt. Ich denke, es ist überfällig. Es besteht Bedarf nach Riyadh Air. Saudi-Arabien hat Platz für mindestens zwei Full-Service-Fluggesellschaften. Das ergibt sich allein aus der Größe des Königreichs. Riyadh und Jeddah sind 2,5 Flugstunden voneinander entfernt.

*Adam Boukadida ist seit Januar 2023 Finanzvorstand von Riyadh Air. Der Finanzexperte arbeitete undter anderem für Tesco bevor er sich neun Jahre in verschiedenen Positionen um die Finanzen von Etihad Airways kümmerte.