Nach den Turbulenzen der letzten Wochen im Konzern ist klar, dass Lufthansa City Airlines schneller wachsen soll. Wie groß ist die Flotte aktuell und wird das weitere Wachstum aussehen?
Thomas Forster*: Aktuell haben wir 16 Flugzeuge in unserem AOC. Bis Ende des Jahres wachsen wir auf 20 A320 Neo und vier A319 sowie einen A220-300. Das sind dann 25 Flugzeuge. Bis 2029 planen wir mit bis zu 63 Flugzeugen. Das Ganze ist entsprechend flexibel angelegt, um mögliche Anpassungen im Verlauf zu berücksichtigen. Das ist aber unsere grobe Marschrichtung.
Hat Lufthansa City Airlines für das Wachstum genug Cockpitpersonal?
Für den aktuellen Betrieb haben wir genug Crews. Wir wachsen stetig und das bedeutet, dass wir laufend neues Cockpitpersonal einstellen können. Grob gerechnet kommt bei uns jeden Monat ein neues Flugzeug dazu, vorausgesetzt die Hersteller liefern wie geplant.
Wenn alles nach Plan verläuft. Wie viele neue Piloten braucht City Airlines pro Jahr?
Wenn man mit zwölf neuen Flugzeugen im Jahr wächst, braucht man pro Flugzeug rund zehn Piloten, fünf Kapitäne und fünf Copiloten. Das macht ungefähr 60 Kapitäne pro Jahr, im optimalen Fall entwickeln wir die intern aus den eigenen Copiloten. Auch wenn wir nach zwei Jahren nicht mehr am Anfang stehen, setzen wir weiterhin auf externe Verstärkung.
Der Pilotenmarkt gilt als angespannt. Swiss konnte ihr angestrebtes Wachstum nicht realisieren, weil Pilotinnen und Piloten fehlten. Erleben Sie das auch?
Das muss man differenziert betrachten. Letzten Monat haben wir zum Beispiel 20 neue Piloten begrüßt und damit deutlich mehr als nötig. Dafür kommen manche Monate nur vier bis sechs dazu. Aber es gibt gerade keinen echten Mangel. Wir rechnen eher damit, dass es in den nächsten zehn Jahren eine Delle geben könnte – durch die Altersstruktur in Europa und die Tatsache, dass während Corona kaum jemand eine Flugschule besucht hat.
Und dann hängt alles sehr stark am Wachstum. Vor zwei Monaten dachten alle, die Rekrutierung wird anspruchsvoll. Dann steht plötzlich die Golf-Region still, und die Leute schauen sich woanders um. Der Markt ist dynamisch.
Was müssen Bewerberinnen und Bewerber mitbringen, wenn sie sich bei City Airlines fliegen möchten?
Einen Pilotenschein für Verkehrsflugzeuge und ein gültiges Medical. Beim Alter gibt es keine Grenzen mehr. Bei uns fliegen junge Berufseinsteiger Seite an Seite mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fluggesellschaften. Kürzlich haben wir einen 50-jährigen Copiloten gewonnen, der zuvor in einer ganz anderen Branche sehr erfolgreich war.Wir glauben daran, dass eine diverse Belegschaft eine bessere Firma macht. Homogene Lebensläufe können zwar stark sein, aber ohne Vielfalt fehlt die notwendige Breite.
Gilt das für Cockpitpersonal von Cityline? Es sollen bisher nicht viele das Wechselangebot angenommen haben.
Es gibt bereits Piloten, die von Lufthansa Cityline zu City Airlines gewechselt sind.. Wir haben noch deutlich mehr Platz für weitere. Gerade für Copiloten kann ein Wechsel zu uns besonders attraktiv sein, denn hier können sie deutlich schneller den Schritt zum Kapitän machen als möglicherweise woanders. Und das ist letztlich der entscheidende Karriereschritt.
Spielt die Herkunft oder Nationalität eine Rolle?
Überhaupt nicht. Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die in Südamerika oder Vietnam geflogen sind. Wir haben auch Bewerber von ehemals Air Berlin und Germanwings, oder auch von anderen innerdeutschen Airlines wie Condor. Die Firmensprache ist Englisch, Deutsch ist kein Muss. Was zählt sind gemeinsame Grundwerte: anständiger Umgang, gutes Englisch, Freude am Aufbauen und ein positiver Mindset.
Muss künftiges fliegendes Personal in München oder Frankfurt wohnen?
Unsere Basen sind München und Frankfurt. Beides lebenswerte Städte. Theoretisch kann man auch woanders wohnen, aber in der Praxis ist das Pendeln herausfordernd. Mit einem 5-Tage-Dienst und zwei freien Tagen funktioniert eine tägliche Anreise aus Mallorca oder Lissabon einfach nicht.
Warum sollte man zu City Airlines kommen und nicht zu etablierten großen Airlines?
Das Hauptargument ist die Perspektive. In der Fliegerei ist man normalerweise in einem sehr statischen System. Wenn man zu British Airways oder Lufthansa Airlines geht, kann man nur Karriere machen, wenn die Fluggesellschaft selbst wächst. Bei uns findet das Wachstum jetzt gerade statt. Wir bekommen ganz bald 40 Airbus A220-300. Der erste kommt im Herbst, die ersten Piloten sind bereits im Training. Wer früh dabei ist, kann dieses Flugzeug von Anfang an mitgestalten. Unsere kontinuierlich wachsenden Strukturen eröffnen Chancen, die man in sehr großen Airlines nicht so einfach bekommt.
Wie schnell ist der Weg zum Kapitän?
Genau das ist der Punkt. Bei Lufthansa Airlines gab es in den letzten Jahren kaum Kapitänsstellen. Das Wachstum findet im Moment hauptsächlich bei uns und bei Discover statt. Ein Copilot, der zu uns kommt und Kapitän wird, macht damit einen riesigen Karriereschritt – auch wenn er in der Copilotenstufe vielleicht kurzfristig etwas weniger verdient. Und wer weiß: Mit dem Kapitänstitel in einem Lufthansa-Konzernunternehmen stehen viele Türen offen.
Im Herbst kommt der erste von 40 Airbus A220. Was heißt das für City Airlines?
Nebst unserer A320-Flotte ist die A220 eine Riesenchance. Die A220 ist ein komplett neu entwickeltes Flugzeug. Die ursprüngliche A320-Generation wurde zwar bereits in den 1980er-Jahren konzipiert, die Familie wurde jedoch seither kontinuierlich weiterentwickelt und modernisiert. Der A320 ist ein erprobtes und erfolgreiches Modell, der A220 repräsentiert jedoch eine neuere Flugzeuggeneration. Der A220 ist modern, sparsam, und für viele eine echte Möglichkeit, etwas Neues aufzubauen. Wenn innerhalb der Lufthansa Group ein neuer Flugzeugtyp eingeführt wird, ist man früh dabei und kann von Anfang an mitgestalten. Das ist selten.
Nur ein Airbus A220-Rating haben aber noch nicht(?) viele Piloten und Piloten. Wie gehen Sie damit um?
Das stimmt, es ist eine Herausforderung, jedoch können wir Type Ratings durchführen. Das dauert zwei bis drei Monate, je nachdem wie man plant, plus anschließende Linienausbildung. Für die ersten Einsteiger gibt es bereits eine Übergangslösung: Wir haben Partnerschaften mit anderen Airlines, bei denen die Piloten zunächst drei bis vier Monate Erfahrung auf dem Muster sammeln können. Damit wir von Anfang an erfahrene Pilotinnen und Piloten auf dem A220 haben. Air Baltic ist da einer der größten Betreiber und ein Partner, mit dem wir zusammenarbeiten.
Das klingt so schön nach Aufbau. Wie hoch ist denn die Fluktuation bei City Airlines?
Im Cockpit haben uns bisher von über 250 Pilotinnen und Piloten genau drei verlassen und einen anderen Weg einschlagen, zum Beispiel auf die Langstrecke gehen oder in das Heimatland zurückkehren, da es dort ein tolles Angebot gab. Unzufriedenheitsfluktuation haben wir keine. Das ist ein sehr positives Zeichen, das für unsere Airline spricht. Klar ist ein Start-up anspruchsvoll, man fliegt viel, man wächst, man arbeitet viel. Aber wir haben gerade tarifiert, die Perspektive ist da, und das ist letztlich das, was Menschen wirklich hält.
*Thomas Forster (42) ist Kapitän und Chefpilot auf dem Airbus A320 bei Lufthansa City Airlines. In dieser Funktion ist er unter anderem für die Ausbildung der Cockpitbesatzungen auf dem Schmalrumpfjet verantwortlich. Forster begann seine Karriere als Copilot bei Germanwings, flog anschließend für Lufthansa auf A330 und A340, bevor er als Kapitän zu Germanwings zurückkehrte. Dort übernahm er die Stationsleitung in Köln, Düsseldorf und Dortmund. Seinen Master in Luftsicherheitsmanagement schloss er mit Auszeichnung ab.
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