Am Vormittag des 24. März 2015 hatte Germanwings-Flugbegleiter Kacem Bitich frei. Er ging mit seinem Freund durch einen Baumarkt in Köln-Porz und überlegte, welche Farbe gut zu seiner Wohnzimmerwand passen würde, als ihn eine furchtbare Nachricht erreichte.
«Ein Flugzeug unserer Airline war abgestürzt. Sofort begannen die Gedanken zu kreisen. Wer war die Crew? Wie viele Passagiere waren an Bord? Was genau war passiert? Gab es Überlebende? Während andere Menschen die Nachrichten sahen, wusste ich bereits, was dieser Anruf für mich bedeutete. Ich war Mitglied des Special Assistance Teams. Genau für einen solchen Fall waren wir ausgebildet worden. Wir brachen den Einkauf sofort ab und machten uns auf den Heimweg. Während der Fahrt gingen mir die SAT-Übungen durch den Kopf. Die jährlichen Trainings. Die simulierten Flugunfälle. Die Schauspieler, die Angehörige spielten. Die Checklisten. Damals waren es Übungen gewesen. Jetzt war es Wirklichkeit.
Zu Hause angekommen öffnete ich den Schrank und holte meine SAT-Unterlagen hervor. Automatisch begann ich die Checkliste abzuarbeiten. Drei Tage Kleidung. SAT-Ausweis. Ladekabel. Bargeld. Bankkarte. Reisepass. Alles musste schnell gehen. Trotzdem lief jeder Handgriff wie in Zeitlupe ab. Ein Teil von mir funktionierte bereits professionell. Ein anderer Teil konnte noch immer nicht begreifen, was geschehen war.»
So beschreibt Bitich im zweiten Kapitel seines neuen Buches die ersten Momente, nachdem er vom Absturz von Germanwings-Flug 9525 erfahren hatte. Das Buch heißt «Die Last eines Kollegen: Als Flugbegleiter im Schatten der Germanwings-Katastrophe». Es erscheint in Kürze. Darin erzählt er über den Absturz mit 150 Todesopfern aus der Perspektive eines Germanwings-Flugbegleiters, der sich als Mitglied des Special Assistance Teams um die Angehörigen kümmerte. Und er beschreibt die persönlichen Folgen dieses Einsatzes.
Mit Taxis fuhr das SAT-Team zum Flughafen Düsseldorf
Bitich begann seine Karriere als Flugbegleiter bei Air Berlin am Flughafen Köln/Bonn und wechselte 2009 zu Germanwings. 2013 trat er dort ins SAT-Team ein, das bei Unglücken und in Krisen Unterstützung bietet für Fluggäste, Angehörige sowie Kolleginnen und Kollegen.
Als am 24. März 2015 Germanwings-Flug 9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abstürzte, fuhr der Flugbegleiter zunächst in die Zentrale der Fluggesellschaft in der Nähe des Flughafens Köln/Bonn, wo das SAT-Team sich traf. Von dort ging es für rund 15 Helferinnen und Helfer mit Taxis weiter zum Flughafen Düsseldorf.
«Viele Fragen, die ich auch noch nicht beantworten konnte»
«Dort warteten rund 20 bis 30 Angehörige, die man in den VIP-Bereich gebracht hatte und bei denen schon zwei Seelsorger der Stadt Düsseldorf waren, als wir dazukamen», erinnert sich Bitich im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. «Zunächst einmal hatten sie viele Fragen, die ich auch noch nicht beantworten konnte: Wo ist die Absturzstelle? Hat jemand überlebt?»
Dennoch sei es für die Angehörigen zunächst das Wichtigste gewesen, dass ihnen jemand zuhörte, dass sie jemanden zum Reden hatten. «Als dann klar war, dass die Absturzstelle gefunden war, haben wir uns mit dem SAT-Team kurz für eine Besprechung mit der Germanwings-Geschäftsleitung zurückgezogen und es dann gemeinsam den Angehörigen mitgeteilt.» Schließlich habe es auch erste Bilder in den Medien gegeben. «Das war der schlimmste Moment an diesem Tag», sagt der damalige Flugbegleiter.
«Wir hatten damit gerechnet, ein Flugzeug zu erkennen»
Die Bilder hätten nicht nur die Angehörigen schockiert, sondern auch die Mitglieder des SAT-Teams, so Bitich. «Wir hatten damit gerechnet, ein Flugzeug zu erkennen. Aber dann standen wir vor diesem Fernseher und sahen nur kleine Flugzeugteile in diesem Bergmassiv.»
Für die Angehörigen seien weiterhin die Gespräche das Wichtigste gewesen. «Außerdem habe ich alles gemacht, um die Situation für sie irgendwie ein bisschen erträglicher zu machen. Ich habe Zigaretten organisiert. Ich habe Taxis gerufen für diejenigen, die nach Hause wollten. Und Hotelzimmer für diejenigen gebucht, die am Flughafen bleiben wollten.»
Der eigene Kollege hatte das Flugzeug zum Absturz gebracht
Gegen 22 Uhr wurde Bitich dann mit anderen Mitgliedern des SAT-Teams selber in ein Hotel gebracht. «Beim Abendessen haben wir uns natürlich unterhalten und uns gefragt: Was kann da nur passiert sein, was zu diesem Unglück geführt hat? Und was bedeutet das für uns und für unsere Fluggesellschaft?» Insgesamt arbeitete der Flugbegleiter eine Woche im SAT-Team, unter anderem im «Family Care Center», das in einem Hotel am Flughafen eröffnet wurde. «Da kamen zum Beispiel Angehörige aus Barcelona an und wir haben Flugtickets und Hotelzimmer für Angehörige gebucht, die zur Absturzstelle reisen wollten», erzählt er.
«Das hat viel kaputt gemacht, es hat etwas zerbrechen lassen»
Er habe die Crewmitglieder vom Sehen gekannt, so Bitich, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnerte, ob er je selbst mit einem oder einer von ihnen geflogen war. «Dass jemand, mit dem man im Briefing sitzt, mit dem man auf Tour ist, dem man vertraut, der Täter war, war das Schlimmste. Das hat bei mir viel kaputt gemacht, es hat etwas zerbrechen lassen.»
Auch die Mitglieder des SAT-Teams wurden von einer Psychologin betreut. «Erstmal versucht man aber, so gut wie möglich für die Angehörigen da zu sein und schaut gar nicht so sehr auf sich selbst», sagt Bitich. «Natürlich ist es etwas anderes, ob man bei einer Übung einem Schauspieler gegenübersitzt oder einem echten Angehörigen.» Dennoch habe er sich so gut wie möglich betreut und vorbereitet gefühlt. «Was man gelernt hat bei den SAT-Übungen, gibt einem Struktur und Halt, man weiß, was man tun muss, man bleibt ruhig, man funktioniert.»
Reise zur Absturzstelle sollte Abschluss sein
Nach einer Woche Einsatz zog sich der Flugbegleiter erschöpft zurück und wurde durch ein anderes SAT-Mitglied ersetzt, das neu ins Team kam. Danach nahm er sechs Wochen Auszeit. «Und dann bin ich wieder Fliegen gegangen.» Am Anfang habe sich das seltsam angefühlt, für alle an Bord, aber mit der Zeit sei die Normalität Stück für Stück zurückgekehrt.
Gedenkstätte in Le Vernet: In Erinnerung an die Opfer vom 24. März 2015. Kacem Bitich
2016 reiste er mit anderen SAT-Team-Mitgliedern zur Absturzstelle, um abschließen zu können mit dem Unglück. Und 2018 wechselte er zu einer anderen Fluggesellschaft nach Frankfurt. An dieser Stelle hätte die Geschichte enden können - tat sie aber nicht.
«Und dann begann ich, Angst vor der Angst zu haben»
«2024 war ich auf einem Langstreckenflug gerade zurück vom Service und stand in der Galley, als auf einmal mein Puls und mein Herz zu rasen begannen und ich ohne ersichtlichen Grund eine Panikattacke bekam.» Er ging zum Betriebsarzt, der ihn für einige Wochen krank schrieb. Doch danach kam mit seinem nächsten Einsatz die nächste Panikattacke. «Und dann begann ich, Angst vor der Angst zu haben», so Bitich.
Und in dem Moment war klar: Er kann nicht mehr fliegen. «Ich habe eine Therapie begonnen und es wurde festgestellt, dass ich eine Posttraumatische Belastungsstörung habe. Und die Ärzte haben mir erklärt, dass so etwas auch erst viele Jahre nach dem traumatischen Erlebnis ausbrechen kann.» Der Auslöser sei für ihn seitdem das Flugzeug. Schon wenn er Richtung Flughafen fahre, und sei es nur als Passagier, beginne sein Herz zu rasen.
«Würde mir wünschen, wieder fliegen zu können wie früher»
Bis heute ruht Bitichs Arbeitsvertrag, weil er nicht flugtauglich ist. Er hat eine andere Arbeit begonnen, seine Therapie läuft weiter. «Flugbegleiter war immer mein Traumjob, und ich würde mir wünschen, wieder fliegen zu können wie früher», sagt er. «Aber ich muss realistisch sein und mir eingestehen, dass das wahrscheinlich mehr geht.»
Sein Buch hat Bitich geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten, um es sich von der Seele zu schreiben. Und um psychische Erkrankungen wie Posttraumatische Belastungsstörungen zu enttabuisieren. «Außerdem möchte ich, dass diese Geschichte auch aus der Perspektive eines SAT-Team-Mitglieds erzählt wird. Damit sichtbar wird, dass auch im Hintergrund Menschen, deren Arbeit nicht jeder kennt, helfen und ihre Last damit zu tragen haben.»
Trotz allem ein Appell für einen Eintritt ins SAT-Team
Trotz der Belastungen und der psychischen Folgen des Einsatzes sagt er auch heute: «Ich würde jedem Flugbegleiter und jeder Flugbegleiterin empfehlen, sich dem SAT-Team anzuschließen, wenn er oder sie das Gefühl hat, dafür geeignet zu sein», sagt Bittich. «Denn es ist wichtig, dass bei einem Unglück nicht nur allgemeine Seelsorger für die Menschen da sind, sondern zusätzlich auch Leute aus der Luftfahrt, die verstehen, was da passiert.»
Die Vorbereitung und die Betreuung durch seinen damaligen Arbeitgeber Germanwings lobt Bitich, er sieht keinerlei Versäumnisse, im Gegenteil. Mit Blick auf seine psychischen Folgen gesteht er aber auch ein: «Es bleibt ein Restrisiko. Man kann vorher eben nicht wissen, was so ein Unglück mit einem macht, egal wie gut man vorbereitet ist und wie gut alles um einen herum organisiert ist. Daher hoffe ich, dass solch ein Absturz nie wieder geschieht.»
Kacem Bitich mit seinem Buch. Kacem Bitich
Bitichs Buch heißt «Die Last eines Kollegen - als Flugbegleiter im Schatten der Germanwings- Katastrophe». Es ist am 17. September 2026 beim Self-Publishing-Dienstleister BoD (Books on Demand) erschienen unter der ISBN/EAN: 978-3-696-37125-8.