Gedenktafel am Flughafen Düsseldorf: «Stärker als der Tod ist die Liebe».

Germanwings-Flug 4U9525«Dass der eigene Kollege das Flugzeug zum Absturz gebracht hat, war unbegreiflich»

Im März 2015 zerschellte ein Airbus A320 von Germanwings mit 150 Menschen an den französischen Alpen. Der Flugbegleiter Kacem Bitich gehörte zum Special Assistance Team der Fluglinie und kümmerte sich um Angehörige am Flughafen Düsseldorf. Jetzt hat er ein Buch über den Einsatz geschrieben, der bis heute Folgen für sein Leben hat.

Top-Jobs

bwlv

Fluggerätmechaniker (m/w/d)

BWLV-Motorflugschule Hahnweide
Vollzeit
Kirchheim/Teck
Top jobs
Deutschland
Feste Anstellung
Flugschule
Pilatus Logo

Team Leader Account Management

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller
Hahnair Logo

Compliance Monitoring Manager (all genders)

Hahn Air Lines GmbH
Vollzeit
Düsseldorf
Top jobs
Deutschland
Feste Anstellung
Luftfahrt
Etihad Job

Captain A320

Etihad Airways
Vollzeit
Abu Dhabi
Top jobs
United Arab Emirates
Feste Anstellung

Am Vormittag des 24. März 2015 hatte Germanwings-Flugbegleiter Kacem Bitich frei. Er ging mit seinem Freund durch einen Baumarkt in Köln-Porz und überlegte, welche Farbe gut zu seiner Wohnzimmerwand passen würde, als ihn eine furchtbare Nachricht erreichte.

«Ein Flugzeug unserer Airline war abgestürzt. Sofort begannen die Gedanken zu kreisen. Wer war die Crew? Wie viele Passagiere waren an Bord? Was genau war passiert? Gab es Überlebende? Während andere Menschen die Nachrichten sahen, wusste ich bereits, was dieser Anruf für mich bedeutete. Ich war Mitglied des Special Assistance Teams. Genau für einen solchen Fall waren wir ausgebildet worden. Wir brachen den Einkauf sofort ab und machten uns auf den Heimweg. Während der Fahrt gingen mir die SAT-Übungen durch den Kopf. Die jährlichen Trainings. Die simulierten Flugunfälle. Die Schauspieler, die Angehörige spielten. Die Checklisten. Damals waren es Übungen gewesen. Jetzt war es Wirklichkeit.

Zu Hause angekommen öffnete ich den Schrank und holte meine SAT-Unterlagen hervor. Automatisch begann ich die Checkliste abzuarbeiten. Drei Tage Kleidung. SAT-Ausweis. Ladekabel. Bargeld. Bankkarte. Reisepass. Alles musste schnell gehen. Trotzdem lief jeder Handgriff wie in Zeitlupe ab. Ein Teil von mir funktionierte bereits professionell. Ein anderer Teil konnte noch immer nicht begreifen, was geschehen war.»

So beschreibt Bitich im zweiten Kapitel seines neuen Buches die ersten Momente, nachdem er vom Absturz von Germanwings-Flug 9525 erfahren hatte. Das Buch heißt «Die Last eines Kollegen: Als Flugbegleiter im Schatten der Germanwings-Katastrophe». Es erscheint in Kürze. Darin erzählt er über den Absturz mit 150 Todesopfern aus der Perspektive eines Germanwings-Flugbegleiters, der sich als Mitglied des Special Assistance Teams um die Angehörigen kümmerte. Und er beschreibt die persönlichen Folgen dieses Einsatzes.

Mit Taxis fuhr das SAT-Team zum Flughafen Düsseldorf

Bitich begann seine Karriere als Flugbegleiter bei Air Berlin am Flughafen Köln/Bonn und wechselte 2009 zu Germanwings. 2013 trat er dort ins SAT-Team ein, das bei Unglücken und in Krisen Unterstützung bietet für Fluggäste, Angehörige sowie Kolleginnen und Kollegen.

Als am 24. März 2015 Germanwings-Flug 9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abstürzte, fuhr der Flugbegleiter zunächst in die Zentrale der Fluggesellschaft in der Nähe des Flughafens Köln/Bonn, wo das SAT-Team sich traf. Von dort ging es für rund 15 Helferinnen und Helfer mit Taxis weiter zum Flughafen Düsseldorf.

«Viele Fragen, die ich auch noch nicht beantworten konnte»

«Dort warteten rund 20 bis 30 Angehörige, die man in den VIP-Bereich gebracht hatte und bei denen schon zwei Seelsorger der Stadt Düsseldorf waren, als wir dazukamen», erinnert sich Bitich im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. «Zunächst einmal hatten sie viele Fragen, die ich auch noch nicht beantworten konnte: Wo ist die Absturzstelle? Hat jemand überlebt?»

Dennoch sei es für die Angehörigen zunächst das Wichtigste gewesen, dass ihnen jemand zuhörte, dass sie jemanden zum Reden hatten. «Als dann klar war, dass die Absturzstelle gefunden war, haben wir uns mit dem SAT-Team kurz für eine Besprechung mit der Germanwings-Geschäftsleitung zurückgezogen und es dann gemeinsam den Angehörigen mitgeteilt.» Schließlich habe es auch erste Bilder in den Medien gegeben. «Das war der schlimmste Moment an diesem Tag», sagt der damalige Flugbegleiter.

«Wir hatten damit gerechnet, ein Flugzeug zu erkennen»

Die Bilder hätten nicht nur die Angehörigen schockiert, sondern auch die Mitglieder des SAT-Teams, so Bitich. «Wir hatten damit gerechnet, ein Flugzeug zu erkennen. Aber dann standen wir vor diesem Fernseher und sahen nur kleine Flugzeugteile in diesem Bergmassiv.»

Für die Angehörigen seien weiterhin die Gespräche das Wichtigste gewesen. «Außerdem habe ich alles gemacht, um die Situation für sie irgendwie ein bisschen erträglicher zu machen. Ich habe Zigaretten organisiert. Ich habe Taxis gerufen für diejenigen, die nach Hause wollten. Und Hotelzimmer für diejenigen gebucht, die am Flughafen bleiben wollten.»

Der eigene Kollege hatte das Flugzeug zum Absturz gebracht

Gegen 22 Uhr wurde Bitich dann mit anderen Mitgliedern des SAT-Teams selber in ein Hotel gebracht. «Beim Abendessen haben wir uns natürlich unterhalten und uns gefragt: Was kann da nur passiert sein, was zu diesem Unglück geführt hat? Und was bedeutet das für uns und für unsere Fluggesellschaft?» Insgesamt arbeitete der Flugbegleiter eine Woche im SAT-Team, unter anderem im «Family Care Center», das in einem Hotel am Flughafen eröffnet wurde. «Da kamen zum Beispiel Angehörige aus Barcelona an und wir haben Flugtickets und Hotelzimmer für Angehörige gebucht, die zur Absturzstelle reisen wollten», erzählt er.

Der schlimmste Moment für ihn in dieser Zeit war, als die französische Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz mitteilte, dass Kopilot Andreas Lubitz den A320 absichtlich zum Absturz gebracht hatte. «Dass nicht ein technischer Defekt der Grund für den Absturz war, sondern der eigene Kollege das Flugzeug zum Absturz gebracht hat, war unbegreiflich.»

«Das hat viel kaputt gemacht, es hat etwas zerbrechen lassen»

Er habe die Crewmitglieder vom Sehen gekannt, so Bitich, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnerte, ob er je selbst mit einem oder einer von ihnen geflogen war. «Dass jemand, mit dem man im Briefing sitzt, mit dem man auf Tour ist, dem man vertraut, der Täter war, war das Schlimmste. Das hat bei mir viel kaputt gemacht, es hat etwas zerbrechen lassen.»

Auch die Mitglieder des SAT-Teams wurden von einer Psychologin betreut. «Erstmal versucht man aber, so gut wie möglich für die Angehörigen da zu sein und schaut gar nicht so sehr auf sich selbst», sagt Bitich. «Natürlich ist es etwas anderes, ob man bei einer Übung einem Schauspieler gegenübersitzt oder einem echten Angehörigen.» Dennoch habe er sich so gut wie möglich betreut und vorbereitet gefühlt. «Was man gelernt hat bei den SAT-Übungen, gibt einem Struktur und Halt, man weiß, was man tun muss, man bleibt ruhig, man funktioniert.»

Reise zur Absturzstelle sollte Abschluss sein

Nach einer Woche Einsatz zog sich der Flugbegleiter erschöpft zurück und wurde durch ein anderes SAT-Mitglied ersetzt, das neu ins Team kam. Danach nahm er sechs Wochen Auszeit. «Und dann bin ich wieder Fliegen gegangen.» Am Anfang habe sich das seltsam angefühlt, für alle an Bord, aber mit der Zeit sei die Normalität Stück für Stück zurückgekehrt.

Gedenkstätte in Le Vernet: In Erinnerung an die Opfer vom 24. März 2015.

2016 reiste er mit anderen SAT-Team-Mitgliedern zur Absturzstelle, um abschließen zu können mit dem Unglück. Und 2018 wechselte er zu einer anderen Fluggesellschaft nach Frankfurt. An dieser Stelle hätte die Geschichte enden können - tat sie aber nicht.

«Und dann begann ich, Angst vor der Angst zu haben»

«2024 war ich auf einem Langstreckenflug gerade zurück vom Service und stand in der Galley, als auf einmal mein Puls und mein Herz zu rasen begannen und ich ohne ersichtlichen Grund eine Panikattacke bekam.» Er ging zum Betriebsarzt, der ihn für einige Wochen krank schrieb. Doch danach kam mit seinem nächsten Einsatz die nächste Panikattacke. «Und dann begann ich, Angst vor der Angst zu haben», so Bitich.

Und in dem Moment war klar: Er kann nicht mehr fliegen. «Ich habe eine Therapie begonnen und es wurde festgestellt, dass ich eine Posttraumatische Belastungsstörung habe. Und die Ärzte haben mir erklärt, dass so etwas auch erst viele Jahre nach dem traumatischen Erlebnis ausbrechen kann.» Der Auslöser sei für ihn seitdem das Flugzeug. Schon wenn er Richtung Flughafen fahre, und sei es nur als Passagier, beginne sein Herz zu rasen.

«Würde mir wünschen, wieder fliegen zu können wie früher»

Bis heute ruht Bitichs Arbeitsvertrag, weil er nicht flugtauglich ist. Er hat eine andere Arbeit begonnen, seine Therapie läuft weiter. «Flugbegleiter war immer mein Traumjob, und ich würde mir wünschen, wieder fliegen zu können wie früher», sagt er. «Aber ich muss realistisch sein und mir eingestehen, dass das wahrscheinlich mehr geht.»

Sein Buch hat Bitich geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten, um es sich von der Seele zu schreiben. Und um psychische Erkrankungen wie Posttraumatische Belastungsstörungen zu enttabuisieren. «Außerdem möchte ich, dass diese Geschichte auch aus der Perspektive eines SAT-Team-Mitglieds erzählt wird. Damit sichtbar wird, dass auch im Hintergrund Menschen, deren Arbeit nicht jeder kennt, helfen und ihre Last damit zu tragen haben.»

Trotz allem ein Appell für einen Eintritt ins SAT-Team

Trotz der Belastungen und der psychischen Folgen des Einsatzes sagt er auch heute: «Ich würde jedem Flugbegleiter und jeder Flugbegleiterin empfehlen, sich dem SAT-Team anzuschließen, wenn er oder sie das Gefühl hat, dafür geeignet zu sein», sagt Bittich. «Denn es ist wichtig, dass bei einem Unglück nicht nur allgemeine Seelsorger für die Menschen da sind, sondern zusätzlich auch Leute aus der Luftfahrt, die verstehen, was da passiert.»

Die Vorbereitung und die Betreuung durch seinen damaligen Arbeitgeber Germanwings lobt Bitich, er sieht keinerlei Versäumnisse, im Gegenteil. Mit Blick auf seine psychischen Folgen gesteht er aber auch ein: «Es bleibt ein Restrisiko. Man kann vorher eben nicht wissen, was so ein Unglück mit einem macht, egal wie gut man vorbereitet ist und wie gut alles um einen herum organisiert ist. Daher hoffe ich, dass solch ein Absturz nie wieder geschieht.»

Kacem Bitich mit seinem Buch.

Bitichs Buch heißt «Die Last eines Kollegen - als Flugbegleiter im Schatten der Germanwings- Katastrophe». Es ist am 17. September 2026 beim Self-Publishing-Dienstleister BoD (Books on Demand) erschienen unter der ISBN/EAN: 978-3-696-37125-8.

Mehr zum Thema

Airbus A319 Germanwings: Nun ist die Fluglinie definitiv Geschichte.

Jetzt ist auch die rechtliche Hülle weg: Lufthansa Group begräbt Germanwings endgültig

Eine Boeing 747 der Corsair am Flughafen Schönefeld.

Schönefeld - vom DDR- zum Billigflieger-Flughafen

Eurowings entstand am 1. Februar 1993 aus der Fusion von Nürnberger Flugdienst NFD und Reise- und Industrieflug RFG.

500 Mark, Flamingos und Flüge für KLM - wie Eurowings zu Lufthansa fand

CRJ 900 von Lufthansa Cityline: Ein Flieger wie dieser war aktuell betroffen.

Lufthansa macht bei Cityline 2 vorwärts

Video

dubai vertiport 22
Wie funktioniert ein Verkehrsmittel, das es bislang noch gar nicht im kommerziellen Betrieb gibt? In Dubai laufen die letzten Vorbereitungen für den Start von Flugtaxis. Skyports-Manager Gareth Wilson verrät, warum Passagiere gewogen werden, wie schnell der Check-in ablaufen soll und weshalb das Netz mit nur einem einzigen Evtol startet.
gerard al fil
Gérard Al-Fil
Airbus A350 F Erstflug in Toulouse: Der Frachter war vier Stunden in der Luft.
Vier Stunden, 220 Gigabyte Daten und ein Start ohne elektronische Schutzfunktionen: Der Airbus A350 F ist zum ersten Mal geflogen. Was die Crew testete und was den Frachter besonders macht.
Benjamin Recklies
Benjamin Recklies
airbus a350 f erstflug 01
Am Dienstag ist der Airbus-A350-Frachter zum ersten Mal abgehoben. Ende 2027 will der Flugzeugbauer den ersten A350 F aus der Serienproduktion ausliefern. Zwei Kunden kommen für die Premiere infrage.
Benjamin Recklies
Benjamin Recklies
Timo Nowack
Timo Nowack