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Abnahmeflug von Lufthansa

«Wir bringen den Airbus A350 heute an seine Grenzen»

Bevor eine Fluglinie ein Flugzeug übernimmt, führt sie einen letzten Flugtest durch. Dabei fliegt sie spezielle Manöver, simuliert Probleme und prüft die Kabine. Wir waren beim Abnahmeflug des neuesten Airbus A350 von Lufthansa dabei.

Wenn Martin Hoell und Thomas Wilhelm ins Cockpit steigen, ist schon viel Vorarbeit geleistet worden. Mitarbeiter von Lufthansa haben den brandneuen Airbus A350-900 schon genauestens unter die Lupe genommen. Ein Fleck auf dem Teppich, eine schlecht schließende Schublade, ein Kratzer an einem Sitz, eine nicht schön geschlossene Fuge – alles haben sie Airbus gemeldet. Und die Mitarbeiter des Flugzeugbauers haben es korrigiert.

Nicht nur das Interieur wurde bereits eingehend geprüft. Die Experten von Lufthansa unterzogen die Triebwerke ausführlichen Tests. Und wie sich der 16. A350 von Lufthansa in der Luft verhält, hat Airbus auf einem Testflug schon einmal überprüft. Bevor die Fluggesellschaft den Langstreckenflieger definitiv in ihre Flotte übernimmt, fehlt aber noch ein wichtiger, letzter Schritt: der Abnahmeflug oder Acceptance Flight, wie er im Branchenjargon heißt.

«Innerhalb der zugelassenen Parameter»

Nun ist es soweit. Hoell, Chef der Münchener Langstreckenflotte von Lufthansa, und Airbus-Testpilot Wilhelm sitzen an diesem Morgen in einem Konferenzraum auf dem Werksgelände von Airbus in Toulouse. Zusammen mit einer Handvoll Kollegen besprechen sie, was sie in den nächsten rund zweieinhalb Stunden tun werden.

Mit am Tisch sitzt Matthias Queck, Flugtest-Ingenieur von Airbus. «Wir bringen den Airbus A350 heute an seine Grenzen», sagt er. Auf dem Abnahmeflug teste man, wie sich ein Flieger am Rande des regulären Betriebs verhalte. Extreme Kurven, steile Anstiege, simuliertes Hydraulikversagen oder auch Verhalten bei minimalen Geschwindigkeiten – alles wird überprüft. «Wir bleiben dabei jedoch immer innerhalb der zugelassenen Parameter», so Queck.

15 Grad nach unten…

Was der Airbus-Mann mit «an die Grenzen gehen», meint, zeigt sich fünf Minuten nachdem der Airbus A350 mit der provisorischen Testregistrierung F-WZGC am Aéroport Toulouse-Blagnac abhebt und in den Himmel Südfrankreichs steigt. Hoell meldet sich über die Lautsprecher: «Bitte bleiben sie jetzt angeschnallt sitzen». Er und sein Kopilot gehen in den Steilflug. 30 Grad ziehen sie die Nase des Airbus A350 nach oben. Was nach wenig klingt, ist für die Mitreisenden in der Kabine ungewohnt. Sie erleben Kräfte von 2 g – fühlen sich also doppelt so schwer wie üblich.

Die Frauen und Männer an Bord werden in den Sitz gedrückt und erleben einen ungewohnten Druck auf den Körper, das Gesicht wird scheinbar verzogen. Damit ist dieser Test noch nicht vorüber. Nach dem Steilanstieg steuern die Piloten Hoell als Kapitän und Wilhelm als Kopilot den Flieger 15 Grad nach unten. Dieses Mal verspüren die Insassen eine ungewöhnliche Leichtigkeit.

… und 67 Grad in die Kurve

Damit beginnt für Piloten, Ingenieure und Experten an Bord jedoch die Arbeit erst richtig. Jetzt testen sie, wie sich der brandneue Airbus A350 in Kurven verhält. Bis zu 67 Grad kippen die Piloten den A350 mit der Seriennummer 390 zur Seite. Das ist doppelt so stark wie im normalen Betrieb.

 

Auf dem Abnahmeflug absolviert der Airbus A350 eine Rundreise über den Süden Frankreichs. Zuerst führt er von Toulouse nördlich über die Karstformationen der Cevennen und die Schluchten der Ardèche, danach zur Camarque und an Marseille vorbei. Zeit, die Aussicht zu genießen, haben die Experten von Lufthansa und Airbus aber wenig. Sie konzentrieren sich darauf, die rund drei Dutzend Tests durchzuführen und zu dokumentieren.

«Im Flug verhalten sich einige Dinge doch anders»

Die Maschine steuert später hoch Richtung Provence und Grenoble, in einem Bogen zurück an die Mittelmeerküste und dann den Pyrenäen entlang, bevor sie wieder am Ende wieder in Toulouse landet. Nicht nur im Cockpit wird dabei gearbeitet. In der Kabine überprüfen Mitarbeiter von Lufthansa das Interieur. Schränke werden aufgemacht und geschlossen, die Kaffeemaschinen und Wasserkocher angeworfen, Toiletten gespült, Klappen überprüft oder auch die Schlafkojen für die Besatzung – die sogenannten Crews Rests – genauestens inspiziert.

«Man kann am Boden zwar vieles entdecken», sagt Thomas Wagner, der bei Lufthansa für die Einführung der A350 verantwortlich ist. «Aber im Flug verhalten sich einige Dinge dann doch anders». Und deshalb werden auch Business-Class-Sitze noch einmal genau überprüft. Lassen sich die Schubladen wirklich problemlos öffnen? Lässt sich der Sessel auch wirklich gut verstellen?

Parameter der Triebwerke kontrolliert

Das schauen sich die Prüfer genauso an wie die Klappwände, die ganz hinten im A350 zwischen Bordküche und dem Aufgang zu den Crews Rests angebracht sind. «Eine Spezialanfertigung», sagt Wagner. Sie sorgen für einen Sichtschutz, wenn sich ein Flugbegleiter umziehen muss. Lassen sie sich mühelos anbringen oder klemmen sie noch da oder dort?

Im Cockpit fliegen Hoell und Wilhelm weiter ihr Programm ab. Auf dem Abnahmeflug absolvieren sie nicht nur spektakuläre Manöver. So werden unter vielem anderen die Triebwerksparameter kontrolliert, die Funktion der Klimaanlage und der Enteisungssysteme, das Hilfstriebwerk oder auch das Auswerfen der Sauerstoffmasken.

Nur noch 110 Knoten

Plötzlich wird es in der Kabine auffallend ruhig. Der Airbus A350 befindet sich auf Flugfläche 140, was bei Standard-Luftdruck 14.000 Fuß oder 4200 Metern entspricht. Die Piloten drosseln die Motoren und testen das Verhalten des Fliegers bei sehr tiefen Geschwindigkeiten. Mit rund 110 Knoten oder rund 200 Kilometern pro Stunde ist der riesige Flieger jetzt unterwegs, der in der Spitze 910 Kilometer pro Stunde erreicht. Er liegt etwas unruhiger in der Luft, aber meistert auch diese Situation ohne Probleme.

Auch ein Ausfall der Hydraulik wird simuliert, um zu sehen, wie sich das Flugzeug dann verhält. Der Flieger startet zudem durch und das Fahrwerk wird im Flug aus- und wieder eingefahren. Flugtest-Ingenieur Queck und weitere Experten von Lufthansa und Airbus beobachten im Cockpit alles ganz genau.

Einbau der Premium Economy

Nach der Landung sind alle zufrieden. «Das Flugzeug hat alle Tests bestanden», sagt Wilhelm, der Cheftestpilot von Airbus in Toulouse ist, nach dem Aussteigen. Und Lufthansas Münchener Langstreckenflotten-Chef Hoell ergänzt mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen: «Die Maschine fliegt sich hervorragend- wie alle anderen 15 Airbus A350 auch schon.»

Nach dem Abnahmeflug müssen noch die Software eingespielt, die Kennzeichnung geändert, der letzte Papierkram erledigt, der Rest des Kaufpreises überwiesen und am Ende auch das Eigentum überschrieben werden. Das ist inzwischen passiert. Am 29. Februar wurde der Airbus A350-900 als D-AIXP offiziell nach München geflogen.

Seit Sonntag im Einsatz

An seiner neuen Basis wird noch die Premium Economy Class in das neue Flugzeug eingebaut. Am Sonntag (8. März) flog die D-AIXP erstmals Passagiere von München nach Montreal.

In der oben stehenden Bildergalerie mit Video sehen Sie Aufnahmen vom Abnahmeflug des Airbus A350 D-AIXP.



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