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Riesiges Boeing-Werk

Was wird aus Everett nach dem 787-Abzug?

Boeing baut die 787 bald nicht mehr in Everett. 2022 endet auch die Produktion der 747. Im Bangen um die Zukunft des Werkes machen bei Mitarbeitenden Gerüchte die Runde.

Peter Schneider/Instagram: @swissschneider

Luftaufnahme des Boeing-Werkes Everett: Bald wird Platz frei.

Boeing bietet Führungen durch seine Produktionsstätte in Everett im Bundesstaat Washington an. «Das Werk beherbergt Produktionslinien von 747, 767, 777 und 787 Dreamliner und ist gemessen am Volumen das größte Gebäude der Welt», schreibt der Flugzeugbauer dazu auf seiner Webseite. 787 Dreamliner muss er allerdings künftig aus der Liste streichen.

Denn zwei Tage nachdem die Zeitung Wall Street Journal es berichtet hatte, bestätigte Boeing am Donnerstag (1. Oktober) offiziell: Sobald man die 787-Produktion Mitte 2021 auf sechs Exemplare pro Monat heruntergefahren hat, wird die Endmontage des Dreamliners nur noch im Werk North Charleston im Bundesstaat South Carolina stattfinden.

Everett wurde für die 747 gebaut

Aus Everett verschwindet die 787. Und ein weiterer Abschied steht bevor: 2022 wird die letzte Boeing 747 gebaut. Der Flugzeugbauer hatte das Werk in Everett in den 1960er-Jahren extra für die Produktion des Jumbo-Jets errichtet. Und während die 787-Produktionslinie einen relativ kleinen Teil des Werkes in Anspruch nimmt, füllt die Produktion der Boeing 747 deutlich mehr Platz in den riesigen Hallen von Everett.

Sind 787 und 747 verschwunden, bleibt nur noch der Bau der Fracht- und Militär-Variante der 767 sowie der 777. Dabei läuft auch das Geschäft mit der neuen Version 777X nicht gut. Die erste Auslieferung hat Boeing auf 2022 verschoben. Die kombinierte Produktionsrate von 777 und 777X wird 2021 bei nur noch zwei Exemplaren pro Monat liegen. Vor allem aber hat der Flugzeugbauer nur noch Bestellungen für 309 Exemplare der 777X vorliegen.

Eigentlich müsste ein neuer Jet einziehen

Was bedeutet all das für das Werk Everett? Die Zeitung Seattle Times schätzt, dass 767 und 777X in den kommenden Jahren zusammen eine Produktionsrate von nur fünf Fliegern pro Monat erreichen, während Everett im vergangenen Jahr auf 15 Jets monatlich kam.

Prädestiniert dafür, den frei werdenden Platz in Everett einzunehmen, wäre ein neues Flugzeugmodell. Doch Boeing hat die Pläne für ein New Middle of the Market Airplane NMA, das in der Branche schon den Spitznamen 797 trug, im Februar beiseite gelegt. Boeing-Chef David Calhoun erklärte, man werde mit der Entwicklung eines neuen Fliegers von vorne beginnen. Die dafür nötigen Finanzen hat jedoch die Corona-Krise dahingerafft.

Gerüchte um Verlegung der 737-Max-Produktion

Dem Blatt zufolge gibt es unter den Mitarbeitenden Gerüchte, Boeing könnte die 737-Max-Produktion von Renton nach Everett verlegen. Obwohl beide Werke nur rund 54 Kilometer voneinander entfernt liegen, wäre das eine logistische Mammutaufgabe.

Zudem ist es für Boeing enorm wichtig, die 737-Max-Produktion nach dem Ende des Grounding wieder hochzufahren. Es scheint unwahrscheinlich, dass der Flugzeugbauer riskiert, dabei Probleme zu bekommen, die während eines Umzuges auftreten könnten.

Hoffen auf eine rasche Erholung

Wahrscheinlicher ist, dass in den ehemaligen 787- und 747-Hallen vorerst keine Flugzeuge montiert werden. Boeing muss eine Verwendung im kleineren Maßstab finden. Die Hoffnung der verbleibenden Mitarbeiter muss sein, dass sich die Branche schnell erholt und dass Boeing dann doch ein neues Modell entwickelt und es in den 2030er-Jahren in Everett produziert. Bis dahin muss der Hersteller dafür sorgen, dass das Verhältnis der Fixkosten des Werkes zu den Erlösen durch 767 und 777 nicht zu weit in den roten Bereich rutscht.



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