Evakuierung mit dem Koffer in der Hand: Genau so soll es nicht laufen.

Lebensgefährlicher TrendPsychologen erforschen, wieso Fluggäste bei der Evakuierung zum Handgepäck greifen

Immer häufiger ist zu beobachten, dass Fluggäste bei Evakuierungen mit ihrem Handgepäck das Flugzeug verlassen - und damit ihr eigenes und fremde Leben riskieren. Der Airline-Dachverband Iata will nun mithilfe einer psychologischen Studie herausfinden, was Fluggesellschaften dagegen tun können.

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Damit ein neues Flugzeugmodell zugelassen wird, muss der Hersteller beweisen, dass es in 90 Sekunden evakuiert werden kann, während nur die Hälfte der Notausstiege verfügbar ist. So soll sichergestellt werden, dass möglichst viele Insassen überleben, wenn Vorfälle wie ein Brand oder eine Bruchlandung eine Evakuierung nötig machen.

Dabei geht es um die technischen Voraussetzungen, die ein schnelles Verlassen des Fliegers möglich machen. Dass diese Voraussetzungen gegeben sind, heißt aber noch nicht zwingend, dass eine zügige Evakuierung auch gelingt - denn das hängt auch von der Crew und den Fluggästen an Bord ab. Die Besatzungen sind geschult für Notfallszenarien, die Passagierinnen und Passagiere erhalten vor jedem Flug eine Sicherheitseinweisung. Dazu gehört der Hinweis, dass sie bei einer Evakuierung alles Gepäck zurückzulassen haben.

Iata-Chef: «Nichts in Ihrem Gepäck ist wichtiger als Ihr Leben»

Doch an genau dieser Stelle hapert es offenbar immer mehr. Handyaufnahmen von aktuellen Evakuierungen zeigen, dass immer mehr Menschen innehalten, um ihre persönlichen Dinge aus den Gepäckfächern zu holen, bevor sie das Flugzeug verlassen. Der Airline-Dachverband Iata zeigt sich alarmiert davon.

Iata-Chef Willie Walsh sagte laut der Zeitung The Telegraph, dieses «gefährliche Phänomen» sei «immer häufiger bei Evakuierungen zu beobachten». Die Videos seien sehr besorgniserregend. Walsh appelliert: «Nichts in Ihrem Gepäck ist wichtiger als Ihr Leben.»

Videos von Menschen mit Handgepäck auf der Notrutsche

Aber bei Appellen will die Iata es nicht belassen. Der Verband kündigte an, in den nächsten Monaten eine psychologische Studie in Auftrag zu geben, die dem Verhalten auf den Grund geht, mit dem die Fluggäste ihr eigenes Leben und das ihrer Mitreisenden in Gefahr bringen.

Nick Careen, Sicherheitschef der Iata, sagte, das Problem sei durch Videos aufgefallen, die zeigen, wie Reisende mit Gepäck Notrutschen hinunterrutschen oder aus Flugzeugtüren stolpern. Als Beispiel nannte er den Unfall einer Bombardier CRJ 900 von Delta im Februar 2025 in Toronto mit 21 Verletzten: «Das Flugzeug rutschte und überschlug sich auf der Landebahn, und trotzdem gab es Bilder davon, wie alle mit ihren Koffern davonrannten.»

Herdenmentalität, sobald das erste Gepäckfach offen ist?

Laut dem Sicherheitschef könnte ein Teil des Problems sein, dass mehr Menschen als früher nur mit Handgepäck reisen und keine Koffer mehr aufgeben. So seien die persönlichen Gegenstände nicht im Frachtraum, sondern verlockend nah über dem eigenen Kopf.

«Die psychologische Betrachtung dieses Sachverhalts ist entscheidend, um zu verstehen, ob wir dieses Verhalten ändern können und, falls ja, wie wir die Menschen dazu bewegen können, das Richtige zu tun», so Careen laut Telegraph. Die Studie soll auch untersuchen, ob eine Art Herdenmentalität einsetzt, so bald der erste Fluggast ein Handgepäckfach öffnet.

Fluggesellschaften in den USA erhielten bereits Rüffel

Ebenfalls soll es um die Frage gehen, wieso sich die Bereitschaft, Sicherheitsanweisungen zu befolgen, je nach Kontinent zu unterscheiden scheint. Japanische Reisende «werden das Flugzeug verlassen», so Careen, während Fluggäste in Nordamerika eher erst nach dem Gepäck greifen und so die Evakuierung des Flugzeuges verlangsamen würden.

In den USA hatte die Luftfahrtbehörde FAA Fluggesellschaften schon im September angewiesen, die Evakuierungsverfahren zu überarbeiten, von den Durchsagen bis zur Ausbildung der Besatzungen. Ziel sei es, «sicherzustellen, dass Passagiere verstehen, dass sie im Notfall ihr Handgepäck zurücklassen müssen», so die Federal Aviation Administration.

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