Blick aus dem Cockpit auf Grönland: Die schnellste Route.

Fragen Sie den PilotenWarum über Grönland statt direkt über den Atlantik?

Warum fliegt man die Strecke Zürich - Las Vegas via Grönland und Kanada und nicht direkt über den Atlantik? Dies fragt Leser Robert Stephani. Ein Linienpilot antwortet.

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Die von Ihnen angesprochene Routenführung über Grönland und Kanada ist hinsichtlich der zu fliegenden Strecke tatsächlich die kürzeste. Wenn man auf eine bestimmte Art von Karten schaut, kann der Eindruck entstehen, dass die schnellste Verbindung von Zürich nach Las Vegas entlang eines Breitenkreises immer Richtung Westen über den Atlantik, New York und die Zentral-USA führt. Aber der Schein trügt.

Den Beweis kann man an einem Globus schnell selber führen. Wenn Sie ein Stück Schnur stramm zwischen Zürich und Las Vegas auf eine Globuskugel spannen, wir sich diese Schnur über Grönland und Kanada legen - wir navigieren auf einer Kugel. Der Autor einer Karte steht vor dem Problem, die Oberfläche der Erde auf ein flaches Stück Papier bringen zu müssen. Dabei muss er sich entscheiden, ob die Karte winkeltreu oder flächentreu sein soll - oder eine Kombination daraus. Das hängt von dem Zweck ab, den die Karte später erfüllen soll.

Karten sind immer verzerrt

Um das zu veranschaulichen, eignet sich das gerne genommene Beispiel einer Orange. Versuchen Sie, eine Orange an einem Stück zu schälen, und dann die Schale glatt, flach und ordentlich auf eine Seite Papier zu bekommen. Das wird voraussichtlich scheitern - die Orangenschale wird einreissen, Falten werfen, gedehnt oder gestaucht. Und vereinfacht gesagt tut das auch der Autor mit seiner Karte. Er muss Teile der Karte stauchen, strecken oder dehnen. Je größer der Teil der Kugel ist, der abgebildet werden soll, desto sichtbarer wird der Effekt.

Und auf Karten, auf denen die Meridiane polnahe nicht zusammenlaufen, sondern als Parallelen abgebildet sind, wird in eben diesen Polregionen viel Fläche hinzu projiziert. Wenn in diesen Regionen dann beispielsweise die Streckenführung Ihres Fluges dargestellt wird, wird auch die Strecke aufgrund dieser projektionsbedingten Flächenvergrößerung in den polnahen Regionen mit gedehnt - und sieht dadurch länger aus als der scheinbar direkte Weg über den Atlantik.

Teil der Ausbildung

Die Grundlagen zur Langstreckennavigation auf einer Kugel machen mit Hunderten Stunden Unterricht einen großen Teil in der theoretischen Ausbildung der Fliegerei aus. Sie lassen sich kaum in wenigen Zeilen zusammenfassen. Weiterführende Informationen sind aber in einer freien Enzyklopädie unter den Stichworten «Kartennetzentwurf, Kugelkoordinaten, Orthodrome, Loxodrome» zu finden.

Was Sie schon immer übers Fliegen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Ein Pilot einer großen europäischen Fluglinie beantwortet exklusiv für aeroTELEGRAPH die Fragen der Leser. Er bleibt dabei anonym, um unabhängig antworten zu können.  Schicken Sie uns einfach eine E-Mail an pilot@aerotelegraph.com.  Unter den eingesandten Fragen werden die spannendsten jeweils auf aeroTELEGRAPH beantwortet. Dabei wird der Name des Einsenders veröffentlicht. Ein Recht auf Beantwortung besteht nicht. Es gelten die AGB von aeroTELEGRAPH.

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