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Legenden rund um 4U9525

«Verschwörungstheoretiker ignorieren»

Auch rund um den Absturz des Germanwings-Airbus tauchten schnell Verschwörungstheorien auf. Experte Michael Butter erklärt, weshalb solche Legenden entstehen und sich halten.

Germanwings

Trauernde Arbeitskollegin: Verschwörungstheorien helfen niemandem.

strong>Schon kurz nach dem Absturz des Airbus von Germanwings tauchten erste Verschwörungstheorien auf. Eine davon war, dass die US-Armee bei Manövern über dem Mittelmeer versehentlich den A320 abgeschossen habe. Wie kommt es dazu?
Michael Butter*: Fast jedes Ereignis einer bestimmten Bedeutung generiert Verschwörungstheorien. Das ist schon seit Jahrhunderten so. Durch die modernen Kommunikationstechnologien gelangen diese mittlerweile nur deutlich schneller an eine breitere Öffentlichkeit als früher.

Besonders heftig wurden die teilweise abstrusen Spekulationen, nachdem die Behörden erste Fakten bekannt gegeben hatten. Ist das typisch? Eigentlich müsste ja das Gegenteil passieren.
Psychologische Studien haben gezeigt, dass Menschen generell – nicht nur Verschwörungstheoretiker – etwas noch intensiver glauben, wenn ihnen Gegenbeweise präsentiert werden. Offensichtlich entscheiden wir eher instinktiv, was wir glauben und suchen uns dann die entsprechenden «Fakten». Im konkreten Fall mag hinzukommen, dass die Vielzahl an Gegenbeweisen, die schnell und kontinuierlich aufgetaucht sind, für Verschwörungstheoretiker sehr stark nach einem Ablenkungsmanöver aussehen.

Was unterscheidet denn Verschwörungstheorien von berechtigten Zweifeln?
Verschwörungstheoretiker entwerfen meist ein kohärentes Gedankengebäude, in dem alles – auch offensichtliche Gegenbeweise – Sinn ergibt. Sie identifizieren schnell die vermeintlich Schuldigen. Zweifler weisen eher auf Widersprüche in der «offiziellen» Erklärung hin und markieren ihre eigenen Theorien, wenn sie solche überhaupt formulieren, als vorläufig und noch nicht belegt.

Aber wird der Begriff «Verschwörungstheoretiker» nicht teilweise dazu genutzt, um Kritiker mundtot zu machen?
Natürlich. Und kaum etwas ist effektiver.

In welchen Situationen entstehen denn Verschwörungstheorien?
Das ist je nach Zeit und Kultur ganz unterschiedlich. In den westlichen Gesellschaften der Gegenwart sind Verschwörungstheorien besonders unter denjenigen verbreitet, die sich marginalisiert fühlen. Sie wirken einem Gefühl von Machtlosigkeit entgegen, weil sie die Welt erklärbar machen. Man sieht zwar dunkle Mächte am Werk, aber immerhin versteht man, wie der Hase läuft. Insofern sind sie auch ein Mittel der Selbstermächtigung, die es Verschwörungstheoretikern ermöglichen, sich aus der Masse der Getäuschten herauszuheben und der eigenen Wichtigkeit zu versichern.

Was sind das für Leute, die sie in Umlauf setzen?
Auch das ist ganz unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass es meistens Männer sind. Und dass die meisten ihre eigenen Theorien wirklich glauben. Die Zahl derjenigen, die solche Ideen zynisch in die Welt setzen, ist meines Erachtens relativ gering.

Um was geht es ihnen?
Manchen um Geld, andere verfolgen strategische Ziele. Man denke daran, wie Russland im Ukraine-Konflikt Verschwörungstheorien einsetzt. Meistens aber wollen Verschwörungstheoretiker wirklich das ans Licht bringen, was sie für die Wahrheit halten.

9/11 war von der Regierung inszeniert, die USA waren nie auf dem Mond, Die CIA tötete Kennedy… solche Legenden halten sich bis heute. Warum?
Weil sie die Welt erklären – und einem weit verbreiteten Misstrauen gegenüber mächtigen Akteuren wie der amerikanischen Regierung Ausdruck verleihen.

Wie geht man als Außenstehender am besten damit um? Reagieren oder ignorieren?
Reagieren führt mitunter dazu, dass man selbst als Teil der Verschwörung gesehen wird. Aber selbst wenn das nicht passiert, gelingt es in den seltensten Fällen einen Verschwörungstheoretiker zu überzeugen. Daher soll man sie am besten ignorieren.

* Michael Butter ist Experte für Verschwörungstheorien und Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen.



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