Tupolev Tu-95: Einzigartiges Antriebskonzept.

Sowjetantwort auf Boeing B-52Fast 75 Jahre alt und noch immer im Einsatz: Was Russlands Tu-95 in der Luft hält

Ukrainische Drohnenangriffe im Juli und August auf zwei Tu-95-Bomber in Russland haben das drahtige Riesenflugzeug erneut in den Blickpunkt der Militärluftfahrt gerückt. Was hält den «Bären», wie der strategische Langstreckenbomber aus der frühen Sowjetzeit genannt wird, seit fast dreiviertel Jahrhundert in der Luft?

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Luftfahrt

Ein Langstreckenbomber mit Propellerantrieb wirkt heutzutage wie ein Gespenst aus einer anderen Ära. Als der sowjetische Testpilot Alexey D. Perelet mit der Tupolev Tu-95 am 12. November 1952 zum ersten Mal abhob, konnte er wohl kaum ahnen, dass dieses Flugzeug auch 74 Jahre später noch fliegen würde.

Die Sowjetunion war damals knapp 31 Jahre alt. Der Kalte Krieg hatte begonnen, die erste sowjetische Atombombe wurde 1949 gezündet – und die Rüstungsingenieure des Riesenreiches standen vor einem Dilemma: Wie transportiert man eine schwere nukleare Waffe über Tausende Kilometer? Tupolev fand die Lösung. Vier gewaltige Turboprop-Triebwerke treiben je zwei gegenläufige Propeller an. Das Ergebnis ist eines der ungewöhnlichsten Antriebskonzepte, das je bei einem strategischen Bomber zum Einsatz kam.

Ein sowjetisches Wunderwerk der Technik

Der Schlüssel ist das Triebwerk Kuznetsov NK-12. Jeder der vier Motoren leistet bei den späteren Versionen rund 15.000 PS. Damit gehört es bis heute zu den stärksten serienmäßig gebauten Turboprop-Triebwerken der Welt. Die gegenläufigen Propeller – jeweils zwei vierblättrige Luftschrauben – kompensieren das Drehmoment und erlauben, trotz der enormen Leistung einen Propellerdurchmesser von mehreren Metern effizient zu nutzen.

Der Staatskonzern Rostec bezeichnet das NK-12 als den leistungsstärksten produzierten Turboprop der Welt. «Das Niveau unserer Entwicklungen im Bereich der Turboprop-Triebwerke bleibt für ausländische Konkurrenten unerreichbar», sagte 2018 der damalige Industriedirektor Sergei Abramov von Rostec über das NK-12.

Produktion vor über 30 Jahren eingestellt

Beim Antrieb ist die Tu-95 also keineswegs der schwache Bruder der Boeing B-52 Stratofortress. Im Gegenteil: Vier NK-12-Turboprops bringen zusammen rund 60.000 PS auf die Propeller. Die Tu-95 erreicht damit fast Jet-Geschwindigkeit, obwohl sie von Propellern angetrieben wird. Die B-52H kommt mit ihren acht TF33-Turbofantriebwerken zwar auf eine deutlich höhere Schubkraft. Dennoch schafft die Tu-95 mit ihren gegenläufigen Propellern annähernd 830 Kilometer pro Stunde – eine für einen Propeller-Großbomber nahezu fantastisch hohe Geschwindigkeit.

Tupolev Tu-95: Erstflug am 12. November 1952.

Wie bei vielen Luftfahrtoldtimern gilt auch hier: Die heute wichtigste Version Tu-95 MS wurde Ende der 1970er-Jahre auf Basis des U-Boot-Jägers Tu-142 entwickelt und ist kein direkter Weiterbau der ursprünglichen Tu-95-Bomber. Die Serienproduktion der Tu-95-Familie endete Anfang der 1990er-Jahre aus Kostengründen; mehr als 500 Exemplare wurden laut Rostec über die Jahrzehnte gebaut. Der britische Thinktank Royal United Services Institute schätzt den heutigen intakten Bestand auf 20 bis 30 russische Tu-95. Tendenz rasch sinkend. Denn die Ukraine hat in den letzten Monaten mit Drohnen mehrere Tu-95 flugunfähig gemacht. Erst vergangene Woche wurde einer der Bomber an einer Luftwaffenbasis schwer getroffen.

Boeing B-52 hat bei der Tragkraft die Nase vorn

Mit knapp 50 Metern Spannweite, rund 47 bis 49 Metern Länge und einem maximalen Startgewicht von etwa 185 Tonnen ist der Bear ein gewaltiges Flugzeug. Die Dienstgipfelhöhe liegt bei ungefähr 12.000 Metern, die Reichweite je nach Beladung bei etwa 6500 bis 10.500 Kilometern. Die Tu-95 MS kann über 10 Tonnen Waffen aufladen. Da hat die Amerikanerin die Nase vorn: Die B-52H kann rund 31,5 Tonnen Waffen tragen.

Die Tu-95 MS muss inzwischen dank Upgrades nicht mehr wie ein klassischer Bomber der 1950er-Jahre in den gegnerischen Luftraum eindringen. Ihre Aufgabe besteht heute vor allem darin, weitreichende Marschflugkörper außerhalb der Reichweite gegnerischer Luftverteidigung abzusetzen. Das gleiche Grundprinzip gilt inzwischen auch für die B-52: Der Bomber kann weitreichende Stand-off-Waffen einsetzen, ohne tief in den gegnerischen Hoheitsluftraum infiltrieren zu müssen.

Sonst nur noch in Bruderstaaten

Exportiert wurde die Tu-95 als strategischer Bomber übrigens nie. Die UdSSR stationierte den Bär allerdings zeitweise auf Basen in sozialistischen Bruderstaaten wie Kuba, Vietnam, Angola, Somalia und Guinea. Eine Ausnahme innerhalb der Tu-95-Familie war die maritime Version Tu-142: Indien betrieb acht dieser U-Boot-Jäger von 1988 bis 2017.

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