Mehr als eine Minute vor dem Aufsetzen fand im Cockpit der Boeing 767 F von Fly 21 eine Konversation statt, die angesichts des darauffolgenden Unfalls besonders auffällt: Einer der beiden Piloten warnte, das Flugzeug, das für Amazon Air unterwegs war, sei zu schnell. Dabei blieb es nicht. Bis zum Ende der Aufzeichnung sprach er das hohe Tempo immer wieder an. Eine durchgehende Reaktion des anderen Piloten darauf ist auf dem Stimmenrekorder nicht zu hören.
Welcher der Piloten der Boeing 767 von Amazon tätigte die Aussagen?
Noch lässt sich aus den Aufzeichnungen weder ableiten, warum die Piloten so handelten, noch wer welche Entscheidung traf. Das NTSB nennt nicht, ob der Kapitän oder der Kopilot der Boeing 767 die Aussagen tätigte. Doch erstmals lässt sich nachvollziehen, was die beiden in den entscheidenden Sekunden hörten und sagten.
1:42 Minuten vor dem Ende der Aufzeichnung warnte einer der Piloten erstmals, die Boeing 767 sei zu schnell. Und dabei blieb es nicht: Bis zum Ende der Aufnahme sprach er die hohe Geschwindigkeit immer wieder an. Es gab keine hörbare Reaktion seines Kollegen. 19 Sekunden später darauf wurde offenbar der Autopilot ausgeschaltet. Dann meldeten sich zunehmend die automatischen Warnsysteme. Zwei Mal ertönte «sink rate», eine Warnung vor einer hohen Sinkgeschwindigkeit. Später warnte das System insgesamt fünf Mal mit «too low terrain» vor der Nähe zum Boden. Dennoch setzte die Boeing wenig später auf.
Linkes Hauptfahrwerk setzte 11 Sekunden später auf
Trotzdem wurde die Landung fortgesetzt. Die Daten des Flugschreibers zeigen, dass Bugfahrwerk und rechtes Hauptfahrwerk mit 158 Knoten, rund 293 Kilometern pro Stunde, die Piste berührten. Das linke Hauptfahrwerk setzte erst elf Sekunden später auf. Dann kommt das wohl bemerkenswerteste neue Detail aus dem Stimmenrekorder. 15 Sekunden vor Ende der Aufzeichnung rief einer der Piloten zum Durchstarten auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Boeing 767 F bereits aufgesetzt und die Besatzung hatte mit dem Bremsen begonnen.
Der Flugdatenschreiber zeigt, was unmittelbar darauf geschah: Bei 120 Knoten, rund 222 Kilometern pro Stunde, wurden die Bremsen gelöst und der Schub auf einen Wert erhöht, der laut NTSB zu einem Durchstartmanöver passt. Vier Sekunden später nahmen die Piloten den Schub wieder auf Leerlauf zurück und bremsten erneut. Die Boeing 767 war noch mit 117 Knoten, rund 217 Kilometern pro Stunde, unterwegs.
Am Schluss war Boeing 767 noch 120 Stundenkilometer schnell
Kurz darauf verließ der Frachter die befestigte Pistenfläche. Als die Aufzeichnung des Flugdatenschreibers endete, betrug die Geschwindigkeit noch 65 Knoten, rund 120 Kilometer pro Stunde. Hinweise darauf, dass Störklappen oder Schubumkehr eingesetzt wurden, die ebenfalls beim Verlangsamen helfen, enthalten die aufgezeichneten Daten nicht. Die beiden Rekorder sind bislang allerdings noch nicht exakt miteinander synchronisiert, so das NTSB.
Die Aufzeichnungen verschieben damit den Fokus der Untersuchung stärker ins Cockpit. Sie zeigen, dass die Geschwindigkeit dort bereits deutlich vor dem Aufsetzen Thema war und dass mehrere automatische Warnungen ertönten. Sie zeigen auch, dass nach dem Aufsetzen tatsächlich ein Pilot zum Durchstarten aufrief. Und, dass dieser Versuch nur Sekunden dauerte.
Gründe für die Entscheidungen der Crew noch unklar
Was sie bislang nicht erklären, ist, warum die Crew diese Entscheidungen traf. Auch eine Schuldzuweisung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Angaben sind vorläufig. Das NTSB will den mehr als zwei Stunden umfassenden Stimmenrekorder nun detailliert auswerten und ein schriftliches Transkript erstellen.
Die Ermittler befragten am Mittwoch zudem beide Piloten. Der 55-jährige Kapitän verfügt über 7145 Flugstunden Erfahrung und erhielt seine Musterberechtigung für die Boeing 767 im Mai. Der 37-jährige Erste Offizier kommt auf 2655 Stunden und besitzt die Berechtigung seit April 2025. Wer von beiden vor der Geschwindigkeit warnte und wer später das Durchstarten verlangte, ist bislang nicht bekannt.
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