Ermittlerinnen und Ermittler des NTSB auf dem Weg zum Wrack: Sie werten nun alle verfügbaren Daten aus.

Unglück von Amazon AirWie schnell war die Boeing 767 F, als sie in Miami über die Straße raste?

Nach der Landung durchbrach die Boeing 767 F in Miami einen Flughafenzaun, kollidierte mit Fahrzeugen und kam erst 394 Meter hinter dem Pistenende zum Stillstand. Daten liefern nun erste Hinweise auf einen ungewöhnlichen Anflug und eine möglicherweise noch sehr hohe Geschwindigkeit des Fluges von Amazon Air.

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Die Bilder des Unfallortes in Miami sind um die Welt gegangen. Die Boeing 767 von Fly 21, die für Amazon Air auf Flug 2I7598 unterwegs war, schoss am 6. September nach der Landung über die Landebahn hinaus. Sie verließ danach das Flughafengelände und überquerte eine Straße. Doch wie konnte es dazu kommen? Inzwischen gibt es ein paar neue Details, die Aufschluss über den Unfallhergang bieten.

Die Boeing 767-300 F flog am Sonntag (6.September) zum dritten Mal an diesem Tag. Aus San Juan kommend setzte sie kurz vor 14 Uhr Ortszeit in Miami zur Landung auf Piste 30 an. An Bord befanden sich zwei Besatzungsmitglieder. Was danach geschah, lässt sich inzwischen zumindest etwas genauer rekonstruieren. Die Verkehrssicherheitsbehörde NTSB hat am Montagnachmittag (7. September) erste Details zum Weg der Boeing 767 nach dem Verlassen der Landebahn genannt.

Boeing 767 traf Transporter von Reinigungsunternehmen am Flughafen Miami

Demnach traf der Frachter zunächst Navigationsanlagen und weitere Einrichtungen des Flughafens Miami. Danach kollidierte er mit einem weißen Ford-Transporter eines Reinigungsunternehmens, das sich auf dem Flughafengelände befand. Sieben Menschen befanden sich darin. Anschließend durchbrach die für Amazon Air fliegende Boeing 767 F den Flughafenzaun und traf außerhalb des Geländes einen Toyota Corolla, der auf der 67th Avenue unterwegs war. Erst rund 394 Meter hinter dem Ende der Landebahn kam sie zum Stillstand.

Das NTSB bestätigte auch weitere Details zu den Opfern. Alle fünf Menschen, die bei dem Unfall ums Leben kamen, befanden sich in Fahrzeugen. Insgesamt wurden zudem fünf Menschen verletzt, drei von ihnen schwer. Die beiden Besatzungsmitglieder der Boeing 767 F überlebten. Über ihren Gesundheitszustand wollte NTSB-Chefin Jennifer Homendy zunächst keine Angaben machen.

Wie schnell war die Boeing 767, als sie den Zaun durchbrach?

Die Trümmer des Frachters verteilten sich über einen entsprechend großen Bereich. Homendy beschrieb die Situation am Unfallort als «verheerend». Teile von Fahrzeugen und Flugzeug sowie zerstörte Zäune lagen über das Gelände verteilt. Dass ein mehr als 100 Tonnen schweres Flugzeug nach dem Ende der Piste noch fast 400 Meter weitergelangt, Fahrzeuge trifft und einen Zaun durchbricht, wirft eine naheliegende Frage auf: Wie schnell war die Boeing 767 zu diesem Zeitpunkt noch?

Eine erste Antwort liefern öffentlich verfügbare Trackingdaten, so genannte ADS-B-Daten. Diese machen die Bewegungen von Flugzeugen nahezu in Echtzeit sichtbar. Viele Flugzeuge senden während des Fluges regelmäßig Informationen über ihre Position, Höhe, Geschwindigkeit und Flugrichtung aus. Empfänger am Boden können diese Signale auffangen; Flugverfolgunsportale wie Airnav Radar nutzen die Daten zum Beispiel, um sie zu sichtbaren Flugrouten zusammenzufügen. Auf diese Weise lässt sich häufig nachvollziehen, wann sich ein bestimmtes Flugzeug wo befunden und welche Strecke es zurückgelegt hat.

Was stimmte nicht beim Anflug des Frachters auf Miami?

Nach Angaben von Flugverfolgungsdiensten bewegte sich Flug 2I7598 beim Verlassen des nutzbaren Bereichs der Landebahn laut diesen Daten noch mit 112 Knoten. Das sind rund 207 Kilometer pro Stunde. Sollte das stimmen, donnerte das große Flugzeug mit enormer Geschwindigkeit über die Straße.

Die öffentlich verfügbaren Daten liefern noch einen weiteren Hinweis. Sie deuten darauf hin, dass sich der Anflug von Flug 2I7598 von denen anderer Flieger unterschied, die zuvor auf Piste 30 gelandet waren. So befand sich die Boeing 767 zeitweise möglicherweise oberhalb des üblichen Anflugpfades und baute anschließend Höhe ab. Auch setzte sie spät auf.

ADS-B-Daten sind mit Vorsicht zu genießen

Allerdings sind ADS-B-Daten nicht lückenlos und sollten mit entsprechender Vorsicht interpretiert werden. Empfangslücken, fehlerhafte oder verspätete Daten sowie die Verarbeitung durch die jeweilige Tracking-Plattform können dazu führen, dass einzelne Werte ungewöhnlich hoch oder niedrig erscheinen. Absolute Sicherheit kann daher nur der Flugdatenschreiber liefern. Dass der Anflug nicht ganz normal verlief, ist aber auch auf Videos zu sehen. Das linke Hauptfahrwerk bleibt etwa nach dem ersten Aufsetzen nicht dauerhaft auf der Piste.

Auch die Wetterbedingungen rücken in den Fokus. Kurz vor dem Unfall meldete das US Aviation Weather Center ein aktives Gewitter in der Nähe des Flughafens Miami. Der Wind kam aus südlicher Richtung und erreichte in Böen bis zu 26 Knoten (rund 50 Stundenkilometer). Ein vom Rundfunkanbieter BBC befragter Meteorologe sprach von starkem und böigem Seitenwind von links, der jedoch innerhalb der Grenzwerte des Flugzeuges gelegen habe. Gewitter könnten allerdings schnell wechselnde Bedingungen verursachen.

NTSB untersucht die Flugschreiber der Boeing 767

Antworten sollen nun vor allem die Daten liefern, über die das NTSB verfügt. Flugdatenschreiber und Cockpit-Stimmenrekorder wurden bereits aus der Boeing 767 F geborgen und zur Auswertung geschickt. Die Untersuchung ist breit angelegt. Die Ermittler wollen unter anderem den Flugverlauf, Radardaten und die Leistung des Flugzeuges analysieren. Eigene Gruppen beschäftigen sich mit den Systemen und Triebwerken der Boeing 767. Auch Wetter, Erfahrung und Ausbildung der Besatzung sowie der Rettungseinsatz werden untersucht.

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