Früher erkannte man Status an Dingen. Am Auto. An der Adresse. An der Uhr. Heute reicht ein Blick auf den Urlaubsfeed. Wer wissen will, wie sich Selbstbilder, Konsum und gesellschaftliche Codes verändern, muss nicht mehr vor Luxusgeschäften stehen. Es genügt, durch Instagram zu scrollen – oder einen Blick in die Buchungszahlen der Reise- und Luftfahrtbranche zu werfen.
Kurz vor Weihnachten hat Christoph Debus, Chef der Dertour Group, der FAZ ein Interview gegeben, das weit über ein Branchenupdate hinausging. Es wirkte eher wie ein Seismogramm unserer Gegenwart. Besitz verliert an Strahlkraft, Erlebnisse gewinnen. Reisen ist zum Statussymbol geworden. Diese Beobachtung ist weniger banal, als sie klingt. Denn sie beschreibt einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Wer heute zeigen will, dass er es «geschafft» hat, stellt keinen Sportwagen mehr vor die Tür. Er zeigt Sonnenaufgänge in Bhutan, Lodges in Namibia oder das Schnorcheln mit Orcas im eiskalten Wasser vor Norwegen.
Große Airlinegruppen treten in Konkurrenz mit Ferienfliegern
Das Erlebnis ersetzt das Objekt – zumindest im öffentlichen Selbstbild. Sichtbarkeit entsteht nicht mehr durch Eigentum, sondern durch Erfahrung. Oder genauer: durch erzählte Erfahrung. Diese Verschiebung ist nicht nur kulturell relevant, sondern ökonomisch hoch wirksam. Das Leisure-Segment ist längst zur tragenden Säule der Nachfrage im Luftverkehr geworden. Urlaubsreisen treiben Volumen, Auslastung und Wachstum – und verändern damit die strategische Logik ganzer Airline-Gruppen.
Das Thema ist so wichtig, dass sich auch die Hochschule Worms damit beschäftigt - so sehr, dass auch der 4. Aviation Day Diskussionen zur veränderten Rolle des Leisure Travel gewidmet sein wird. Denn: Was lange als Ergänzung zum Geschäftsreiseverkehr galt, ist heute dessen Ersatz geworden. Große Airline-Gruppen wie Lufthansa oder IAG reagieren darauf mit neuen Strukturen: Sie gründen dedizierte Leisure-Carrier, integrieren Reiseveranstalter tiefer in ihre Wertschöpfung und treten damit in direkte Konkurrenz zu etablierten Ferienfluggesellschaften wie Condor oder TUI – ebenso wie zu Low-Cost-Anbietern.
Kaum ein anderer Konsumbereich ist emotional so aufgeladen.
Die spannende Frage ist weniger, ob dieser Trend anhält, sondern welche Rolle das Leisure- Segment künftig für unterschiedliche Marktteilnehmer spielen wird. Was bedeutet diese Entwicklung für Luxusreiseveranstalter, für Full-Service-Carrier, für integrierte Airline-Gruppen? Und wie lassen sich Urlaubsreisende gewinnen, die einerseits preisbewusst sind, andererseits aber hohe Erwartungen an Produkt, Service und Erlebnis haben? Reisen ist heute eine Projektionsfläche.
Karsten Benz aeroTELEGRAPH
Kaum ein anderer Konsumbereich ist emotional so aufgeladen. Urlaub verspricht Erholung, Sinn, Selbstverwirklichung – und nicht selten auch soziale Anerkennung. Die Frage «Wo warst du?» ist längst auch eine Frage nach Haltung, Lebensstil und Identität. Reisen sagt, wer wir sein wollen. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Branche optimistisch auf 2026 blickt. Urlaub gilt als geschützter Posten im Haushaltsbudget. Trotz steigender Lebenshaltungskosten, trotz wirtschaftlicher Unsicherheit wird hier nicht gespart. Das Bedürfnis nach Abstand, Perspektivwechsel und Belohnung scheint stärker zu sein als viele andere Konsumwünsche.
Künstliche Intelligenz ist im Tourismus kein Heilsversprechen, sondern ein Werkzeug
Für Airlines stellt sich damit umso dringlicher die Frage, wie sie ihre Strategien, Produkte und Distributionsmodelle anpassen müssen, um dieses Potenzial vollständig zu erschließen. Auch der technologische Teil dieser Entwicklung wird oft missverstanden. Künstliche Intelligenz ist im Tourismus kein Heilsversprechen, sondern ein Werkzeug. Sie inspiriert, filtert, personalisiert. Sie schlägt Routen vor, optimiert Abläufe, vereinfacht Buchungen. Doch sie ersetzt nicht den Menschen dort, wo Vertrauen gefragt ist. Gerade bei hochpreisigen, emotionalen Entscheidungen bleibt persönliche Beratung zentral – ein Aspekt, der insbesondere für Premium- und Luxussegmente entscheidend bleibt.
Das widerspricht der gängigen Erzählung der Digitalökonomie. Nicht alles, was automatisierbar ist, wird automatisch besser. Im Gegenteil: Je komplexer die Welt wird, desto größer wird das Bedürfnis nach Einordnung und Verantwortung. KI kann Daten liefern. Aber sie übernimmt keine Verantwortung. Und genau diese Verantwortung suchen viele Kunden – bewusst oder unbewusst. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Entwicklung: Während Erlebnisse zum neuen Statussymbol werden und der Freizeitverkehr zur Triebfeder des Luftverkehrs avanciert, wächst zugleich die Sehnsucht nach Orientierung.
Vierter Aviation Day in Worms beschäftigt sich mit dem Thema
Deshalb steht der 4. Aviation Day an der Hochschule Worms unter dem Motto: «Leisure Takes Flight: Tourism as the Engine of Air Travel». Reisen ist nicht nur Flucht aus dem Alltag. Es ist ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen – über Zeit, über Entscheidungen, über das eigene Narrativ. In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, ist das womöglich der wahre Luxus. Welche Konsequenzen der Aufstieg des Leisure-Segments für Airline-Strategien hat, wird beim Aviation Day am 16. April im Mittelpunkt stehen – nicht zuletzt in der Keynote von Christoph Debus.
Karsten Benz ist Inhaber einer Stiftungsprofessur Air Traffic Management an der Hochschule Worms und arbeitet als unabhängiger Berater und Board Member. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im Bereich Luftfahrt. In der Lufthansa Group war er unter Anderem als Leiter Netzplanung und als Verkaufschef Europa tätig. Als Chief Commercial Officer leitete er den erfolgreichen Turnaround von Austrian Airlines. Seit 2017 arbeitete er als Berater in Projekten, etwa in Europa und Nahost. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Droniq GmbH und Beirat der DFS Deutsche Flugsicherung.