Philipp Joeinig, Chef von Menzies Aviation:  «Wir überwachen die Sicherheitsbilanz sehr genau.»

Philipp Joeinig, Menzies Aviation«Wir unterstützen Fluggesellschaften, während diese sich an höhere Preise, Umleitungen und Flugplanänderungen anpassen»

Als Dienstleister am Boden ist Menzies Aviation weltweit an fast 350 Flughäfen tätig. Im Interview spricht Chef Philipp Joeinig über die Krise im Nahen Osten, über die Kerosinversorgung und über KI und Automatisierung bei der Abfertigung.

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Menzies Aviation ist der weltweit größte Anbieter von Luftfahrtdienstleistungen, aktiv an fast 350 Flughäfen - allerdings in Deutschland nur an zwei Airports, in der Schweiz und Österreich gar nicht. Woran liegt das, und haben Sie Pläne, das zu ändern?

Philipp Joeinig*: Die Schweiz und Österreich sind geschlossene Märkte, die hervorragend betreut sind, in der Schweiz etwa von Swissport, die dort klarer Marktführer ist. Sobald eine Lizenz verfügbar wird, werden wir uns aber natürlich bewerben. Und wenn ein großer Kunde in diesen Ländern unsere Dienstleistungen wünscht, sind wir dafür sehr offen. In Deutschland haben wir auch einige maßgeschneiderte Projekte für spezifische Kunden, Flughäfen und Volumen.

Sie sind an den Flughäfen Frankfurt und Stuttgart aktiv.

In Frankfurt haben wir eine kleine Niederlassung für Fracht- und Logistiklösungen, Air Menzies International. In Stuttgart sind wir zusammen mit einem Ölunternehmen in die Treibstoffversorgung eingestiegen. Allerdings gibt es an diesem Flughafen einen zweiten Anbieter und wir haben nicht die erhofften Volumen erreicht. Daher haben wir beschlossen, dort bald aussteigen.

Wo sehen Sie weltweit die größten Wachstumschancen derzeit?

Zum einen bieten wir nicht an allen Flughäfen, an denen wir aktiv sind, auch schon alle Dienstleistungen aus unserem Portfolio an. Daher sehen wir Wachstumspotenzial in bestehenden Märkten, indem wir unseren Kunden mehr Dienstleistungen anbieten. Außerdem sehen wir weitere 350 Flughäfen, an denen wir Mehrwert schaffen können.

Wo befinden sich die meisten dieser 350 weiteren Flughäfen, die Sie im Blick haben?

Wir sehen Asien als wichtigen Wachstumsmotor für uns, insbesondere in Bezug auf neue Märkte und Flughäfen, vor allem in China und Südostasien. Wir sehen auch Möglichkeiten in einigen bestehenden Märkten, in die wir gerade erst eingestiegen sind, etwa in Nord- und Südamerika. Ebenso in Indien und Pakistan. In dieser Region gibt es auch weitere Länder, die aus unserer Sicht noch unerschlossen sind.

Und wie sieht es in den etablierten Märkten aus?

Dort werden regelmäßig neue Lizenzen vergeben. Wir versuchen daher, uns als Hauptpartner für Flughäfen und Fluggesellschaften zu positionieren und weitere Lizenzen zu gewinnen. Fluggesellschaften können alle nötigen Bodendienstleistungen bei uns beziehen - damit sind wir ziemlich einzigartig aufgestellt, denke ich.

«Wir haben mittlerweile sehr enge Beziehungen zu China»

Sie haben Asien als Wachstumsmarkt genannt. Auf dem riesigen Markt China sind Sie bisher aber nur an zwei Flughäfen aktiv. Liegt das auch an der dortigen Regulierung?

Nein, wir arbeiten derzeit an drei bis vier vielversprechenden Projekten in China und angrenzenden Märkten. Es geht dort um Fracht, Treibstoff, internationale Terminals und Kooperationen mit Flughäfen. Die Abfertigung im chinesischen Inlandsmarkt hat für uns dagegen weniger Priorität. Ich war erst kürzlich in Hongkong und Macau und verbringe auch generell viel Zeit in China und ganz Asien. Und zum ersten Mal seit einigen Jahren sehe ich Dynamik für uns: Flughäfen und Fluglinien erkennen den Nutzen unserer Präsenz und unseres Betriebs am Drehkreuz Hongkong zusammen mit der staatlichen China National Aviation Corporation. Wir haben mittlerweile sehr enge Beziehungen zu China. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir im Land und in der Region weiter erfolgreich sein werden.

Ihren neuesten großen Wachstumsschritt haben Sie mit der Übernahme der Firma G2 Secure Staff in den USA gemacht. Planen Sie weiteres Wachstum durch Zukäufe?

Wir schließen nichts aus. Aber ganz oben auf unserer Agenda steht organisches Wachstum.

Welche operativen Herausforderungen ergeben sich in den USA, etwa im Vergleich zu Europa oder Asien?

Man kann den US-Markt grob in zwei Hälften teilen: Es gibt viele Flughäfen ohne Lizenz, offene Märkte, auf denen wir Treibstoff- und Bodenabfertigungsdienste anbieten, und einige wenige lizenzierte Flughäfen. Wir haben in letzter Zeit deutlich an Dynamik gewonnen bei der Erlangung neuer Lizenzen. Wir haben zum Beispiel gerade Terminal 1 am Flughafen New York JFK eröffnet, auch wenn die offizielle Eröffnung erst später im Jahr folgt. Mit dieser Lizenz sehen wir ein starkes Wachstum. Und die USA sind nach wie vor der größte Luftfahrtmarkt der Welt. Wir waren dort gut vertreten, aber noch nicht sehr stark.

Und jetzt?

Durch die Übernahme von G2 haben wir nun zwei Vorteile: Wir verfügen über ein größeres Netz an Stationen, an denen wir unsere Dienstleistungen anbieten können - 108 sind es jetzt, etwa doppelt so viele wie zuvor. Zudem können wir zusätzliche Dienstleistungen anbieten, die wir vorher nicht im Programm hatten, etwa für Reisende mit eingeschränkter Mobilität.

Mit operativen Herausforderungen meinte ich auch: riesige Drehkreuze mit enorm viel Verkehr, zuletzt erschreckend viele Unfälle und Beinahe-Katastrophen, Personalmangel bei der Flugsicherung. Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen um?

Die großen US-Airlines wickeln ihre Flüge an ihren Drehkreuzen selber ab, sodass wir diese Märkte bei der Abfertigung nicht bedienen. Daher sind wir diesen Herausforderungen weniger ausgesetzt. Wir bieten an vielen großen Drehkreuzen zwar Treibstoffdienstleistungen an, sind aber beispielsweise nicht an den Gates und bei der Vorfeldabfertigung aktiv. Und an großen Flughäfen, an denen wir doch einen umfangreicheren Betrieb unterhalten, versuchen wir, unsere Dienstleistungen auf einen Großkunden auszurichten. Mit weiteren Kunden, die dieses Drehkreuz weniger häufig anfliegen, suchen wir dann dazu passende Arrangements. Diese kleineren Kunden wissen das und sind entweder bereit, unter diesen Bedingungen mit uns zusammenzuarbeiten, oder sie müssen eine andere Lösung finden.

Ground Handling von Menzies Aviation.

Menzies ist weltweit tätig. Wie stark ist Ihr Geschäft von der Krise im Nahen Osten betroffen?

Wir haben ein Büro in den Vereinigten Arabischen Emiraten und sind auch im Irak, in Pakistan und in Jordanien aktiv. Wir sind wirtschaftlich eng mit der Region verbunden. Aber in dieser Region macht keine einzelne Fluggesellschaft mehr als 5 Prozent unseres Umsatzes aus. Daher sind wir insgesamt nicht so stark betroffen, im Gegensatz zu vielen unserer Kunden. Dadurch hat sich auch für uns der aus dem Nahen Osten ankommende Verkehr in Europa und den USA reduziert. Mittlerweile haben aber Emirates und auch Qatar Airways ihre Flugpläne schon wieder aufgestockt und auch ihre Passagierflugzeuge sind mit viel Fracht unterwegs. Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Kunden und hoffen natürlich, dass diese Krise bald ein Ende findet.

Wie viel Umsatz kostet Sie das?

Das hängt davon ab, wie lange die Krise andauert und welches ​​Ausmaß sie annimmt. Im März hatten wir erhebliche Auswirkungen, im April sehen wir eine Verbesserung.

Menzies hat drei Geschäftsbereiche: Passagierabfertigung, Frachtabfertigung und Treibstoffversorgung. Wie groß sind diese Bereiche, gemessen am Umsatz?

50 bis 55 Prozent des Umsatz entfallen auf die Bodenabfertigung, womit alle Dienstleistungen im Zusammenhang mit Passagierflügen gemeint sind. Einige dieser Prozentpunkte entfallen auch auf Sonderleistungen wie beispielsweise VIP-Lounges oder Rollstuhlservice. Der Rest des Umsatzes entfällt zu in etwa gleichen Anteilen auf die Bereiche Fracht und Treibstoff. Wir betreiben 76 Lagerhallen für die Frachtabfertigung und wir sind an rund 79 Treibstofflagern und Betankungsstationen tätig.

«Wir werden in Zukunft noch mehr selbstfahrende Fahrzeuge auf dem Vorfeld sehen, die beispielsweise Gepäck von der Gepäckhalle zum Flugzeug bringen»

Die Bodenabfertigung ist heute ein sehr arbeitsintensives Geschäft. Glauben Sie, dass das in fünf oder zehn Jahren immer noch so sein wird?

Es wird sich definitiv ändern. Und zwar nicht nur durch KI, sondern auch durch die Automatisierung selbst. Wenn man sich heute neue Flughäfen ansieht oder Terminals, die modernisiert und neu eröffnet werden, wie etwa T1 in New York JFK oder T1 in Bangalore, haben diese Airports einen deutlich höheren Automatisierungsgrad. Und die Automatisierung bei der Abfertigung wird weiter zunehmen. Wo die Vorschriften es zulassen, verfügen wir schon heute über selbstfahrende Vorfeldfahrzeuge, die mit 360-Grad-Kamerasystemen funktionieren. Wir haben auch Fahrzeuge mit Bremsassistenten.

Pushback von Menzies Aviation.

Und wie geht es weiter?

Wir werden in Zukunft noch mehr selbstfahrende Fahrzeuge auf dem Vorfeld sehen, die beispielsweise Gepäck von der Gepäckhalle zum Flugzeug bringen. Bei der Eröffnung eines neuen Flughafens sind heute bereits 95 Prozent der Bodenausrüstung elektrisch betrieben, bald werden es 100 Prozent sein. Anschließend folgen alle Backoffice-Funktionen. Alles, was im Hintergrund abläuft, wird von KI unterstützt und teilweise vollständig übernommen. Wenn wir jedoch bewusst damit arbeiten, können wir unseren Mitarbeitenden, unserem Unternehmen und unseren Kunden Vorteile bieten.

Hinzu kommen die Änderungen in den Passagierbereichen, wie automatisierte Kioske für Check-in und Gepäckaufgabe, die es heute schon überall gibt. Wie wird die weitere Automatisierung da aussehen?

In fünf oder zehn Jahren wird man seinen Pass am Flughafen nicht mehr benötigen, sondern sich nahtlos durch Gesichtserkennung ausweisen. Die Technologie dafür existiert bereits.

Nennen Sie uns bitte zwei ungelöste Probleme aus Ihrem aktuellen Betrieb.

Die Suche nach Talenten bleibt eine Herausforderung, insbesondere in großen, etablierten Städten mit starkem Wachstum und entsprechendem Wettbewerb um die besten Köpfe. Das ist kein Problem, sondern eine Herausforderung, an der wir ständig arbeiten müssen. Die zweite Herausforderung ist die aktuelle Krise, besonders bei der Lieferkette für Kerosin.

«Unser Schwerpunkt liegt darauf, Airlines dabei zu unterstützen, sich auf höhere Preise, Umleitungen und Flugplanänderungen einzustellen»

Wie ist es aktuell um die Kerosinversorgung bestellt? Die Internationale Energieagentur IEA hat kürzlich gewarnt, Europa verfüge nur noch über Kerosinvorräte für etwa sechs Wochen.

Es steht außer Frage, dass die Märkte für Flugkraftstoff unter Druck stehen. Aber die Lieferketten sind weiterhin aktiv und diversifiziert, und wir beobachten nach wie vor eine enge Zusammenarbeit zwischen Airlines, Flughäfen und Kraftstofflieferanten, um Kontinuität zu gewährleisten. Menzies kauft keinen Kraftstoff direkt ein. Wir managen die Treibstoffversorgung im Auftrag unserer Kunden. Wir unterstützen Fluggesellschaften, während diese sich an höhere Preise, Umleitungen und Flugplanänderungen anpassen - darauf liegt unser Fokus.

Sie haben gerade auch den Wettbewerb um Talente genannt. Wer sind generell die größten Wettbewerber in Ihrem Geschäft?

Global sind das Firmen wie Dnata, Swissport und Stats WFS. Hinzu kommen regionale Anbieter wie beispielsweise Aviapartner in Europa und auch regionale und lokale Anbieter und Flughäfen selber, die sich ausschließlich auf ihren eigenen Markt konzentrieren.

Was in Geschäftsberichten selten steht: Wie entwickeln sich die konkreten Zahlen zur Sicherheit, etwa zu Sicherheitsvorfällen beim Betanken, zu Schadensraten bei Fahr- und Flugzeugen, zu Verletzungen von Mitarbeitenden? Geben Sie uns bitte einen Einblick.

Sicherheit hat für uns oberste Priorität und wir sind sehr stolz auf unsere Sicherheitsbilanz. Laut Iata-Zahlen von 2023/2024 sind wir in diesem Bereich sechs Mal besser als der Branchendurchschnitt. Und wir arbeiten ständig daran, uns weiter zu verbessern.

Mitarbeitender von Menzies Aviation: zehn goldenen Regeln für die Arbeitsweise.

Das bedeutet, es gibt bei Ihnen sechs Mal weniger Zwischenfälle?

Ja. Und das ist eine Priorität, die wir in unserem gesamten Unternehmen und bei allem, was wir tun, leben. Wir haben ein eigenes System namens MORSE (Menzies Operating Responsibly, Safely and Effectively), um verantwortungsvolles, sicheres und effizientes Arbeiten zu gewährleisten. Es basiert auf zehn goldenen Regeln für unsere Arbeitsweise. Man darf beispielsweise keine Geräte bedienen, ohne dafür geschult zu sein. Man muss immer einen Mindestabstand von zwei Metern einhalten und so weiter. Das ist Teil unserer DNA. Sicherheit ist für uns ein Selbstverständnis, alles andere kommt danach.

Aber können Sie noch ein paar konkrete Zahlen nennen zu Schäden und Vorfällen im weltweiten Netz von Menzies, und dazu, wie sich die Zahlen entwickelte haben?

Wir überwachen die Sicherheitsbilanz in unserem globalen Netzwerk sehr genau, und der Trend geht in die richtige Richtung. Seit 2023 konnten wir die Fälle von Personenschäden der Kategorie A um 50 Prozent reduzieren. Seit 2024 haben wir zudem die Flugzeugschäden der Kategorien A und B um 25 Prozent gesenkt. Dies ist besonders wichtig, da wir diese Entwicklung trotz des kontinuierlichen Ausbaus unseres Netzwerks erreicht haben. Das zeigt, dass sich die Sicherheitsbilanz auch bei wachsendem Geschäft verbessert.

*Philipp Joeinig ist seit Juni 2019 Group Chief Executive Officer von Menzies Aviation. Zuvor hatte er bereits verschiedene andere Führungspositionen im Unternehmen inne. Seit 2017 ist er Mitglied des Verwaltungsrats. Vor seiner Zeit bei Menzies war der Manager lange für Swissport tätig. Joeinig kommt ursprünglich aus Österreich und lebt in der Schweiz.

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