German Slider: So könnte eine 90m Version für 600 Passagiere oder 300 Tonnen Fracht aussehen.

Günstiger als Flugzeuge, schneller als SchiffeDeutsche Firma will vergessene Technologie des Bodeneffektfahrzeuges zur Serienreife bringen

Das Kaspische Seemonster ist wohl das berühmteste Bodeneffektfahrzeug. Eine deutsche Firma will eine in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik entwickelte Technologie wieder aufleben lassen.

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Der Seeweg zwischen Helsinki und Stockholm dauert heute rund 17 Stunden. Mit dem Flieger braucht man knapp eine Stunde. Was wäre, wenn es einen Weg gäbe, die Strecke vier bis fünf Stunden zurückzulegen und dabei nur 15 bis 20 Prozent der Energie eines Flugzeugs zu verbrauchen? Klingt unrealistisch, ist aber technisch möglich, dank einer deutschen Erfindung aus den 1960er-Jahren.

Der Ingenieur Günther W. Jörg startete 1963 mit der Konstruktion seines Tandem-Airfoil-Boots, einer besonderen Form eines Bodeneffektfahrzeugs. Diese nutzen das Luftpolster, das sich zwischen Tragflächen und einer ebenen Oberfläche aufbaut, um mit minimalem Energieaufwand knapp darüber zu gleiten. Das Prinzip ist auch als Albatros-Effekt bekannt: Der Vogel schlägt kaum mit den Flügeln, weil er von der Luft über Wasser getragen wird.

Zwei Flügel für mehr Stabilität

Jörgs Erfindung unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von anderen Bodeneffektfahrzeugen wie dem berühmten Kaspische Seemonster: Er setzte auf das Tandemflügel-Prinzip. Statt eines einzelnen großen Flügels trägt das Fahrzeug zwei Flügel hintereinander, die sich gegenseitig stabilisieren. Steigt das Fahrzeug zu hoch, bricht der Bodeneffekt ab und es sinkt automatisch zurück.

1974 erhielt das Tandem-Airfoil-Boot vom Bundesverkehrsministerium die offizielle Zulassung. Zehn Jahre später wurde Günther W. Jörg mit dem Philip-Morris-Forschungspreis als Anerkennung für ein neues Transportsystem des 21. Jahrhunderts ausgezeichnet. Er baute und entwickelte bis zu seinem Tod 2010 rund 15 Fahrzeuge verschiedener Größen und Materialien, die zusammen auf über 100.000 Kilometer Testbetrieb kamen.

Aus dem Tandem-Airfoil-Boot wird German Slider

Nur die Serienproduktion kam nie zustande und die Erfindung geriet in Vergessenheit. Das will ein Mann ändern: Der Unternehmer Wolfgang Rögner kaufte die Lizenzen und Pläne von der Jörg-Familie ab und gründete 2019 die Firma German Slider mit dem Ziel, die Technologie zur Serienreife zu bringen. Das Portfolio umfasst Personenfahrzeuge von 8 bis 40 Metern für 2 bis 200 Passagiere sowie Drohnen von 4 bis 18 Metern. Für den Personenverkehr sind vier Größen geplant: Zwei-, Vier-, Sieben- und Fünfzehnsitzer, dazu fünf Frachtversionen von sechs bis 18 Metern.

Gebaut werden sollen die modernen Bodeneffektfahrzeuge aus Carbon, Glasfaser und Aluminium. Der geplante Antrieb wäre elektrisch oder per Wasserstoff-Brennstoffzelle, erklärt Udo Stern, der das Projekt begleitet, im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. Die Brennstoffzelle soll von Thyssen Krupp Marine Systems kommen. Man sei im Gespräch, verrät Stern.

Einige Airlines hätten Interesse angemeldet

Zudem gibt es laut Stern einen regulatorischen Vorteil: Der German Slider kann als Boot und nicht als Flugzeug zugelassen werden. Statt teurer Pilotinnen oder Piloten können sie von Kapitänen gesteuert werden. Durch Einsparungen bei Material, Treibstoff und Personalkosten ließen sich enorme Betriebskosten sparen, sagt Stern, ein ehemaliger Luftfahrtmanager.

Das Interesse aus der Industrie sei vorhanden, sagt Stern. SAS habe Interesse an skandinavischen Küstenrouten signalisiert, wo Stockholm, Oslo und Kopenhagen alle direkt am Wasser liegen. Für das Baltikum stehe Air Baltic als potenzieller Betreiber im Raum.

Demonstrationsfahrten mit Rarität aus den 1970er Jahren

Gerade in Zeiten steigender Kerosinpreise seien die Fahrzeuge eine attraktive Alternative. Um das Konzept greifbar zu machen, plant German Slider, eines der noch erhaltenen, von Jörg gebauten Originalfahrzeuge aus Griechenland nach Deutschland zu holen und Interessenten Demonstrationsfahrten anzubieten.

German Slider ist aber nicht das einzige Unternehmen, das Bodeneffektfahrzeuge als Transportmittel nutzbar machen will. In Singapur sollen noch in diesem Jahr Bodeneffektfahrzeuge Reisende transportieren. ST Engineering entwickelt den Airfish Voyager. Der Zehnsitzer soll Geschwindigkeiten von bis zu 100 Knoten, rund 185 Kilometer pro Stunde, erreichen. Anders als der Germans Slider basiert der Airfish Voyager auf dem einflügeligen Prinzip und nicht auf Jörgs Tandemflügel.

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