Dominique Marchal: Alpinistin, Luftfahrt-Pionierin, Nonne.

Dominique MarchalDas Fliegen machte sie zur Nonne

[image1]Dominique Marchal war erste Pilotin der Schweiz. Später konvertierte die Abenteurerin zum Buddhismus. aeroTELEGRAPH erzählte die Nonne ihr Leben.

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Sie ist eine attraktive junge Frau und sie weiß das auch. Mit ihrem adretten Äußeren verführt sie die Männer in Scharen - ein Spiel, das ihr liegt. Auch guten Wein trinkt die Belgierin gerne. Überhaupt: Dominique Marchal genießt die schönen Dinge im Leben. Und sie genießt das Abenteuer. Den extravaganten Lebensstil finanziert sie sich mit einem abenteuerlichen Job. Mit ihrem Flugzeug fliegt sie einmal exzentrische Millionäre durch die Welt, dann Fracht für Guerillas. Und nebenher schafft sie es auch, Mutter für zwei Söhne zu sein.

Allein das wäre schon genug für einen abendfüllenden Kinofilm. Doch Marchal hat noch viel mehr erlebt. Die erste weibliche Pilotin der Schweiz warf in den Achtzigerjahren alles hin - und widmete ihr Leben dem Buddhismus. Inzwischen ist die quicklebendige 70-Jährige Nonne und lebt in Nepals Hauptstadt Kathmandu. «Ich bereue nichts», sagt sie im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. Sie ist einer der wenigen Menschen, bei denen dieser Satz nicht klingt wie eine Floskel.

Junge Rebellin

[image3]Dominique wird 1944 in Brüssel in eine reiche, katholische Familie geboren. Schon als Mädchen wehrt sie sich gegen Konventionen. Sie weigert sich, sich den Dogmen der Religion und ihrer Familie zu unterwerfen. «Ich entdeckte früh die Rebellin in mir», erzählt sie. Marchal entscheidet, als Pilotin die Welt zu entdecken. In der Schweiz macht sie 1966 ihren Flugschein. Damit wird sie ganz nebenbei zur ersten Pilotin des Landes. «Mein Lehrer hat mir das einfach so erzählt, als ich die Lizenz erhielt», erinnert sie sich.

Marchal ist süchtig nach Adrenalin, nach Abenteuer. Sie sucht sich nicht die einfachsten und auch nicht die ungefährlichsten Aufträge aus. Während des Bürgerkriegs in Nigeria Ende der Sechzigerjahre transportiert sie Waffen für die Biafra-Rebellen. Doch nicht nur Kriegsgebiete, auch das Luxusleben lernt die Pilotin in ihrem Berufsleben kennen. In einem Learjet – bis heute ihr Lieblingsflugzeug – fliegt sie lange Zeit für «einen der reichsten Männer der Welt», wie sie erzählt. Einen exzentrischen Milliardär. Wer das war, will sie nicht preisgeben.

Kein Glück in der Liebe

Ob es dieser Kunde war, der ihr die Liebe zum Luxus nahe brachte? Die junge Frau hat mit ihren blonden Haaren, der schlanken, weiblichen Figur und dem sympathischen Lächeln kein Problem, die Blicke auf sich zu ziehen. Doch Glück in der Liebe hat sie deswegen nicht. Die Bilanz: Drei Ehen, drei Scheidungen. Trotz des vielen Herzschmerzes ist sie bis heute dankbar für die zwei Söhne, die aus den gescheiterten Ehen hervorgingen.

Auf langen Flügen, oft über den Atlantik, hat die Pilotin viel Zeit. Und da denkt Marchal über ihr Leben nach. «Ein Pilot schläft, der andere ist allein in der Kabine. Es ist ruhig, man sieht den Himmel und ist ganz allein. Das hat etwas Meditatives», berichtet sie. Für sie sind diese langen Nachdenkphasen rückblickend ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu ihrem heutigen Leben in der Spiritualität. «Es hat mich sehr inspiriert.»

Frustriert bei der Charterairline

[image2]Doch um die große Wende im Leben zu bringen, braucht es diese eine Station in der Biografie, die das Fass zum Überlaufen bring. Für Marchal ist das der Job als Pilotin einer Charterairline in den Achtzigerjahren. Sie fliegt eine Boeing 737, ein modernes Flugzeug. Viel Automatik, wenig Selbstbestimmung. Das sagt ihr nicht zu. Und nebenher verändert sich die Luftfahrt. Früher seien die Passagiere geschätzte Kunden gewesen, denen man den Flug so angenehm wie möglich gemacht habe. «Inzwischen sind sie eigentlich wenig mehr als Fracht», kritisiert Marchal. «Ehrlich gesagt habe ich es gehasst.»

Wie ein Zeichen wirkt es für sie daher, als sie die Chance bekommt, an einer Everest-Expedition teilzunehmen. Schon früher hatte sie in der Schweiz die anspruchsvollsten Gipfel erklommen. Der höchste Berg der Erde war aber schon immer ihr Traum. Sie gibt ihren Job auf und findet sich zwei Monate später im Everest-Basislager auf 5150 Metern Höhe wieder. «Ich habe mich währenddessen viel mit dem Buddhismus auseinander gesetzt», erzählt sie. Denn Gipfel erreicht sie nicht. Doch das ist nicht mehr entscheidend.

Wegweisendes Treffen

Das war 1986. Marchal will danach nicht mehr als Pilotin arbeiten und wird Journalistin. Drei Jahre später trifft sie bei ihrer Arbeit in Paris zum ersten Mal den Dalai Lama – ein Treffen das sie nachhaltig prägt. Sie entscheidet: Das ist meine Zukunft. Keine blonde Haarpracht mehr, kein Make-Up, dafür ein kahlrasierter Kopf und die bescheidene orange-purpurne Mönchskluft. 1995 zieht Marchal nach Nepal und leitet eine Klinik.

Noch heute lebt Marchal in Kathmandu – und fühlt sich so angekommen wie nie. Das hört man sogar: Wenn sie Englisch spricht, hat sie nicht etwa einen französischen, sondern einen nepalesischen Akzent. Was sagten ihre Söhne, die heute 37 und 42 Jahre alt sind, zu dem radikalen Schritt im Leben ihrer Mutter? «Sie haben mich immer unterstützt», sagt Marchal. Als sie 2008 offiziell zur buddhistischen Nonne erklärt wurde, seien sie sehr stolz auf ihre Mutter gewesen.

Flugangst? Schwer zu sagen.

Inzwischen hat Marchal ihre spirituelle Reise, wie sie es nennt, in einem Buch verewigt. L'Envol du Silence heißt es, der Flug der Stille. Für Lesereisen und Vorträge fliegt sie daher durch die ganze Welt – heute allerdings nur noch als Passagierin.

Doch traut sie modernen Flugzeugen noch? Die Automatisierung ist schließlich schon deutlich weiter fortgeschritten als noch in den Achtzigern. «Ja. ich liebe das Fliegen immer noch sehr», sagt sie. Also hat sie keine Angst? Sie zögert. Schon als Pilotin habe die Angst immer einen Teil der Leistung ausgemacht, sie gehöre einfach zum Leben. Denn: «Wer nie Angst hat, der ist verrückt.»

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