Das Management von Lufthansa Group wird mit den Airbus A321 Neo mit Langstreckenfähigkeiten nicht warm. Man habe das durchgerechnet und komme zum Schluss, dass sich der Einsatz von Airbus A321 LR oder XLR nicht rechnen würde, hieß es immer. Doch mit ITA Airways holte sich der deutsche Konzern ein solches Modell in die Flotte. Die italienische Fluggesellschaft betreibt A321 LR. Sie setzt sie morgens auf europäischen Rennstrecken ein, bevor sie am Nachmittag zu Mittelstreckenzielen fliegen.
Dabei bietet ITA Airways für Schmalrumpfflugzeuge eine Besonderheit an: Die Lufthansa-Beteiligung hat drei Klassen in ihre A321 LR eingebaut. Doch wie gut ist dieses Produkt? Wir haben auf einem Flug von Rom nach Dakar im September die Premium Economy getestet.
Buchung/Reservierung: ★★★★☆. Die Webseite von ITA Airways ist sauber gestaltet und nicht überfrachtet. Die Navigation ist klar und man findet die wichtigsten Funktionen wie «Meine Buchung», «Check-in» und «Flugstatus» auf einen Blick. Das Einloggen erfolgt über die Lufthansa-Group-Travel-ID oder Miles-and-More-Nummer. Das ist praktisch, wenn man viel mit Lufthansa Group fliegt, bringt aber die traditionelle Langsamkeit und Instabilität (Stichwort Warte-Cursor) des Login-Prozesses der Gruppe mit sich.
Abzug gibt es dafür, dass ich im Browser unter «Meine Buchung» meine Buchung einfach nicht abrufen kann. In der App, die allgemein sehr gut funktioniert, ist das allerdings problemlos möglich.
Check-in/Einsteigen: ★★★★★. Da ich von Zürich aus anreise, muss ich in Rom nicht mehr einchecken. Am Flughafen Zürich ist ITA Airways noch nicht zusammen mit den anderen Star-Alliance-Airlines untergebracht, sondern einzeln. Das Check-in für die Premium Economy findet am Business-Schalter statt und ist daher entsprechend schnell. Die Angestellte ist sehr freundlich und professionell.
Priority-Sicherheitskontrolle und Loungezugang bietet ITA den Gästen der Premium Economy nicht. Seit der Installation der CT-Scanner ist das in Zürich aber nur noch selten mit langen Wartezeiten verbunden.
Ich darf mit Gruppe 3 nach den besten Vielfliegenden und Business-Gästen einsteigen. Ein großer Vorteil der Schmalrumpf-Langstreckenflieger: Das Boarding geht sowieso schnell.
Airbus A321 LR mit dem Kennzeichen EI-HXB. aeroTELEGRAPH
Am Gate steht der zweijährige Airbus A321 LR mit dem Kennzeichen EI-HXB bereit.
Crew und Service: ★★★★★. Die Crew von ITA Airways ist sehr aufmerksam, stets präsent, charmant und professionell. Wünsche werden ernst genommen und auch erfüllt. Zudem ist sie sich definitiv nicht zu schade für ein Lächeln, wie man es da und dort erleben kann. Volle Punktzahl.
Kabinenausstattung: ★★★★☆. Die Premium Economy liegt hinter der Business Class. Sie ist mit Vorhängen und Trennern von den beiden anderen Klassen abgetrennt. Sie ist bei ITA Airways im A321 LR mit zwölf Sitzen in einer 2-2-Konfiguration ausgestattet. Mit nur drei Reihen ergibt das ein kleines, gemütliches eigenes Abteil. Die Einrichtung ist hochwertig, Platz für Handgepäck ist im Überfluss vorhanden. Nachteil: Die Toiletten liegen recht weit hinten, ganz am Ende der Economy Class. Dafür hat die Lufthansa-Group-Beteiligung dort drei Waschräume eingebaut, was Wartezeiten auf ein Minimum reduziert.
Die Toilette, die ich benutze, sieht allerdings bereits sehr abgenutzt aus. Und dies, obwohl das Flugzeug erst zwei Jahre alt ist. Es gibt hinter dem Waschbecken bereits merkliche Gebrauchsspuren und Farbabsplitterungen. Rund um den fix installierten Seifenspender neben dem Waschbecken zeigt sich eine starke Vergilbung. Das sieht unschön aus.
Sitz: ★★★★★. ITA Airways setzt auf den Safran Z600. Der Premium-Economy-Sitz ist sehr bequem, der Abstand zur nächsten Reihe beträgt großzügige 102 Zentimeter. Man hat also reichlich Kniefreiheit. Er ist 51 Zentimeter breit und lässt sich 18 Zentimeter nach hinten neigen, was einen guten Schlaf erlaubt. Die Kopfstütze ist in eierschalenweißem Lederimitat gehalten und stark gepolstert. Sie ist verstellbar und weist Ohren auf, damit man sich dort bequem anlehnen kann. Das benötige ich aber nicht. Ich sitze auf 21A am Fenster und kann meinen Kopf zum Schlafen am Wandpaneel anlehnen.
Sehr gut gefallen mir der hochwertige, große Tisch mit Vorrichtung zum Aufstellen des Mobiltelefons (praktisch), sowie der Stauraum in der Armlehne. Stauraum gibt es auch in der elastischen Tasche am Vordersitz. Für Getränke gibt es einen ausklappbaren Untersetzer in der Armlehne. Neben einer Fußstütze unter dem Vordersitz existiert ein verstellbares Polster für die Waden.
Sauberkeit: ★★☆☆☆. Bei der Sauberkeit enttäuscht mich ITA Airways. Das liegt auch daran, dass die Reinigungscrew nach der Ankunft des Fliegers aus Madrid wenig Zeit hatte, um ihn für den nächsten Flug nach Dakar gründlich zu reinigen. Vielleicht ist da auch ein Nachteil, des - wirtschaftlich gesehen absolut vernünftigen - straffen Programms, das die Fluggesellschaft den Airbus A321 LR aufbürdet.
Aber an einigen Stellen zeigt sich auch hartnäckigerer Schmutz, der nicht von einem Flug alleine stammen kann. So liegen am Boden unter dem Vordersitz ein Staub-/Dreckfilm, alte Brosamen und andere nicht mehr erkennbare Reste von früheren Passagieren. Auch an einigen Kanten und in einigen Ecken des Sitzes findet man verklebten Staub, der nicht vom Vorflug stammen kann. Dasselbe ist an der Decke beim Auslass der Klimaanlage zu sehen - graue Ablagerungen. Hier lässt ITA ganz unnötigerweise Punkte liegen. Dass es nicht mehr Abzug gibt, liegt einzig daran, dass die Reinigungscrew wirklich kaum Zeit hatte, ihren Job richtig zu machen.
Dreck unter dem Vordersitz: Eklig. aeroTELEGRAPH
Mahlzeiten: ★★★★☆. Wenn ich auf einer einsamen Insel ausgesetzt würde und ich könnte eine Köchin dorthin mitnehmen, ich würde eine italienische Mamma wählen. Daher freue ich mich sehr auf das Essen. Und ich werde nicht enttäuscht. Schon vor dem Start bekomme ich nach dem Verteilen des feuchten Waschlappens einen Aperitif ausgeschenkt - ich wähle ein Glas Weißwein. Um welchen es sich handelt, verrät ITA Airways allerdings nicht, sofern man nicht nachfragt. Die Fluglinie hat zwar eine spezielle Speisekarte für die Premium Economy, die wird aber nicht verteilt, sondern ist nur online zu finden. Doch auch dort ist der Wein nicht aufgeführt. Das finde ich schade. Auch wird der Tropfen nur in einem Plastikbecher serviert. Alles zusammen reicht für einen Punkt Abzug.
Das Essen. aeroTELEGRAPH
Zur Vorspeise gibt es einen kleinen Caprese-Salat mit Büffelmozzarella, Kirschtomaten, Taggiasca-Oliven und einem Basilikum-Pesto. Der mundet bestens. Zur Hauptspeise wähle ich die Panciotti mit Auberginen- und Scamorza-Füllung an einer Tomatensauce, die mir sehr geschmekt haben. Dazu trinke ich ein Glas (unbekannten) Rotwein. Als Nachspeise gibt es schließlich frische Früchtestücke sowie einen Kaffeepudding mit Haselnuss-Crumble. Serviert wird alles in einem Durchgang. Dazu gibt es einen richtigen Espresso - ma sicuro! Auf den Limoncello, der ebenfalls im Angebot steht, verzichte ich. Insgesamt ein wirklich starkes Mahlzeiten-Angebot.
Unterhaltungssystem: ★★★★☆. Etwas mehr als 100 Filme bietet ITA Airways an, die Auswahl ist solide, aber nicht üppig. Zu sehen sind eine kleine Auswahl von aktuellen Streifen (zum Beispiel Wuthering Heights, Nürnberg oder Wonka), aber auch viele Klassiker (etwa Harry Potter und der Gefangene von Askaban oder Wedding Crashers). Für mich immer wichtig: Lässt mich die Fluggesellschaft einheimisches Schaffen entdecken, das ich sonst nicht kennenlernen würde oder setzt sie alleine auf Bekanntes? Hier werde ich positiv überrascht. ITA bietet eine große Auswahl an italienischen Filmen. Ich entscheide mich für «Strike - Figli Di Un'era Sbagliata». Dabei geht es um drei ungleiche Freunde - ein tollpatschiger Psychologiestudent, ein rebellischer Schüler und ein reformierter ehemaliger Gangster -, die in einem Rehabilitationszentrum Freundschaft schließen. Durch urkomische Abenteuer wachsen sie zusammen und meistern gemeinsam die Herausforderungen des Lebens. Eine Trouvaille. Zum Genuss des Programms bekommen die Premium-Economy-Gäste hochwertige, geräuschunterdrückende Kopfhörer. Man könnte aber auch die eigenen Kopfhörer via Bluetooth verbinden. Der berührungssensitive Bildschirm weist mit 15,6 Zoll eine gute Größe aus und bietet 4K-Qualität. In der Mittelkonsole existiert eine Fernbedienung, die ich aber gar nicht nutze, da sie mir wenig Vorteile gegenüber dem Touchscreen bringt.
Wifi/Strom: ★★★★★. Leider funktioniert das Wifi auf meinem Flug nicht. Das rechne ich ITA aber nicht als Mangel an. Ich konnte das Angebot dann auf meinem Rückflug testen - und diesen Eindruck gebe ich hier wieder. Bereitgestellt wird das Wlan von Viasat. Die Verbindung ist auf dieser Strecke sehr stabil, die Geschwindigkeiten sind in Ordnung. Das Nachrichtenpaket für 30 Minuten ist kostenlos (was im heutigen Konkurrenzumfeld etwas geizig ist). Wer den ganzen Flug über texten will, muss 6 Euro bezahlen. Wer surfen will, dem werden 25 Euro für den Flug in Rechnung gestellt. Das sind durchschnittliche Preise. Das Einloggen funktioniert einfach und problemlos. Auch ITA Airways stellt derzeit nach und nach auf Highspeed-Internet von Starlink um.
Zum Laden von Geräten stehen USB-A- und USB-C-Buchsen sowie eine Steckdose zur Verfügung. Es ist also alles vorhanden, was man benötigt.
Extras: ★★★☆☆. ITA Airways bietet Gästen in der Premium Economy eine flauschige Decke und ein sehr bequemes Kissen. Ein Amenity Kit gibt es leider nicht. Als kleines Extra wird Gästen ein Fruchtgelee-Bonbon gereicht. Etwas mehr wäre hier mehr gewesen.
(Skala: Sehr gut = über 4,5, Gut = 3,7 bis 4,4, Befriedigend = 2,7 bis 3,6, Schlecht = 2,0 bis 2,6, Sehr schlecht = unter 2,0)
Fazit: Die Integration von ITA Airways in Lufthansa Group eröffnet Reisenden aus Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz neue Möglichkeiten - vor allem auch Richtung Afrika und Lateinamerika. Daher ist die italienische Nationalairline durchaus eine interessante Alternative zu anderen Gruppenairlines für gewisse Destinationen geworden. Sie kann im Verbund gut mithalten und, wenn sie das Problem mit der Sauberkeit in den Griff bekommt, sogar zu den besten gehören. Ihre Premium Economy im Airbus A321 LR ist ein starkes, sehr konkurrenzfähiges Produkt.
In der unten stehenden Bildergalerie sehen Sie weitere Bilder des Flugtests. Ein Klick aufs Foto öffnet die Galerie im Großformat.
Die Premium Economy von ITA Airways im Airbus A321 LR
Einsteigen nach Dakar: ITA bietet Premium-Economy-Gästen ein Priority Boarding.
Sie können mit Gruppe 3 an Bord gehen.
Der bequeme, gut ausgestattete Sitz.
ITA bietet neben guten Kopfhörern eine Decke und ein sehr bequemes Kissen.
Die anpassbare Kopfstütze.
Die Premium Economy ist mit Vorhängen abgetrennt.
Der Sitz bietet viel Kniefreiheit ...
... und eine Wadenstütze.
Vor dem Start gibt es einen Aperitif.
Der Handyhalter am großen Tisch.
Der Testflug verursachte 720 Kilogramm CO2. Wie bei allen Dienstreisen reduzierte aeroTELEGRAPH diese Emissionen über den Partner Myclimate durch Maßnahmen zum Vermeiden, Verringern oder Beseitigen von Treibhausgasemissionen außerhalb der eigenen Wertschöpfungskette (Beyond Value Chain Mitigation) .
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Das Flugticket für den Test wurde von der Fluggesellschaft zur Verfügung gestellt. aeroTELEGRAPH hatte beim Urteil trotzdem freie Hand. Die Fluggesellschaft nahm weder Einfluss auf den Inhalt des Artikels noch stellte sie irgendwelche Bedingungen. Sie bekam den Artikel vor Veröffentlichung auch nicht zugestellt. Das würde dem Verhaltenskodex von aeroTELEGRAPH widersprechen.