Letzte Aktualisierung: um 10:48 Uhr

Stefan Beveridge

Der Eurowings-Manager, der auch als Pilot im Cockpit sitzt

Uniform oder Anzug? Diese Frage stellt sich Stefan Beveridge regelmäßig. Denn zusätzlich zu seiner Rolle als Chef von Eurowings Europe fliegt er auch mehrmals monatlich als Kapitän im Cockpit Fluggäste an ihr Ziel.

Mit

Es ziehen erste Gewitterwolken an diesem Montagmorgen auf. Flug EW4500 startet dennoch pünktlich um 06:30 Uhr am Flughafen Graz. Insgesamt befinden sich 136 Personen an Bord, als der Flugkapitän die beiden Schubhebel nach vorn legt und der des Airbus A319 nach kurzer Startstrecke von Piste 16 abhebt. Es ist kein gewöhnlicher Flug. Einerseits trägt der Flieger von Eurowings mit der Kennung 9H-EXQ ein frisch aufgetragenes Steiermark-Logo, um für die österreichische Urlaubsregion zu werben. Anderseits sitzt der Geschäftsführer des paneuropäischen Flugbetriebs von Eurowings, Eurowings Europe, selbst am Steuer.

Der Traum vom Fliegen war für Stefan Beveridge immer schon vorhanden und als Kind eines Engländers und einer Deutschen ist er oft, wie er im Gespräch mit aeroTELEGRAPH schildert, zu seinen Großeltern nach London geflogen: «Als kleiner Junge durfte ich häufig das Cockpit besuchen. Das war noch vor 9/11. Es gibt ein Foto, auf dem ich als Kind im Cockpit auf einem Flug von Stuttgart nach London zu sehen bin. Seit diesem Moment ist der Traum vom Fliegen in meinem Kopf fest verankert und hat mich nie wieder losgelassen.»

Von der Uni in die Flugschule

Der Wunsch Berufspilot zu werden, blieb. Deshalb suchte Beveridge nach abgeschlossenem Abitur nach einem Studienfach, das mit seiner Leidenschaft für den Luftverkehr verknüpft war. Da kam er erstmals mit dem Lufthansa-Konzern in Kontakt: «Ich habe bei Google die beiden Suchbegriffe Aviation und Management eingegeben und habe das duale Studium Aviation-Management bei der Lufthansa gefunden». Die Ausbildung war umfassend und beinhaltete alle Tätigkeiten des Luftfahrtgeschäfts. «Ich lernte acht Monate im Jahr an der EBS Universität Management mit dem Schwerpunkt Aviation und die restlichen vier Monate durfte ich Praxiserfahrungen in den verschiedensten Abteilungen der Lufthansa Group sammeln.»

Während dieser Zeit arbeitete Stefan Beveridge in Bereichen wie dem Flugzeugeinkauf, im Südostasienmanagement in Thailand, bei Lufthansa Cargo in Kairo, aber auch am Check-in-Schalter und am Gate des Flughafen Düsseldorf. Noch während seines dreijährigen Studiums hatte sich Beveridge bei der Lufthansa-Flugschule in Bremen beworben. Nur eine Woche nach bestandenem Uniabschluss wechselte er dorthin, um seinen langjährigen Traum zu verwirklichen. «Während meine Kolleginnen und Kollegen ihre Tätigkeit im Aviation Management aufgenommen haben, bin ich direkt zur dreijährigen Pilotenausbildung nach Bremen auf die Lufthansa Flugschule gewechselt.»

Von Bremen nach Wien

Der Traum vom Job im Cockpit musste nach seiner abgeschlossenen Pilotenausbildung im Jahr 2014 aber noch etwas hinten anstehen. Ein Tarifstreit verhinderte vorerst den direkten Einstieg in eines der heiß begehrten Cockpits innerhalb des Lufthansa-Konzerns: «Mein Weg zwischen den beiden Welten Management und Berufspilot begann damals damit, dass ich zunächst für eine Schweizer Unternehmensberatung arbeitete und in den USA im Energiesektor tätig war, bevor ich bei Austrian Airlines die Möglichkeit bekam, für zwei Jahre auf einer Bombardier Dash 8-400 zu fliegen.»

Die österreichische Nationalairline hatte zum damaligen Zeitpunkt ihre Dash 8-Flotte auf insgesamt 18 Stück erhöht und dringend Personal gesucht. «Ich habe den Beraterjob gekündigt und bin direkt im Jahr 2014 nach Wien gegangen», so Beveridge. Drei Jahre lang flog er danach auf der Kurzstrecke, wo er auch den Alpenflughafen in Innsbruck sehr gut kennenlernte.  «Nach Wien habe ich bisher die meisten meiner Landungen am Flughafen Innsbruck absolviert. Ich bin froh, dass die Dash 8 mein Einstiegsmuster war. Das war ein Privileg, denn auf der Dash lernt man das fliegerische Handwerk noch durch viel händisches Fliegen.»

Restart bei Austrian Airlines geplant

Der nächste große Schritt folgte mit der Umschulung von der Dash 8 auf die Boeing 777-200 ER bei Austrian Airlines. Mit der Umstellung von der Kurz- auf die Langstrecke sammelte er wieder neue Pilotenerfahrung. «Die Triple Seven ist ein wunderschönes, ästhetisches Flugzeug, ist toll zu fliegen und eine perfekte Mischung aus Automatisierung und manuellem Verhalten. Bei der Langstrecke ist der Fokus ein anderer als auf der Kurzstrecke. Jede Strecke, egal ob nach Asien oder über den Atlantik hat ihre Besonderheiten und spezielle Verfahren, die man beachten muss», so Beveridge.

Während seines siebenjährigen Engagements in Österreich machte er nicht nur an der Wirtschaftsuniversität Wien seinen Mastertitel in Management, sondern übernahm bei Austrian Airlines auch Verantwortung im unternehmerischen Bereich. «Zuletzt habe ich während der Pandemie das Restart-Programm geleitet. Gemeinsam mit dem Team haben wir die Fluglinie nach dem Grounding wieder hochgefahren und sie unter Berücksichtigung der damals zahlreichen Corona-Maßnahmen quasi erneut zum Leben erweckt.»

Chef und auch Kollege

Im Sommer 2021 wechselte Beveridge zu Eurowings, zunächst als Accountable Manager und kurz darauf zusätzlich als Managing Director von Eurowings Europe. Von Beginn an war klar, dass er diesen Schritt nur machen würde, wenn er nebenher weiter seiner Tätigkeit im Cockpit nachgehen könne. «Für mich hat es einen unheimlichen Wert diese beiden Welten aus Management und Berufspilot zu kombinieren. Das Kerngeschäft aus erster Hand zu kennen, hilft mir sehr bei den zahlreichen Entscheidungen, die in unserem Unternehmen zu treffen sind.» Konzernchef und Berufspilot Carsten Spohr sei ihm hier ein Vorbild gewesen.

Noch im Herbst des gleichen Jahres erfolgte die Umschulung und der erste Einsatz auf einem Airbus A320 von Eurowings. Und obwohl Beveridge in seiner Managementfunktion für Eurowings Europe neben seiner Arbeit auf Malta auch regelmäßig die europäischen Basen in Palma, Prag, Stockholm, Salzburg und Graz besucht, so nimmt er zumindest auch drei bis viermal im Monat auf dem Pilotensitz Platz, um seiner Leidenschaft, dem Fliegen, weiter nachzugehen.

Das Unternehmen wächst

Während dieser Zeit wird er von den Mitarbeitenden primär als Kollege und Flugkapitän gesehen und nicht als Chef des Unternehmens. Das bestätigt auch Nazar Rukin, der Kopilot am Montagmorgen auf der Rotation Graz – Hamburg – Graz. «Ich versuche auf jeder neuen Basis gleich zu Beginn einige Flüge durchzuführen. Die Gespräche, die man mit den Crews an Bord oder im Crew-Bus auf dem Weg zur Arbeit führt, sind andere als jene bei offiziellen Anlässen. Man hat eine Uniform an wie alle anderen Kollegen an Bord auch, man ist mitten im Herzstück des Flugbetriebs und man bekommt auch alles mit, was funktioniert oder vielleicht auch nicht funktioniert.»

Wer den Eurowings-Europe-Chef bei seiner Arbeit im Cockpit beobachtet, sieht, dass hier ein Vollblutpilot am Werk ist. Und Gelegenheiten für das Fliegen gab es immer mehr: Denn Eurowings Europe wuchs in den vergangenen drei Jahren unter seiner Führung nicht nur von 15 auf jetzt 24 Flugzeuge, sondern baute ihre Präsenz durch die Eröffnung von Basen in Prag, Stockholm und vor einem Jahr in Graz weiter aus. Gleichzeitig wuchs das Angebot an den Basen in Palma und Salzburg. Mit anderen Worten: Die Airline wurde deutlich internationaler und machte ihrem Namen alle Ehre.

«Nach bestem Wissen und Gewissen»

Auf die Frage hin angesprochen, für welchen Job er sich entscheiden würde, wenn er vor der Wahl zwischen Airline Manager oder Flugkapitän stünde, lässt Beveridge die Antwort offen: «Ich versuche das, was ich mache, nach bestem Wissen und Gewissen zu machen. Ich bin bei Eurowings voll in meine Rolle hineingewachsen und fühle mich unserem Unternehmen tief verbunden – als Manager genauso wie als Pilot.»

In der oben stehenden Bildergalerie sehen Sie die Bilder von Steven Beveridge bei der Arbeit. Ein Klick aufs Foto öffnet die Galerie im Großformat.