Vor sechs Jahren brachte Tecnam mit der P2012 ihr bisher größtes Flugzeug auf den Markt. Neben der funktionalen Schulbus-Variante mit Platz für neun Personen haben die Italiener die Serie kontinuierlich erweitert: Im Herbst 2020 erschien mit der P2012 Sentinel eine Version für Spezialmissionen, und seit rund zwei Jahren ist mit der P2012 Stol auch eine Variante für extrem kurze Start- und Landebahnen verfügbar.
Einer der Höhepunkte der diesjährigen Aero Friedrichshafen war die Bekanntgabe, dass Tecnam eine VIP-Version auf den Markt bringen wird. Damit stößt das Familienunternehmen, das mittlerweile in dritter Generation von den Pascales geführt wird, in einen völlig neuen Markt vor. aeroTELEGRAPH konnte auf der Messe einen ersten Blick in das Flugzeug werfen.
Un italiano vero: Espressomaschine ist Standard
Beim Betreten des Flugzeugs durch das Heck fällt sofort die kompakte Bordküche ins Auge. Dort wartet ein besonderes Detail, das unmissverständlich klarmacht, dass der Hersteller aus Italien stammt: Tecnam liefert die VIP-Version serienmäßig mit einer Espressomaschine aus, wie Sven Lincke im Gespräch erklärt. Er ist für den Verkauf des Flugzeugs in Kanada und den USA verantwortlich.
Tecnam verbaut in jede VIP-P2012 eine Espressomaschine. aeroTELEGRAPH
Dass Tecnam den Schritt zu einer VIP-Kabine gewagt hat, liegt an der starken Nachfrage: Die neue Version ist die direkte Antwort auf zahlreiche Kundenwünsche, insbesondere aus den USA. «Wir finden das Flugzeug toll, aber wir wollen keinen Schulbus, sondern VIP. Keinen VW-Transporter, sondern einen Maybach», so Lincke. Mit inzwischen über 100 ausgelieferten P2012 zeigt das Unternehmen zudem, dass man kein Startup mehr ist.
LED-Leselampen und Clubsessel
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die VIP-Ausstattung der Tecnam P2012 bietet Platz für sechs Passagiere in einer großzügigen Club-Konfiguration. «Farbwahl, Teppiche, Seitenverkleidungen, Holzarten oder Lederfarben. Alles ist ein Sonderwunsch, den die Kunden frei wählen können, ganz ähnlich wie bei Porsche«, erklärt Lincke. Im Heck der Kabine befindet sich neben dem Gepäckfach zudem eine Toilette, die allerdings nur optional angeboten wird.
Auch bei den Details der Kabinenausstattung setzt Tecnam auf modernen Komfort: Über den Sitzen befinden sich individuell einstellbare LED-Leselampen sowie eine integrierte Belüftung und Heizung. Ein weiteres praktisches Feature sind die ausklappbaren Tische an jedem Platz.
Tecnam P2012 VIP hat dimmbare Fenster wie im Dreamliner
Ein technisches Highlight sind die elektronisch dimmbaren Fenster, die man in ähnlicher Form aus der Boeing 787 kennt. Anders als in vielen Businessjets scheint der Blick ins Cockpit zunächst versperrt zu sein. Doch dann öffnet Lincke plötzlich eine kleine Schiebetür und plötzlich wird der Blick ins Cockpit frei.
Das Besondere an der VIP-Version der Tecnam P2012 ist ihr Antrieb: Sie ist das derzeit wohl einzige Businessflugzeug dieser Klasse, das von zwei Kolbenmotoren angetrieben wird. Lincke sieht in der P2012 die moderne Antwort auf die legendäre Cessna 402, ebenfalls ein zweimotoriges Kolbenflugzeug, das bis 1985 produziert wurde. Während die meisten Geschäftsreiseflugzeuge heute auf Turboprops oder Jet-Turbinen setzen, füllt Tecnam mit dem Kolbenantrieb gezielt diese Lücke.
Zubringerflugzeug mit VIP-Kabine
Doch anders als die klassischen Businessjets von Herstellern wie Textron Aviation oder Gulfstream ist die Tecnam P2012 kein Luxusflieger, sondern zählt zur Klasse der Zubringer- und Nutzflugzeuge. Diese robusten Maschinen sind für vielfältige Einsätze ausgelegt und verzichten auf eine Druckkabine. Die zertifizierte maximale Flughöhe liegt daher bei 10.000 Fuß, was rund 3000 Meter entspricht, sofern kein zusätzliches Sauerstoffsystem für die Passagiere genutzt wird.
Der Blick ins Cockpit kann geschlossen werden. aeroTELEGRAPH
Tecnam gibt die Reichweite in der Standardkonfiguration mit rund 1760 Kilometern bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 350 km/h an. Mit einem Preis von rund drei Millionen Euro ist die sechssitzige VIP-Version der P2012 damit deutlich günstiger als die klassischen Geschäftsreiseflugzeuge von Cessna und anderen Herstellern. Einen Dämpfer gibt es jedoch für potenzielle Kunden: Die neue Inneneinrichtung muss derzeit noch zertifiziert werden.
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