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Air Baltic

«Sehe Einstieg einer großen Fluggesellschaft»

Bei Air Baltic freut man sich auf einen chinesischen Investor. Im Interview erklärt Geschäftsführer Martin Gauss, weshalb er später aber eine europäische Airline als Partner wünscht und warum er sich den Sukhoi Superjet anschaut.

Air Baltic/Bearbeitung aeroTELEGRAPH

Martin Gauss: «Wir schauen uns auch die Embraer E-190 und den Sukhoi Superjet 100 an. Der Mitsubishi Regional Jet gefällt uns auch sehr gut. Er kommt aber zu spät auf den Markt.»

Im kommenden April kommen Ihre Fußfesseln weg. Dann laufen die Beschränkungen der EU aus. Kommt dann die große Expansion?
Martin Gauss*: Der von der Europäischen Union 2011 genehmigte Restrukturierungsplan setzt uns in der Tat Grenzen bei der Kapazität und bei den Strecken. Das ist so. Diese Phase läuft nun im April aus. Und danach wollen wir wieder wachsen. Wir haben für die Zeit danach einen Fünfjahresplan verabschiedet. Wir rechnen darin bis 2020 mit 3,9 Millionen Passagieren pro Jahr – ein Plus von mehr als 40 Prozent gegenüber heute.

Wie wollen Sie das erreichen?
Wir planen die Flotte von heute 24 Flugzeugen bis 2021 auf 34 Flugzeuge zu vergrößern. Zudem erhöhen wir die Kapazität, da wir die Flotte mit größeren Flugzeugen erneuern. Und wir erhöhen die Frequenzen und planen 60 neue Destinationen ab Riga, 11 neue ab Vilnius und 11 neue ab Tallinn.

Wo sehen Sie im Streckennetz noch weiße Flecken?
Wir haben schon ein sehr dichtes Angebot. Aber in Großbritannien möchten wir uns noch verstärken. Auch in Russland gibt es Chancen, wenn sich die Lage normalisiert – und im Nahen Osten.

Diesen Sommer flogen sie auch innerdeutsche Strecken – von Dortmund und Frankfurt nach Usedom. Werden wir das noch öfter sehen?
Ja. Wir machen das dort, wo unsere Flieger schon sind. Statt sie am Boden zu lassen, schicken wir sie auf zusätzliche Flüge. Da haben wir schon einige Ideen für ganz Europa. Wir könnten etwa von München nach Lugano fliegen und zurück oder von Berlin nach London City.

Ist dann die Langstrecke wieder ein Thema?
Nonstop-Verbindungen ab Riga sind für uns derzeit kein Thema. Rund um uns herum gibt es genug gute Langstreckenangebote. Air Baltic sucht aber fünf weitere starke Codeshare-Partner. Von deren Drehkreuzen aus sollen unsere Kunden dann mit einem Mal umsteigen weiter in die Welt fliegen können. Wir haben unsere  Wunschpartner bereits identifiziert.

Kürzlich war noch von einer China-Verbindung die Rede…
Das ist eine vom generellen Businessplan unabhängige Sache. Es gibt von einem chinesischen Investor her Interesse, eine Langstrecke ab Riga nach Chengdu zu eröffnen. Es ist ein Flughafen mit kräftigem Wachstum. Da ist sicherlich Potenzial da, denn keiner unserer Konkurrenten fliegt dorthin. Wir machen das aber nur mit einem Partner, der uns vor Ort gut vertritt und den Vertrieb professionell organisiert.

Würde dann Air Baltic fliegen oder eine andere Fluglinie?
Das ist noch offen. Wir haben das Projekt für den Fall durchgerechnet, dass Air Baltic fliegt. Wir haben dabei gemerkt, dass die Investitionen doch sehr hoch wären. Unser Drehkreuz Riga ist zu klein um den Flug gut auszulasten. Deshalb wäre ein erster Schritt, dass man abwechselnd mit dem Partner fliegt.

Der Investor ist die Kommunalverwaltung von Chengdu, die auch in Air Baltic investieren will. Wo stehen diese Gespräche?
Die Verhandlungen laufen über unseren Aktionär, den lettischen Staat. Er will ja 50 Prozent minus eine Aktie verkaufen. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Interesse von Investoren an Air Baltic. Aber dieses Mal ist es wirklich konkret. Ein Entscheid wird in den nächsten Wochen fallen.

Sind Sie glücklich über diesen Investor?
Ja, denn er hat eine konkrete Idee, warum er in Air Baltic investieren will. Uns hilft das frische Geld, unsere bestellten Flugzeuge zu zahlen, die wir für die geplante Expansion brauchen. Für mich kann das aber nur ein erster Schritt sein. In einem zweiten Schritt sehe ich dann den Einstieg einer großen europäischen Fluggesellschaft bei Air Baltic, was uns auch operativ etwas bringen würde.

Viele potenzielle Partner gibt es also nicht…
Ja, das ist so. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir einer großen Fluggesellschaft etwas bringen können. Denn wir schreiben ja bereits jetzt wieder Gewinne.

Die Konkurrenz ist aber sehr hart. Fast alle Billiganbieter fliegen nach Riga – Norwegian, Vueling, Ryanair, Wizz Air. Was macht Sie so sicher, dass es auch weiterhin so rund läuft?
Wir haben einen großen Vorteil. Keiner der Konkurrenten kann so viele Verbindungen bieten, wie Air Baltic. Das ist auch dank den 21 Codeshare-Partnern so. Das macht uns extrem stark. Wir generieren über das Drehkreuz Riga fast die Hälfte der Erträge.

Nicht allen baltischen Fluglinien geht es so gut. Air Lituanica stellte den Betrieb ein, Estonian Air muss es wohl tun, wenn die EU bis Ende Jahr die Rückzahlung von Subventionen verlangt. Warum bauen Sie da nicht stärker in der Nachbarschaft aus?
Wir haben in den letzten Jahren immer wieder versucht, enger mit unseren Nachbarländern zusammenzuarbeiten. Wir glauben fest, dass die baltischen Staaten mit einer Fluggesellschaft besser bedient werden als mit drei. In Litauen hat sich das Thema mit dem Aus von Air Lituanica erledigt. In Estland bissen wir leider immer auf Granit. Dabei haben wir ein Konzept vorgelegt, wie Air Baltic in Estland auch einen estnischen Charakter haben würde.

Aber wenn nun aber Estonian Air den Betrieb bald einstellen muss… bauen Sie dann auf einen Schlag aus?
Wir sind bereit, die Lücke in Tallinn zu füllen. Doch dazu müsste die Regierung Estlands auf uns zugehen. Es scheint aber, als ob die Esten dann lieber nochmal eine neue Nationalairline gründen.

Nochmals: Unabhängig von einer Anfrage der Regierung… bauen Sie in Tallin aus, wenn Estonian Air bankrott geht?
Da es Winter ist, haben wir gewisse Kapazitäten, die wir nach Tallinn verschieben könnten. Wir würden sicher gewisse neue Direktverbindungen eröffnen. Air Baltic würde aber auch größere Flugzeuge zwischen Riga und Tallinn einsetzen. Auch das bringt viel. Auf kommenden Sommer hin planen wir im Übrigen schon jetzt – ganz unabhängig von der Aktualität – mit zwei neuen Direktflügen ab Tallinn.

Sie planen für die Expansion im Sommer fest mit den neuen Flugzeugen. Air Baltic bestellte letztes Jahr 13 Bombardier C-Series CS300. Haben Sie keine Angst, jetzt wo Bombardier Probleme hat?
Nein. Ich bin zuversichtlich, dass Bombardier die Probleme lösen wird. Das Flugzeug wird kommen.

Also keine Reue bezüglich des Entscheides?
Absolut keine. Im Rennen zur Ablösung unserer Boeing 737 standen der Airbus A319 Neo, die Boeing 737 Max und die C-Series CS300. Der Entscheid war einfach. Die drei Modelle sind alle gut, aber die C-Series ist fünf Tonnen leichter. Das bringt uns zusätzliche Einsparungen. Zudem war der Preis attraktiv.

Neben diesen Flugzeugen will Air Baltic noch mehr neue Jets kaufen. 
Wir haben uns 2014 ja auch eine Option auf 7 weitere C-Series CS300 gesichert. Wenn unser Businessplan aufgeht, lösen wir die auch ein. Nun suchen wir für das spätere Wachstum auch noch 100-Plätzer, diese Ausschreibung läuft.

Steht die C-Series auch da in der Pole Position?
Die C-Series CS100 ist nur eine Kandidatin. Wir schauen uns auch die Embraer E2-190, den Sukhoi Superjet 100 und theoretisch auch die Bombardier CRJ1000 an, wobei die einen etwas kleinen Rumpf hat. Der Mitsubishi Regional Jet gefällt uns auch sehr gut. Er kommt aber zu spät auf den Markt.

Viele wählten in den letzten Monaten den Superjet. Kann ein russisches Flugzeug im Baltikum wegen der schwierigen Geschichte ein Problem sein?
Der Superjet ist ein Flugzeug wie jedes andere. Viele seiner Teile sind zudem europäisch oder amerikanisch. Die Leistung und der Preis müssen stimmen.

Was ist hier der Zeithorizont?
Zuerst müssen wir einen strategischen Partner finden, damit wir den Flottenausbau finanzieren können.

Laufen die Gespräche schon?
Ja, wir führen laufend Gespräche. Wir haben einen spannenden Hub und sehr niedrige Kosten. Daher sind wir für eine andere, große Fluglinie durchaus interessant. Konkret ist aber noch nichts.

* Martin Gauss begann seine Luftfahrt-Karriere 1992 als Pilot einer Boeing 737 bei der British-Airways-Tochter Deutsche BA. Später stieg er dort in die Geschäftsführung auf. Nach der Integration von DBA in Air Berlin verließ Gauss das Unternehmen nach 15 Jahren. Er stieg bei der Cirrus Group ein und wurde dort Geschäftsführer. Zwischen April 2009 und Mai 2011 war Gauss Chef der ungarischen Fluggesellschaft Malev. Seit vier Jahren ist er nun bei Air Baltic Geschäftsführer.



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