Eis am Fenster: Das ist völlig harmlos.

Hypothese zu Voepass-UnglückWie Eis Flugzeuge gefährdet - und was dagegen getan wird

Eis ist ein Risiko in der Luftfahrt und wird auch im Rahmen des ATR-Absturzes in Brasilien diskutiert. Wie werden Flugzeuge geschützt und wie reagieren Pilotinnen und Piloten?

Top-Jobs

Pilatus Logo

Systems Engineer - Electrical Focus

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller
Pilatus Logo

Lizenzierter Luftfahrzeugmechaniker (a)

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller
Pilatus Logo

Luftfahrzeugmechaniker Flugbetrieb (a)

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller
Pilatus Logo

Teamleiter Montage & Support (a)

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller

Beim tragischen Unglück in Brasilien starben 62 Menschen. Nur durch Glück wurde niemand am Boden verletzt, als die ATR 72-500 von Voepass um die Gierachse trudelnd nach unten fiel und in den Garten zwischen mehreren Häusern einer Wohnsiedlung in Vinhedo fiel.

Dort brannte sie aus. Am Unglücksort zeigte sich danach ein völlig zerschelltes Wrack. Die Blackbox, bestehend aus Cockpit-Stimmenrekorder und Flugdatenschreiber, wurde inzwischen geborgen. Die Ermittlerinnen und Ermittler haben ihre Arbeit aufgenommen, um herauszufinden, weshalb es zum Absturz kam.

Eisbildung erst eine Hypothese

Eine oft genannte Hypothese ist, dass Eisbildung einen Kontrollverlust verursacht haben könnte. In der Region herrschte im Zeitpunkt des Absturzes instabiles Wetter mit der Gefahr von Gewittern, Turbulenzen und Vereisung. Auf der Flughöhe herrschten Temperaturen zwischen minus elf und minus neun Grad. Um zu sagen, ob das wirklich ein Grund für das Unglück ist, dafür ist es aktuell noch viel zu früh. Zu wenige Informationen sind öffentlich.

Doch wie gehen Fluggesellschaften und vor allem Pilotinnen und Piloten mit einer solchen Situation um, die in vielen Regionen nicht unüblich ist? Schließlich verringert Eisbildung vor allem auch den Auftrieb oder reduziert unter anderem den Wirkungsgrad von Propellern und damit den verfügbaren Schub.

Enteisung vor dem Start

Zuallererst informieren sich Cockpitcrews vor ihrem Flug eingehend über die Wetterbedingungen auf ihrer Route. Dazu konsultieren sie verschiedene offizielle Berichte für die Luftfahrt. Im Jargon werden sie als Metar (Meteorological Aviation Routine Weather Report), Taf (Terminal Aerodrome Forecast) oder Speci (Aviation selected special weather report) genannt. Im Flug gibt es zudem sogenannte Sigmet-Warnungen (significant meteorological phenomena). Das sind von der Flugsicherung verschickte Hinweise auf besondere Fluggefahren für ein bestimmtes Fluginformationsgebiet.

Vor dem Start wird zudem in der kalten Jahreszeit Eis entfernt und/oder vorsorglich eine Enteisungsflüssigkeit auf die besonders gefährdeten Teile gesprüht - Rumpfoberseite, Tragflächen und Höhenleitwerke. Sie bestehen normalerweise aus Ethylenglykol oder Propylenglykol. Andere Bestandteile sind Verdickungsmittel, Tenside oder Korrosionsschutzmittel.

Wirksamkeit schwindet rasch

Werden Enteiser aufgetragen, muss das Flugzeug danach zeitnah starten. Denn nach rund 30 Minuten verlieren sie spätestens ihre Wirksamkeit. Je nach Wetter verlieren sie ihre Kraft aber noch deutlich schneller, manchmal innerhalb weniger Minuten. Im Jargon wird die Wirksamkeitszeit als Holdover time bezeichnet.

Im Cockpit werden die Pilotinnen und Piloten bei Eisbildung durch diverse Warnlichter benachrichtigt - zudem können sie es oft selbst wahrnehmen, etwa durch Eis auf der Windschutzscheibe. Sie müssen dann idealerweise die Gefahrenzone verlassen.

Elektrische und pneumatische Hilfsmittel

Zudem gibt es diverse Vorrichtungen, um Eis im Flug zu entfernen. Die einen sind elektrisch. Gefährdete Flächen werden geheizt, damit sich kein Eis auf ihnen bilden kann. So geschützt werden die Propeller, die Flügelspitzen, die großen Windschutzscheiben oder diverse wichtige Sonden (siehe Grafik).

Die Anti-Eis-Systeme einer ATR 72-500. Bild: ATR

Die anderen funktionieren bei Turbopropfliegern pneumatisch und befinden sich zum Beispiel an der Vorderkante der Tragflächen oder beim Lufteinlass der Triebwerke (leading edge). Sie bestehen aus zwei Kammern, die sich automatisch abwechselnd aufblasen. Dadurch kann sich Eis nicht bilden, beziehungsweise es werden Eisschichten aufgebrochen, damit sie abfallen.

Pilotinnen und Piloten werden auf solche Ereignisse vorbereitet

Über allem steht aber die Ausbildung der Pilotinnen und Piloten. Dabei lernen Sie eingehend und wiederholt, wie sie mit solchen Situationen umgehen müssen und wie sie ihr Flugzeug sicher aus der Eiszone steuern. Dennoch kam es immer wieder zu Unfällen, bei denen Eis zumindest eine Rolle spielte - etwa beim Absturz eines Airbus A320 von XL Airways Germany im Jahr 2008, dem Unfall einer Fokker 100 von Bek Air im Jahr 2019 oder dem Unglück einer ATR 42 von American Eagle im Jahr 1994.

Mehr zum Thema

Was über den Absturz der ATR 72 von Voepass bekannt ist

Was über den Absturz der ATR 72 von Voepass bekannt ist

ATR 72 in Brasilien in Wohnquartier abgestürzt

ATR 72 in Brasilien in Wohnquartier abgestürzt

Wenn brandneue Flugzeumodelle abstürzen

Wenn brandneue Flugzeumodelle abstürzen

ticker-brasilien

Brasilien greift Fluggesellschaften mit Notfallkredit unter die Arme

Video

Die Alternativroute für Project Sunrise: Sie führt am Nordpol vorbei.
Wenn die australische Fluggesellschaft ab 2027 nonstop zwischen Sydney und London fliegt, führt ein Teil der Flüge über eine der entlegensten Regionen der Erde. Die nördliche Alternativroute über die Polarregion bringt Qantas mehr Flexibilität und den Passagieren außergewöhnliche Ausblicke.
Stefan Eiselin
Stefan Eiselin
INNA und Wizz Air: Das Video zu Wizz Away wurde am Flughafen Bukarest gedreht.
Wizz Air bringt mit dem Popstar Inna einen Song heraus. Wizz Away soll zum Sommerhit werden. Die Kombination Fluggesellschaft und Musik ist nicht neu. Ein Überblick von Fantasiesprache über Kerosin im Blut bis zu Mr. Trololo.
Benjamin Recklies
Benjamin Recklies
Airbus A350-1000 ULR von Qantas: Spezieller Flieger für spezielle Route.
Mehr als zehn Jahre nach der Ankündigung steht der Starttermin fest: Ab Oktober 2027 wird die australische Fluglinie nonstop von Sydney nach London fliegen. Die ultralange Strecke knüpft an ein legendäres Kapitel der Geschichte von Qantas an.
Stefan Eiselin
Stefan Eiselin