MiG 29 Gerard

Mikoyan Mig-29Schnell, wendig, mechanisch – und ein Auslaufmodell

Wendig, schubstark und mit cleverem Zielsystem – die Mikoyan Mig-29 brachte westliche Piloten nach dem Kalten Krieg ins Grübeln. Doch in realen Konflikten blieb ihr Erfolg überschaubar. Ein Blick auf ein Flugzeug zwischen Mythos und Realität.

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Luftfahrt

«Aus Moskau käme die beste aller Maschinen», titelte die Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche am 30. August 1990. Eine Schlagzeile, die heute wohl eher Stirnrunzeln als Zustimmung auslösen würde. Doch die Welt war eine andere: Die Berliner Mauer war erst seit neun Monaten gefallen, der Kalte Krieg praktisch Geschichte. Plötzlich rückte ein sowjetischer Kampfjet ins Zentrum westlicher Aufmerksamkeit – auch in der neutralen Schweiz.

Fusion mit Folgen

Gerade hatte die deutsche Bundeswehr mehrere Mig-29 aus Beständen der ehemaligen DDR übernommen und setzte sie sogar in Nato-Übungen ein. Damit wurde der zweistrahlige Jet nicht nur für das Bündnis interessant, sondern auch für Bern, das damals auf der Suche nach einem neuen Kampfflugzeug war.

Die Mig-31 («Foxhound», als Weiterentwicklung der Mig-25) und die Mig-35 («Fulcrum-F») gehören heute in modernisierten Varianten zu den Beständen der russischen Luftstreitkräfte. Dennoch spielt die Mig-29 als Luftüberlegenheitsjäger der vierten Generation weiterhin eine – wenn auch abnehmende – geopolitische Rolle.

Kind des Kalten Krieges

Die Mikojan MiG-29 hob 1977 erstmals ab. Sie wurde als Nachfolgerin der Mig-23 (NATO-Code „Flogger“) entwickelt und war ein typisches Produkt des Kalten Krieges: robust, leistungsstark und auf den Luftkampf optimiert.

Nach dem Mauerfall stellten westliche Piloten fest, dass die Mig-29 deutlich weniger Elektronik an Bord hatte als ihre eigenen Maschinen. Das machte sie zwar technologisch einfacher, aber auch weniger störanfällig.

Achterbahntauglich

Angetrieben wird die Mig-29 von zwei Klimov-RD-33-Triebwerken, die für hohe Beschleunigung und starken Schub sorgen. Ein Nachteil: Die Triebwerke erzeugen vergleichsweise viel Rauch, was die Maschine visuell leichter erkennbar macht.

Die Jane’s-Studie «How to Fly and Fight in the Mig-29» beschreibt den Jet als «hervorragenden Kurzstrecken-Luftüberlegenheitsjäger mit exzellenter Wendigkeit und gefährlichen Infrarot-Raketen, aber begrenzter Reichweite und weniger leistungsfähiger Avionik als westliche Flugzeuge ihrer Generation».

Schubkräftig und wendig

Zwei Triebwerke bedeuten nicht nur mehr Leistung im Luftkampf, sondern auch zusätzliche Sicherheit. Gleichzeitig führt der hohe Treibstoffverbrauch zu einer vergleichsweise kurzen Reichweite. Mit Zusatztanks erreicht die Mig-29 etwa 1.500 Kilometer, während eine General Dynamics F-16 rund 2.200 Kilometer schafft.

Die geringere technologische Komplexität hat einen weiteren Effekt: Mig-Jets lassen sich schneller produzieren und einfacher warten. Kritiker sehen darin kein Zufallsprodukt, sondern ein bewusstes Konzept – im Ernstfall soll zahlenmäßige Überlegenheit technologische Nachteile ausgleichen.

Neid auf den Feind

Mit einem Gewicht von rund elf Tonnen ist die Mig-29 wendig. Diese Agilität macht sie besonders effektiv im Nahkampf, dem sogenannten Dogfight – ein Vorteil, der bereits in der Luftschlacht um England eine entscheidende Rolle spielte.

Nato-Piloten zeigten sich nach der Wiedervereinigung beeindruckt – nicht nur von der Wendigkeit, sondern auch von der Technik. Besonders das Infrarot-Suchsystem und das damals innovative Helmvisier-Zielsystem sorgten für Aufmerksamkeit.

Einst revolutionär, heute Standard

Das Prinzip ist simpel: Der Pilot fixiert das Ziel mit dem Blick, das System erfasst es – und die Rakete kann gestartet werden, ohne dass das Flugzeug direkt ausgerichtet werden muss. Heute ist diese Technologie Standard.

Zur Bewaffnung gehören Kurzstreckenraketen wie R-60 und R-73, Mittelstreckenraketen vom Typ R-27 (Alamo) sowie eine 30-Millimeter-Bordkanone mit einer Kadenz von rund 1500 Schuss pro Minute. Erst spätere Versionen wurden stärker für Luft-Boden-Einsätze ausgelegt.

Chancenlos oder unterschätzt?

Ein Blick auf die Silhouette offenbart eine gewisse Ähnlichkeit zur amerikanischen Grumman F-14 Tomcat – zumindest bei zurückgeschwenkten Flügeln. Eine Mig-28, wie sie im Film „Top Gun“ von 1986 auftaucht, hat es hingegen nie gegeben: Die „feindlichen“ Jets wurden dort von amerikanischen Northrop F-5E Tiger II dargestellt.

Ihre ersten Kampfeinsätze erlebte die Mig-29 im Kuwaitkrieg 1991 sowie im Irakkrieg 2003. In beiden Fällen setzte der Irak die Maschinen gegen die Alliierten ein – mit begrenztem Erfolg. Die USA profitierten dabei auch von Erkenntnissen aus dem Einsatz der Mig-29 bei der Bundeswehr nach der Wiedervereinigung.

David gegen Goliath

Auch 1999 im Kosovokrieg kam die Mig-29 zum Einsatz, diesmal auf serbischer Seite. Die Resultate blieben jedoch ebenfalls bescheiden. Viele irakische Piloten vermieden direkte Luftkämpfe, einige Maschinen wurden sogar vorsorglich in den Iran ausgeflogen.

Serbische Piloten setzten vor allem auf defensive Hit-and-Run-Taktiken. Verluste auf Nato-Seite gingen überwiegend auf Boden-Luft-Raketen zurück, etwa beim Abschuss einer Lockheed F-117 durch eine Flugabwehrrakete S-125 Pechora.

Wettlauf in den Lüften

Heute nutzt die Ukraine weiterhin modernisierte MiG-29, teils aus Beständen osteuropäischer Nato-Staaten. Russland setzt hingegen vor allem modernere Muster wie die Su-35 oder Mig-31 ein. Angaben aus Moskau über Abschüsse ukrainischer Mig-29 lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Nordkorea verfügt über schätzungsweise 40 Mig-29 und präsentiert sie regelmäßig bei Militärparaden, etwa 2020 zum 75. Jahrestag der Arbeiterpartei. China erwarb in den Neunzigerjahren einige Exemplare aus der Ukraine zu Testzwecken. Vietnam entschied sich 1994 gegen die Mig-29 und stattdessen für Flugzeuge des Herstellers Suchoi.

Ost-West-Wettrennen wird weitergehen

Russlands früherer Wirtschaftsminister Herman Gref, heute Chef der Sberbank, erklärte einmal, sein Land könne im Automobilbau nicht mit westlichen und ostasiatischen Herstellern konkurrieren – im Flugzeugbau hingegen sehr wohl. Dieser Anspruch gilt bis heute.

Die Schweiz entschied sich Anfang der Neunzigerjahre letztlich gegen die Mig-29 und für die amerikanische McDonnell Douglas F/A-18 Hornet. Ausschlaggebend waren neben politischen Risiken vor allem die vorteilhaftere Integration in westliche Systeme. 1992 bestätigte das Stimmvolk die Beschaffung von 34 Exemplaren Sie sollen seit 2017 schrittweise durch die Lockheed F-35 Lightning II ersetzt werden.

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