Ryanair ist stolz auf ihre niedrigen Kosten. Sie sind die Grundlage dafür, dass die Billigairline günstigere Tickets als viele andere anbieten kann. Dazu tragen eine Einheitsflotte, eine hohe Sitzdichte, die Wahl günstiger Regionalflughäfen, das Verzichten auf Schnickschnack und schnelle Umlaufzeiten bei.
Bei Letzteren hilft Ryanair eine Besonderheit ihrer Boeing 737. Die Flugzeuge verfügen über integrierte Treppen an der vorderen Tür. Statt nach der Landung darauf zu warten, dass Flughafenmitarbeitende eine mobile Treppe zum Flugzeug bringen, kann die Billigairline die eigene ausklappen. Die Passagiere können schneller aussteigen, die nächsten schneller wieder einsteigen.
Die Spezialtreppe von Ryanair hat einen Haken
Allein in Italien untersuchte die Behörde 104 gemeldete Stürze beim Ein- und Aussteigen zwischen 2023 und 2025. 85 davon - rund 82 Prozent - ereigneten sich auf den integrierten Treppen der Boeing 737 von Ryanair. Das ist auch deshalb auffällig, weil die irische Fluggesellschaft im selben Zeitraum nur rund 26 bis 27 Prozent der Reisenden an italienischen Flughäfen beförderte. Je nach ausgewertetem Datensatz lag die Sturzrate auf Ryanairs integrierten Treppen mindestens doppelt so hoch wie auf Treppen, die von den Flughäfen bereitgestellt werden.
Die Treppe bei den Boeing 737 von Ryanair ist schmal und steil
Ein möglicher Grund liegt in der Konstruktion. Boeing bietet die einziehbare Treppe als Option für die Boeing 737 NG und 737 Max an. Sie besteht aus zwölf Stufen und ist lediglich rund 61 Zentimeter breit. Die Stufen sind etwa 20 Zentimeter hoch und 25 Zentimeter tief, die gesamte Treppe hat eine Neigung von rund 35 Grad.
Damit ist sie deutlich schmaler als typische Flughafentreppen. Auch Stufenhöhe und Neigung sind nach Einschätzung der ANSV nicht ideal. Die tatsächlich von Flughafenbetreibern verwendeten Treppen haben üblicherweise niedrigere Stufen, eine geringere Neigung und größere Trittflächen. Für diese sieht die von der ANSV herangezogene Norm eine Mindestbreite von 100 Zentimetern vor. Hinzu kommt eine Besonderheit bei der Ryanair-Treppe ganz oben: Wegen der Form des Flugzeugrumpfes unterscheidet sich die erste, trapezförmige Stufe von den übrigen.
Auch Passagiere von Ryanair tragen zu Stürzen bei
Auch Boeing selbst hat sich mit dem Thema der offiziell Forward Airstairs genannten fixen Treppen beschäftigt. Der Hersteller erklärte Ende 2024, ihm seien keine Betreiber in den USA bekannt, die die eingebauten Treppen als Ersatz für die vom Flughafen bereitgestellten nutzen. Die entsprechenden Vorfälle seien zudem fast ausschließlich von einem Betreiber mit Sitz in Irland gemeldet worden. Ryanair nannte Boeing dabei nicht ausdrücklich, aber es liegt nahe, dass die Airline gemeint ist.
Nicht nur die Treppen sind aber schuld an den Stürzen. Auch das Verhalten der Passagiere spielte bei mehreren Unfällen eine Rolle. Das zeigen drei Fälle aus Italien im Jahr 2025. In Genua führten die Ermittler einen schweren Sturz wahrscheinlich auf Unaufmerksamkeit zurück.
Zu viel Gepäck auf der Treppe
Zwei Tage später stürzte in Venedig ein Passagier, der zwei Gepäckstücke trug und deshalb den Handlauf nicht benutzte. In Bologna trug ein Passagier ebenfalls Gepäck in beiden Händen und fiel von etwa der dritten Stufe. Dort werteten die Ermittler neben dem fehlenden Griff zum Handlauf auch eine Blutalkoholkonzentration von 2,34 Gramm pro Liter als beitragenden Faktor.
Die italienischen Ermittler sehen dennoch einen Zusammenhang mit der Bauweise: Die geringe Breite, die stärkere Neigung und die besondere Form der Stufen können einen Gleichgewichtsverlust begünstigen. Das Problem beschäftigt nicht nur Italien. Nach einem Unfall 2024 in Alicante, bei dem sich ein Passagier beim Sturz von der integrierten Treppe einer Boeing 737 Max 8-200 von Ryanair den Knöchel brach, bezeichnete die spanische Untersuchungsbehörde CIAIAC die Geometrie der Treppe als wahrscheinliche Ursache.
Ryanair setzt auf zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen
Ihre Forderungen gingen entsprechend weit. Boeing sollte die Konstruktion verändern, die Neigung verringern, die Stufen niedriger machen und deren Trittfläche vergrößern. Ryanair empfehlen die Ermittler sogar, für das Ein- und Aussteigen ausschließlich zertifizierte Flughafenausrüstung zu verwenden.
Ryanair setzt aber lieber auf zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen. Seit dem 23. Juli sollen Kabinenbesatzungen Passagiere wiederholt daran erinnern, beim Aussteigen den Handlauf zu benutzen. Der Hinweis soll auch in den Sprachen des Abflug- und Ziellandes erfolgen. Seit dem 21. August gibt es zudem ein eigenes Trainingsmodul für das Aussteigen. Die italienische ANSV sprach deshalb keine weitere eigene Sicherheitsempfehlung aus. Sie schloss sich im Wesentlichen den bereits ausgesprochenen Empfehlungen der irischen und spanischen Ermittler an. Das praktische Werkzeug für schnelle Umläufe bleibt damit vorerst im Einsatz.
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