Wenn ein Flugzeug in eine kritische Situation gerät, kann die Cockpitcrew einen Notfall erklären. Im Falle einer Boeing 747-8 F von Silk Way West Airlines tat dies dieser Tage nicht die Besatzung, sondern die Flugsicherung in den USA.
Was war geschehen? Die Boeing 747 F der aserbaidschanischen Frachtfluggesellschaft mit dem Kennzeichen VQ-BVB startete am Morgen des 4. August in Mexico City zu Flug 7L5722 nach Houston in den USA. Es ist kein langer Flug, normalerweise dauert er ungefähr zwischen 90 und 110 Minuten und führt an der Küste des Golfs von Mexiko entlang.
Boeing-747-Pilot funkte: «Uns geht der Treibstoff aus»
Am 4. August steuerte die Crew aber auf Höhe der Grenzorte Matamoros und Brownsville nach Nordwesten in Richtung Inland, anstatt wie sonst nordöstlich nach Houston abzuknicken. Auch als der Flug auf der Höhe des eigentlichen Zieles war (aus Nord-Süd-Sicht), drehte er nicht dorthin ab, sondern flog weiter nach Norden.
So flog die Boeing 747 bis kurz vor Dallas und ging dort in den Sinkflug. Zur Einordnung: Luftlinie sind Dallas und Houston mehr als 360 Kilometer voneinander entfernt. Von Mexico City nach Houston sind es knapp 1200 Kilometer, nach Dallas etwa 1470 Kilometer.
Lotse: «Sie sind noch nicht einmal in der Nähe von Houston»
Als das Flugzeug schon rund 125 Minuten in der Luft war, sagte der Pilot im Funkkontakt mit der Flugsicherung: «Pan-Pan, Pan-Pan, Pan-Pan, Silk West 5722. Uns geht der Treibstoff aus, bitte.» Pan-Pan ist eine Dringlichkeitsmeldung, aber noch keine Notfallmeldung. Der Lotse antwortete daraufhin: «Silk West 5722, wie viel - ist es ein Notfall und Sie müssen nach DFW und sofort landen, oder was benötigen Sie? Nennen Sie uns Ihre Absicht.»
Der 747-Pilot erklärte: «Wir müssen so schnell wie möglich auf Landebahn 26 rechts landen. Uns geht der Treibstoff aus. Wir haben drei Mal Pan-Pan gerufen.» Eine Bahn 26 R gibt es zwar in Houston, aber nicht in Dallas. Darüber hinaus war dem Lotsen natürlich bekannt, dass Flug 5722 eigentlich Houston zum Ziel hat. So antwortete er: «Okay, Sir, Sie sind noch nicht einmal in der Nähe von Houston, Sir. Wenn Sie nach Houston wollen, wie viel Treibstoff haben Sie dann noch, Sir? Sie sind mehrere hundert Meilen entfernt.»
Boeing 747 landete in Dallas - und flog dann nach Houston
Der Silk-Way-West-Pilot teilte mit, dass das Flugzeug noch 6000 Pfund Treibstoff habe. Der Lotse erklärt daraufhin: «Sie haben nicht genug Treibstoff, Sir, um nach Houston zu kommen.» Er fragte, ob die Crew in Dallas landen wolle. Der Pilot antwortete: «Ja, wir fliegen - wir wollen nach Houston. Wir können jetzt nach Houston fliegen, aber bitte die Abkürzung.» Der Lotse ließ sich erneut die verbliebene Treibstoffmenge bestätigen und erklärte dann: «Silk West 5722 Heavy, verstanden. Wir melden hiermit einen Notfall, Sir.»
An dieser Stelle deutet die Stimme aus dem Cockpit, die in der Funkauszeichnung zu hören ist, darauf hin, dass nun der andere Pilot den Funk übernahm. Er bestätigte die Anweisung des Fluglotsen, der daraufhin sagte: «Silk West 5722 Heavy, Sie werden jetzt aufgrund eines Notfalls nach DFW umgeleitet.» Er ließ Instruktionen zu Flughöhe und Kurs folgen.
Jumbo-Jet hatte nur noch sehr wenig Triebstoff
Der riesige Frachter landete anschließend wie angewiesen in Dallas. Rund eine Stunde und 20 Minuten später hob er wieder ab und flog in knapp 40 Minuten nach Houston.
Eine Boeing 747-8 hat generell eine maximal nutzbare Treibstoffmenge von mehr als 400.000 Pfund. Auch wenn das kein genauer Wert für die Boeing 747-8 F von Silk Way West ist, lässt sich als Annäherung sagen: Die genannten 6000 Pfund sind nur rund 1,5 Prozent davon.
Viele Fragen bleiben offen nach dem Houston-Dallas-Vorfall
Mehrere englischsprachige Medien schreiben, der Jumbo-Jet hätte mit dieser Reserve nur noch 30 Minuten fliegen können. Zwar lassen sich solche Angaben nur annäherungsweise treffen, da Faktoren wie Flughöhe, Flugzeuggewicht und Flugphase eine wichtige Rolle spielen. Dennoch erscheint auf Grundlage durchschnittlicher Verbrauchsdaten einer Boeing 747-8 auch eine noch deutlich kürzere verbleibende Flugzeit realistisch zu sein.
Der Vorfall wirft wichtige Fragen auf: Warum flog die Besatzung nach Dallas und nicht nach Houston? Warum dachte sie kurz vor Dallas immer noch, sie sei nahe Houston, oder könnte schnell noch dorthin fliegen, obwohl ihr Flugzeug kaum noch Treibstoff hatte? Silk Way West wollte sich auf Anfrage von aeroTELEGRAPH nicht zum Vorfall äußern.
Hier könnten den Funkverkehr selber hören:
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