Mitten in der Nacht, während an Flughäfen wie Frankfurt oder München Ruhe herrscht, ist am Flughafen Leipzig/Halle Hochbetrieb. Hier schlägt das Herz des europäischen DHL-Frachtnetzwerks. Container werden verladen, Crews briefen sich, und ein Airbus A300 von European Air Transport oder kurz EAT bereitet sich auf seinen Flug nach Warschau vor.
Eigentlich ein kurzer Flug von rund einer Stunde – doch an diesem Morgen ist nichts Routine. Der Grund liegt über Polen: Gewitter. «Was rechnest du? Wann könnten die Gewitter weg sein – im besten Fall?» Diese Frage steht im Raum, als sich die Crew die aktuelle Wetterlage ansieht. Die Prognosen zeigen eine Gewitterfront, die gerade über Warschau hinwegzieht – mit einer möglichen Rückfront im Schlepptau.
Wetter rechnen heißt Entscheidungen rechnen
Für EAT-Kapitän Philipp Dettmering und EAT-Kopilot Niklas Heilmann bedeutet das: Alternativen durchspielen. Reicht der Treibstoff für Warteschleifen? Welcher Ausweichflughafen ist sinnvoll? Ursprünglich war Leipzig als Alternate geplant, doch durch ein erhöhtes maximales Landegewicht fällt diese Option weg. Danzig rückt in den Fokus – wettertechnisch etwas stabiler, zumindest laut Prognose.
«Man denkt immer im Worst Case», erklärt der Kapitän. «Und freut sich, wenn es am Ende anders kommt». Genau darum geht es: vorbereitet sein, bevor es kritisch wird. Denn nichts wäre schlimmer, als später zu sagen: Hätten wir mal vorher darüber gesprochen.
Kurzstrecke mit besonderen Regeln
Warschau bringt zusätzliche Besonderheiten mit sich. Nachtflugbeschränkungen, maximale Landegewichte und die Tatsache, dass der Flug extrem kurz ist. Mit starkem Rückenwind kann sich die Flugzeit weiter verkürzen – was wiederum Auswirkungen auf Treibstoffverbrauch und Gewicht bei der Landung hat. Ein scheinbarer Vorteil wird so schnell zur neuen Rechenaufgabe.
Gleichzeitig ist der Airbus A300 F von EAT voll beladen: Rund 45 Tonnen Fracht, das maximale Limit. Wie viel exakt an Bord ist, weiß die Crew erst später – gerechnet wird vorsorglich mit dem Maximum.
Leipzig bei Nacht: Präzision statt Hektik
Wer fliegt? Auch das ist Teil der Entscheidung. Grundsätzlich wäre der Co-Pilot dazu genauso in der Lage, doch bei anspruchsvollem Wetter übernimmt der Kapitän. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Verantwortung. „Das heißt nicht, dass Niklas das nicht genauso gut machen würde“, betont Kapitän Dettmering. Vertrauen und offene Kommunikation gehören im Cockpit genauso dazu wie Checklisten und Wetterkarten.
Das Cockpit des Airbus A300: Mit Fracht von Leipzig nach Warschau. aeroTELEGRAPH
Während draußen die letzten Container verladen werden und das Vorfeld vor Leben brummt, bleibt es im Cockpit ruhig. Die Abläufe sind klar verteilt: Cockpit-Vorbereitung, Outside-Check, Kontrolle von Triebwerken, Reifen, Sensoren und Tankdeckeln. Jeder Handgriff sitzt. Stress hilft hier nicht – Präzision schon. Und dann ist Zeit für einen Wachmacher aus der Bordküche. Getrunken wird der Cargo Coffee, ein extra für die EAT entwickelter Kaffee. Als die Uhr kurz nach 4 Uhr zeigt, ist die Fracht fast vollständig an Bord. Noch rund 25 Minuten bis zum geplanten Abflug. Genug Zeit. Ein gutes Zeichen.
Die Pilot:innen von EAT rechnen bis zum Schluss
«Was rechnest du?» – diese Frage begleitet die Crew auch noch bis zum Pushback. Wetter, Zeit, Gewicht, Alternativen. Fliegen heißt nicht nur steuern, sondern permanent bewerten, abwägen und vorausdenken. Ob die Gewitter in Warschau rechtzeitig abziehen? Das wird sich erst später zeigen. Doch eines ist klar: Die Rechnung ist gemacht – mit Erfahrung, Teamwork und einem Plan B in der Tasche.
Hören Sie jetzt im ersten Teil unseres Podcasts Luftraum die gesamte Reportage rund um die Startvorbereitungen im Airbus A300 von EAT.
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