Tui will ihre Airlines künftig kommerziell eigenständiger aufstellen und den Einzelplatzverkauf stärken. Gleichzeitig schließt der Reisekonzern eine touristische Langstrecke mit der deutschen Tochter Tuifly ab Deutschland auf absehbare Zeit aus. Das sagt Kommerzchef Stefan Baumert. «Bei unserer Größe – wir haben 20 Millionen Kunden im Veranstalterbereich pro Jahr – sichert uns so eine eigene Airline auch ein bisschen Unabhängigkeit», sagt er.
Das gelte «nicht nur bei Destinationsentwicklungen, sondern auch preislich». Eigene Airlines seien für den Tui-Konzern integraler Bestandteil des Geschäftsmodells, weil viele touristische Ziele erst durch eigene Flüge entwickelt worden seien. Als Beispiele nannte Baumert die Westpeloponnes in Griechenland rund um Patras und die Kapverdischen Inseln. «Manche Destinationen wären gar nicht erschlossen gewesen, wenn wir nicht damals angefangen hätten, mit eigenen Fliegern dahin zu fliegen», sagt er.
Tui will Einzelplatzverkauf ausbauen
Aktuell liegt der Anteil klassischer Pauschalreisender an Bord von Tuifly laut Baumert bei rund 50 bis 60 Prozent. Der Einzelplatzverkauf mache etwa 20 bis 30 Prozent aus. Genau diesen Bereich wolle TUI nun stärken. «Wir haben deswegen entschieden, dass wir unsere Airline etwas eigenständiger aufstellen, auch kommerziell», sagte Baumert. Dafür habe man mit Peter Glade, früher unter anderem bei SunExpress, «prominente Verstärkung» geholt.
Neue Strecken seien dabei durchaus denkbar – allerdings keine klassischen Städteverbindungen. «Wir werden, denke ich, keine Städteverbindungen auflegen, das ist unwahrscheinlicher», sagte Baumert. Stattdessen sieht er Potenzial bei längeren Saisons in klassischen Urlaubszielen: «Wir könnten Zypern länger fliegen, wir könnten Griechenland länger fliegen, wir könnten Spanien-Festland länger fliegen, Mallorca länger fliegen.»
Wet-Lease-Bedarf sinkt mit neuen Boeing 737 Max
Innerhalb der Tui-Gruppe arbeiten die verschiedenen Airlines laut Baumert inzwischen weitgehend integriert zusammen. «Wir managen sie als eine Tui Airline», erklärte er. Viele Funktionen würden inzwischen gruppenweit zentral gesteuert.
Stefan Bauert, Kommerzchef von Tui. Tui
Auch der Bedarf an Wet-Lease-Flugzeugen sinke inzwischen deutlich. Während des Groundings der Boeing 737 Max habe Tui noch stärker auf externe Kapazitäten zurückgreifen müssen. «Jetzt endlich kommen die Auslieferungen», sagte Baumert mit Blick auf die neuen Boeing 737 Max. Dadurch könne man Wet-Leases wieder zurückfahren.
Sparsamer und komfortabler
Die neuen Flugzeuge rechneten sich gleich mehrfach. «Der Treibstoffverbrauch – und jetzt, wenn er teurer wird, rechnet sich es noch einmal mehr», so Baumert. Gleichzeitig böten die neuen Jets mehr Komfortsitze, die sich gegen Aufpreis verkaufen ließen. «Das sind eigentlich die beiden großen Hebel: Ancillary-Erlöse und Fuel-Verbrauch.»
Eine Rückkehr zu touristischen Langstreckenflügen ab Deutschland plant Tui dagegen nicht. Zwar habe es vor der Pandemie bereits konkrete Planungen gegeben. «In Deutschland hatten wir ja sogar mal ein Langstreckenprojekt. Es war sogar schon im Verkauf und dann kam Corona», sagte Baumert. Allerdings sei das Vorhaben auch wirtschaftlich schwierig gewesen. «Es wäre aber auch kommerziell wirklich eine knappe Kiste gewesen», erklärte der TuI-Manager.
Langstrecke? «Großes Wagnis»
«Ich war am Business Case beteiligt. Es war schon ein sehr großes Wagnis.» Als Gründe nennt Baumert die starke Konkurrenz durch Condor, Discover Airlines und die Lufthansa selbst. Zudem sei der deutsche Markt auf mehrere große Abflugregionen verteilt. Anders als in den Niederlanden oder Großbritannien fehle dadurch die notwendige Bündelung der Nachfrage.
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