Letzte Aktualisierung: 13:48 Uhr

Untersuchungsbericht zu Zwischenfall bei Ryanair

Plötzlich löste sich das Rad von der Boeing 737

Eine Boeing 737 von Ryanair verlor beim Start ein Vorderrad. Ein Bericht der Untersuchungsbehörde erklärt jetzt, wie es dazu kommen konnte.

Felix Stoffels/aeroTELEGRAPH

Boeing 737 von Ryanair: Plötzlich verlor die Maschine ein Rad.

Warteschleifen vor der Landung sind bei niemanden beliebt, ziehen sie doch meist Verspätungen nach sich. Auf dem Ryanair-Flug von London Stansted nach Kopenhagen im vergangenen September wurde bereits kurz nach dem Start gekreist. Der Grund dafür war, dass die Piloten den Steigflug abbrachen, weil sie auf ein Problem hingewiesen wurden.

Während die Boeing 737-800 beim Start beschleunigte und ihre Nase nach oben zog, löste sich vom Bugfahrwerk eines der Räder und schoss über die Startbahn hinweg. Im Cockpit bemerkten die Piloten nichts von dem Zwischenfall. Bei einer späteren Befragung gab der Kapitän an, beim Einrollen auf die Startbahn ein Geräusch vom Fahrwerk wahrgenommen zu haben. Dieses habe jedoch sehr dem Ton geglichen, der beim Überrollen eines Landebahn-Lichts entsteht. Auch dass er das Flugzeug beim Abheben stärker als sonst lenken musste, hielt der Pilot für eine normale Änderung der Windbedingungen.

Checklisten abgearbeitet

Erst ein Funkspruch des Londoner Fluglotsen brachte Klarheit. Ein anderes Flugzeug, welches auf dem Rollweg auf den nächsten Start wartete, beobachtete den Vorfall und gab dies schnell der Flugsicherung weiter. Diese informierte die Piloten der Ryanair-Maschine. Dies zeigt jetzt der Bericht der britischen Untersuchungsbehörde Aircraft Accident Investigation Branch AAIB.

Nun waren sich die Piloten der kniffligen Situation bewusst. Sie handelten schnell und griffen dabei auf ihr Flight Crew Training Manual zurück. In dieser Ansammlung von Notfall-Checklisten griffen sie auf die Verfahren für einen Reifenplatzer zurück. Da Anleitungen für einen fehlenden Vorderreifen fehlten, schien den Piloten diese Checkliste der Situation am meisten angemessen.

Betrieb in Stansted nicht gefährden

Die Crew entschied sich für eine Rückkehr nach London-Stansted. Auf Anordnung von Ryanairs Leitzentrale wurde aber der East Midlands Airport anvisiert, der rund 160 Kilometer nordwestlich von London entfernt liegt. Damit wollte die Fluggesellschaft verhindern, dass die hochbelebte Basis in Stansted geschlossen werden muss und somit weitere Flugausfälle und Verspätungen entstehen. Da sich genug Treibstoff an Bord befand und die Wetterverhältnisse in East Midlands günstig waren, ging die Besatzung ohne Einwände auf den Wunsch der Airline ein und erledigte in Cockpit und Kabine alle weiteren Sicherheitsmaßnahmen.

Ohne Probleme und weitere Schäden setzte der 33-jährige Kapitän die Boeing 737 behutsam in East Midlands auf und brachte das Flugzeug sicher zum Stehen. Die bereitstehende Feuerwehr konnte schnell bestätigen, dass am vorderen Fahrwerk das linke Rad fehlte. Um das verbliebene Rad zu schonen, wurde auf das Abrollen von der Landebahn verzichtet. Die Passagiere wurden mit Bussen zum Terminal gefahren.

Kaum Probleme in East Midlands

Ein Schleppfahrzeug sorgte anschließend dafür, den beschädigten Flieger von der Piste zu ziehen. Insgesamt verursachte die Notlandung nur eine 75 Minuten lange Schließung des East Midlands Airports. Durch frühe Ankündigung musste hier nur ein anderes Flugzeug umgeleitet werden.

Noch vor Ort begannen die britischen Unfallermittler damit, der Ursache für das Loslösen des Rades auf den Grund zu gehen. Hierbei entdeckten sie schnell, dass die Lagerung der Fahrwerks-Achse auf der linken Seite durchgebrochen war. Auch in London Stansted machten sich die Ermittler auf die Suche nach verlorenen Teilen und wurden fündig. Spätere Untersuchungen im Labor zeigten, dass ein Ermüdungsbruch das hochbeanspruchte Bauteil versagen ließ.

Änderung bei der Wartung

Um herauszufinden, wie es zu diesem Bruch kommen konnte, befragte das AAIB auch Boeing und Ryanairs eigenen Wartungsbetrieb. Zusammen fanden sie heraus, dass der Bruch nur durch eine Wartungsmaßnahme verursacht werden konnte, bei welcher das betroffene Bauteil nachgefräst wird. Da hier hohe Temperaturen auftreten, kann es zu ungewollten Materialveränderungen kommen, welche die Ermüdungsbrüche in die Wege leiten können.

Gründliche Nachkontrollen nahm Ryanairs Wartungsbetrieb nach der Aufbereitung des Fahrwerksteils bereits vor, um in Zukunft weitere Vorfälle dieser Art zu verhindern, besserte die irische Airline ihre Nachinspektionen ab sofort nach.

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