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Lucas Flöther, Insolvenzverwalter

«Mit Teckentrup Condors Klopapierbestellung hinterfragt»

Lucas Flöther ist der bekannteste Insolvenz- und Sanierungsexperte in der deutschen Luftfahrt. Im Interview spricht er über Air Berlin, Condor und bewegende Momente.

aeroTELEGRPAH/Condor/Flöther & Wissing

Air Berlin und Condor, Lucas Flöther: Spezialität Schutzschirm.

Ihr erstes großes Luftfahrt-Mandat war die Insolvenz von Air Berlin, und die beschäftigt Sie bis heute. Im Dezember 2020 hat ein Gericht in London ihren Versuch abgeschmettert, eine Klage gegen Etihad nach Deutschland zu holen. Wie geht es nun weiter?
Lucas Flöther*: Der Hintergrund ist der: Etihad hatte als Gesellschafter eine Patronatserklärung abgegeben, da Air Berlin jahrelang Verluste machte. Mit solch einer Erklärung sagt ein Gesellschafter quasi: Liebe Gläubiger, macht euch keine Sorgen – wenn das Unternehmen es nicht schafft, stehen wir für eure Forderungen ein. Aber Etihad hat sich nicht daran gehalten und Air Berlin in die Insolvenz rutschen lassen.

Und Sie haben dagegen in Deutschland geklagt.
Genau. Und Etihad hat im Gegenzug in England eine sogenannte «Torpedoklage» erhoben. Damit will sie feststellen lassen, dass wir keine Ansprüche gegen sie haben. Im Dezember hat sich das Gericht in London für zuständig erklärt. In Deutschland ist die Sache mittlerweile beim Bundesgerichtshof angelangt. Der wird entscheiden, ob wir eine Chance haben, damit vor deutsche Gerichte zu kommen. Die sehen Patronatserklärungen nämlich deutlich strikter als englische Gerichte.

Was geschieht, wenn Sie den Rechtsstreit verlieren?
Dann würde Air Berlin ein sogenanntes massunzulängliches Verfahren bleiben. Das heißt, wir könnten nicht alle Masseverbindlichkeiten bezahlen. Bei diesen Verbindlichkeiten handelt es sich vor allem um die Kündigungsfristlöhne der gekündigten Mitarbeiter. Die normalen Insolvenzgläubiger würden in diesem Szenario gar nichts bekommen.

Und wenn Sie gewinnen?
Dann stehen Milliarden-Ansprüche im Raum. Das könnte theoretisch zu einer Vollbefriedigung aller Gläubiger von Air Berlin führen.

Und Sie müssten Etihad-Flieger an deutschen Flughäfen an die Kette legen lassen, um die Milliarden zu bekommen?
Ich gehe davon aus, dass Etihad in diesem Fall die zugesagten Zahlungen leisten würde.

Gehen wir einen Schritt zurück. Wie sind Sie 2017 überhaupt zum Air-Berlin-Mandat gekommen?
Ich war dem zuständigen Insolvenzgericht Amtsgericht Charlottenburg aus einigen vorherigen Verfahren bereits gut bekannt. Ich hatte das Know-how und genügend Mitarbeiter, um auch einen großen Fall mit hohen Gläubigerzahlen zu bewältigen. Und durch die Insolvenz der Unister-Gruppe hatte ich schon Erfahrung in der Reise- und Touristikbranche. All das werden das Management und die Gläubiger von Air Berlin sowie das Gericht berücksichtigt haben.

Hat Ihnen dieser Job den Weg geebnet und dafür gesorgt, dass man sie dann auch bei der Air-Berlin-Tochter Niki, später bei Condor und aktuell bei Sundair bestellt hat?
Air Berlin war natürlich ein sehr prominenter Fall, mit dem ich mir auch Vertrauen aufgebaut habe. Vorher ging man zum Beispiel davon aus, dass bei einer Insolvenz das Luftfahrtbundesamt der Airline sofort die Betriebserlaubnis entzieht, dass es zu einem Grounding kommt und eine Fortführung des Unternehmens unmöglich wird. Bei Air Berlin ist es gelungen, die Eigenverwaltung und das Schutzschirmverfahren für die Sanierung zu nutzen und das Vertrauen des Luftfahrtbundesamt zu erhalten.

Und jetzt sind Sie Airline-Spezialist. Werden Sie darauf reduziert? Sagen die Leute: Den Luftfahrt-Flöther betrauen wir sicher nicht mit der Insolvenz unseres Molkereibetriebs?
Als Insolvenzverwalter bin ich ein Generalist. In meinem Portfolio habe ich beispielsweise auch einen Energieversorger, eine Biogasfirma, ein Modeunternehmen und eine Dönerbude. Aber tatsächlich sind Air Berlin und Condor so bekannte Marken, dass mancher denkt, ich hätte keine Zeit mehr für andere Unternehmen. Doch natürlich nimmt auch in einem Verfahren wie Air Berlin die Arbeit im Laufe der Jahre ab und ich betreue auch viele kleine und mittelständische Firmen. Das wissen natürlich auch die Gerichte, die mich auswählen. Erst vor wenigen Tagen wurde ich als Sachwalter bei einem metallverarbeitenden Unternehmen in Sachsen-Anhalt bestellt.

Ihr größter Luftfahrtfall war wohl Air Berlin, der kleinste ist Sundair, würde ich denken. Wie viele Mitarbeiter sind bei Ihnen da jeweils mit beschäftigt?
Insgesamt beschäftigen wir mehr als 100 Mitarbeiter. Manchmal bin nur ich allein mit einem Unternehmen beschäftigt, manchmal sind es 100 Mitarbeiter. Dabei ist die Größe der betroffenen Firmen aber nicht allein entscheidend. Der Typ des Verfahrens ist zum Beispiel wichtig. Bei einer Eigenverwaltung deckt das Management schon viel ab und hat meist auch Berater, die etwas von Insolvenzrecht verstehen. Dann habe ich als Sachwalter mit einer reinen Aufsichtsfunktion weniger Aufgaben. Air Berlin ist dagegen später ins normale Regelinsolvenzverfahren gewechselt, so dass sich mein ganzes Team darum kümmern musste.

«Condor wird sich wohl einen neuen Eigentümer suchen»

Bei Condor waren Sie nur Sachwalter neben dem starken Management unter Chef Ralf Teckentrup. Da waren also wohl nicht so viele Mitarbeiter nötig?
Condor sah sich als gesundes Unternehmen infolge der Thomas Cook-Insolvenz über die Konzernmithaftung plötzlich gigantischen Forderungen gegenüber. Zugleich waren aber alle Voraussetzungen für ein Schutzschirmverfahren gegeben. Condors Unternehmenszahlen waren gut, wir haben dem Management sofort vertraut, der Gläubigerausschuss auch, und es war alles sehr gut vorbereitet. So ergab sich ein sehr schlankes Sanierungsverfahren, das ich mit einem kleineren Team begleitet habe.

Und was haben Sie konkret gemacht bei Condor?
Solch ein Verfahren macht es einem Unternehmen unter anderem möglich, Sonderkündigungsrechte wahrzunehmen. Also habe ich zusammen mit Herrn Teckentrup jeden Stein umgedreht und von der Klopapierbestellung bis zum Tarifvertrag bei jedem Vertrag hinterfragt, ob er aktuell und für die Zeit nach Corona noch sinnvoll ist. So ist es uns gemeinsam gelungen, Condor gut aufzustellen. Und Herrn Teckentrup und dem Management ist der Erfolg zuzuschreiben, dass es Condor trotz des Rückzuges des Investors PGL und trotz Corona gelungen ist, das Verfahren mittlerweile zu verlassen.

Und was bleibt für Sie noch zu tun?
Ich muss noch an ein paar tausend Gläubiger eine Mini-Quote verteilen. Damit sind in meiner Verteilungsabteilung dann auch tatsächlich eine ganze Reihe von Leuten beschäftigt.

Und was ist Ihre Prognose: Bekommt Condor in Zukunft einen neuen Investor?
Ich denke schon. Der aktuelle Sanierungsgesellschafter ist eine Interimslösung, bis sich ein neuer Investor findet. Condor hat sich so schlank aufgestellt, dass die Airline für 2021 gut gerüstet und durchfinanziert ist, selbst wenn die Lage in der Luftfahrt so dramatisch bleiben sollte, wie sie jetzt ist. Und wenn man nicht mehr nur auf Sicht fahren muss, wird man sich wohl einen neuen Eigentümer suchen.

Letztlich haben wir Niki drei Mal verkauft

Auch Sundair hat einen Schutzschirm genutzt, um Leasingverträge zu kündigen. Was ist die Bedingung für solch ein Verfahren in Eigenverwaltung?
Drohende Zahlungsunfähigkeit. Die besteht, wenn Sie die nächsten 12 bis 24 Monate nicht durchfinanziert sind – auch wenn akut noch keine Liquiditätsprobleme bestehen.

Gehen Ihnen diese Verfahren, wie etwa bei Air Berlin, manchmal auch nahe? Bereiten sie Ihnen schlaflose Nächte?
Ja, fast jedes Großverfahren, das mit vielen Arbeitsplätze und viel Geld verbunden ist, bereitet einem auch mal schlaflose Nächte. Das Besondere bei Airlines ist, dass jeder Schritt ein sehr öffentlicher ist. Das Thema Kommunikation spielt daher eine große Rolle, um einen Strömungsabriss im Buchungsverhalten zu verhindern. Und gerade, wenn schicksalhafte Entscheidungen anstehen oder es zu Überraschungen kommt, nimmt einen das natürlich mit.

Nennen Sie mal ein Beispiel für eine solche Überraschung.
Wer hätte damit gerechnet, dass die EU-Kommission den Niki-Deal ablehnt? Wer hätte damit gerechnet, dass Österreich parallel ein zweites Insolvenzverfahren eröffnet? Dazu gibt es jetzt schon Doktorarbeiten und das wird Insolvenzrechtler noch über Generationen beschäftigen. Letztlich haben wir Niki drei Mal verkauft. Erst an Lufthansa, dann an IAG, dann an Lauda.

Und ein emotionaler Moment, bei dem Sie dabei waren?
Beim einem Town Hall Meeting von Condor fieberten alle der Entscheidung entgegen, ob das Unternehmen mit Staatshilfe unterstützt wird. Und dann kam live die Zusage. Da lagen sich alle in den Armen – natürlich berührt mich so etwas.

*Lucas Flöther, Jahrgang 1974, ist Gründungs- und Namens-Partner der Rechtsanwaltskanzlei Flöther & Wissing mit derzeit zehn Standorten in Deutschland. In seiner über 20-jährigen Tätigkeit hat er über 1500 Insolvenzverfahren betreut.



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