Es war ein Tag, der sich allen, die ihn bewusst erleben, für immer ins Gedächtnis brennen sollte. Vier Flugzeuge waren an diesem 11. September 2001 bereits entführt worden. Zwei waren in das World Trade Center geflogen, eines in das Pentagon, eines in Pennsylvania abgestürzt. Der nordamerikanische Luftraum wurde geschlossen. Und dann kam ausgerechnet aus dem Cockpit einer weiteren großen Passagierflugzeugs eine Nachricht, die bei den Behörden sämtliche Alarmglocken schrillen ließ.
Es ging um Korean-Air-Flug KE085. Die Boeing 747-400 mit dem Kennzeichen HL7404 war mit 215 Passagieren von Seoul-Incheon nach New York-JFK unterwegs, die Flugnummer gibt es bis heute. In Anchorage war damals ohnehin ein Zwischenstopp zum Auftanken vorgesehen. Doch als sich der Jumbo-Jet Nordamerika näherte, war dort nichts mehr normal.
Boeing 747 von Korean Air nutze Code für Entführung
Die Besatzung stand über das Nachrichtensystem Acars mit Korean Air in Verbindung und verwendete dabei drei Buchstaben: HJK. Acars ist ein System, das schriftliche Kurznachrichten an die Bodenstationen übermittelt. Das Kürzel HJK steht für Hijacking, also Entführung. Wahrscheinlich bezog sich die Crew damals damit auf die Anschläge in den USA und wollte die Zentrale informieren. Doch in Korea entstand ein anderer Verdacht: Wollten die Piloten womöglich mitteilen, dass auch ihre eigene Boeing 747 entführt worden war?
Die Information gelangte aus Korea zu den amerikanischen Behörden. Nach vier tatsächlichen Entführungen am selben Tag konnte niemand dieses Signal einfach ignorieren. Die amerikanische Flugverkehrskontrolle wollte deshalb herausfinden, ob an Bord von KE085 tatsächlich etwas nicht stimmte.
Was Klarheit schaffen sollte, verschärfte die Lage
Doch ausgerechnet der Versuch, Klarheit zu schaffen, verschärfte die Situation. Die Flugsicherung wies die Piloten an, am Transponder den Code 7500 einzustellen. Dieser Code signalisiert eine Flugzeugentführung. Offenbar sollten die Piloten damit bestätigen, ob ihr Flugzeug tatsächlich entführt worden war.
Die Besatzung tat, was Besatzungen normalerweise tun: Sie befolgte die Anweisung der Flugsicherung. Und plötzlich sendete eine Boeing 747, die ohnehin schon unter Entführungsverdacht stand, auch noch den offiziellen Hijacking-Code. Aus einem Verdacht war damit am Boden scheinbar eine Bestätigung geworden. Denn am Boden war man davon ausgegangen, dass die Crew die Anweisung nicht befolgt hätte, wenn keine Entführung vorliegt.
Evakuierungen in den USA und Kanada
Das North American Aerospace Defense Command Norad ließ also McDonnell Douglas F-15 von der Elmendorf Air Force Base bei Anchorage aufsteigen. Die Kampfjets fingen die Boeing 747 ab. Die Behörden mussten nun auch damit rechnen, dass der Passagierjet nicht einfach nur entführt worden war, sondern – wie wenige Stunden zuvor in New York und Washington – als Waffe eingesetzt werden könnte.
Die Folgen waren entsprechend drastisch. Alaskas Gouverneur ließ Regierungsgebäude und große Hotels in Anchorage räumen. Die Küstenwache wies Öltanker bei Valdez an, sich aufs offene Meer zu begeben. Der ursprünglich geplante Zwischenstopp von KE085 in Anchorage war keine Option mehr.
Boeing 747 wurde nach Whitehorse in Kanada umgeleitet
Stattdessen wurde die Boeing 747 nach Whitehorse im kanadischen Yukon umgeleitet und von Bevölkerungszentren ferngehalten. Damit verlagerte sich der Alarm allerdings nach Kanada. In Whitehorse wurden Schulen und größere Gebäude evakuiert, die Bevölkerung sollte die Innenstadt verlassen. Über das Radio warnte die Polizei vor einer Boeing 747, die innerhalb weniger Augenblicke eintreffen werde und zu diesem Zeitpunkt als entführt gelte.
Auch am Flughafen bereitete man sich auf den Ernstfall vor. Ein Journalist, der damals dorthin fuhr, erinnerte sich später an Kampfjets in der Luft und Scharfschützen auf den Dächern. Der damalige Fluglotse Dave White sagte gegenüber dem kanadischen Fernsehsender CBC rückblickend, die Vorstellung einer weiteren Entführung habe zwar beinahe unmöglich gewirkt. Nach den Ereignissen dieses Tages habe man sie aber sehr ernst nehmen müssen.
Kanadas Premier hatte das OK für Abschuss gegeben
Und es ging längst um mehr als eine Umleitung. Der damalige kanadische Premierminister Jean Chrétien erklärte später, er habe grundsätzlich grünes Licht für einen Abschuss gegeben, falls dies notwendig werden sollte. Auch die für die Abfangjäger verantwortlichen Stellen waren darauf vorbereitet, Gewalt anzuwenden, sollte sich die Boeing einem möglichen Ziel nähern.
Doch dazu kam es nicht. Die Piloten von KE085 folgten weiterhin den Anweisungen der Flugsicherung und nahmen Kurs auf Whitehorse. Gegen 14:54 Uhr landete die Boeing 747 dort sicher. Bewaffnete Beamte der Royal Canadian Mounted Police umstellten das Flugzeug und befragten die Piloten. Ein Foto von damals zeigt ein Besatzungsmitglied, das mit erhobenen Armen auf die Einsatzkräfte zugeht.
Die Boeing 747 fliegt noch immer
Dann war klar: Korean-Air-Flug KE085 war nie entführt worden. Korean Air und die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA führten den Alarm später auf ein Missverständnis zwischen Cockpit und Flugverkehrskontrolle zurück. Fragen blieben dennoch. Noch 25 Jahre später erklärte der damalige Fluglotse in Whitehorse, er wisse nicht, weshalb die ursprüngliche Nachricht mit «HJK» so formuliert worden sei.
Die Boeing 747 fliegt übrigens auch heute noch. Das Flugzeug ist inzwischen bald 29 Jahre alt und für die nigerianische Charterfluggesellschaft Max Air unterwegs. Sie trägt inzwischen das Kennzeichen 5N-HMM und nur die wenigsten dürften wissen, dass der Jumbo ein fliegender Zeitzeuge eines der einschneidendsten Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte ist.
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