Nordlichter begleiteten Flug TOM950P.

AuslieferungsflugIn einer Boeing 737 Max 8 von Tui über den Atlantik

In Renton montiert, in Seattle getestet und von Manchester verzollt: Die 55. Boeing 737 Max 8 von Tui Airline absolvierte ihren Auslieferungsflug über den Atlantik – inklusive Nordlichter.

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Es wirkt so, als würde der nordenglische Flughafen noch schlafen. Die Halle für ankommende internationale Flüge ist menschenleer. Nach weniger als einer Minute ist die Passkontrolle geschafft. Während die meisten Passagiere durch den grünen Kanal strömen, scherzt einer zu Pilot Stijn Lambrecht, er müsse aber den roten Ausgang nehmen: «Du musst ja unser Flugzeug verzollen».

Stijn Lambrecht ist Flugkapitän und Flottenchef bei Tui Airways. Er muss an diesem Samstagmorgen Anfang Februar die Boeing 737 Max 8 mit der Kennung G-TUPE wirklich verzollen. Allerdings nicht am Passagierzoll, sondern in einem separaten Raum der His Majesty's Revenue & Customs am Flughafen Manchester. Erst nach der Prozedur ist das Flugzeug offiziell im britischen Luftfahrzeugregister eingetragen.

G-TUPE ist die 55. Boeing 737 Max 8 für Tui

Eigentum von Tui Airways ist das Flugzeug seit 00:01 Uhr am Vortag. Lambrecht hat die Boeing 737 Max 8 zuvor in 9:39 Stunden zusammen mit seinem Kollegen James Craggs vom Boeing Delivery Center in Seattle im Bundesstaat Washington nach Manchester geflogen. Es war der Auslieferungsflug der G-TUPE.

Recht wahrscheinlich wird es auch der erste und der letzte Transatlantikflug des Flugzeugs mit der Seriennummer 44666 gewesen sein. Es sei denn, Tui vermietet diesen Flieger im Winter an eine amerikanische oder kanadische Fluggesellschaft für das Karibikgeschäft. Künftig wird es britische Touristinnen und Touristen zu Hotels und Kreuzfahrtschiffen in ganz Europa befördern.

Boeing baut eine 737 Max 8 in Renton in rund zwei Wochen

Die G-TUPE ist die 55. Boeing 737 Max 8 für Tui. Die Wiege des Flugzeugs ist Wichita, Kansas. Hier produziert Spirit Aerosystems die Rumpfsegmente der Boeing 737. Die Produktion beginnt etwa vier bis sechs Wochen, bevor der fertige Rumpf per Zug in die Fabrik nach Renton transportiert wird. Der Rumpf der G-TUPE muss also im Herbst 2025 zusammengebaut worden sein.

Blick in die Boeing 737-Max-Fabrik in Renton. Die Flugzeuge werden in 14 Tagen gebaut.

In der Produktionsstätte am Lake Washington produziert Boeing seit den 1990er-Jahren die 737 und nun die 737 Max. Nach der Ankunft aus Wichita stehen die Rümpfe einige Tage auf dem Gelände in Renton. Wenn sie dann in die Fabrik gebracht werden, kommen knapp zwei Wochen später fertige Jets raus. Die reine Produktionszeit beträgt zwar nur neun bis elf Tage, aber um mögliche Verzögerungen ausgleichen zu können, setzt Boeing die Produktionszeit auf zwei Wochen an. Im Anschluss werden die Flugzeuge lackiert und die Abnahmetests beginnen.

Teams überwachen Boeing

«Um die Qualität unserer Flugzeuge zu gewährleisten, setzen wir ein externes Unternehmen ein, das Boeing während der Produktion begleitet», erklärt Christopher Grube, Leiter der Flugbetriebe aller Tui-Airlines. Damit steht der Reiseriese nicht allein da: Viele große Airlines, die zahlreiche Flugzeuge bei Boeing ordern, unterhalten eigene Teams in Seattle. Im Anschluss an einen Test durch Boeing erfolgt der Abnahmeflug oder Customer Acceptance Flight. Dabei wird das Flugzeug gemeinsam bis ins kleinste Detail geprüft.

Boeing 737 Max 8 von Tui: Die G-TUPE beim Start in Seattle.

«Das ist kein reiner Rundflug, sondern ein intensiver Test: Wir prüfen Warnsysteme, Notfallprozeduren und die Stabilität des Flugzeugs an den Grenzen des Flugbereichs. Jede Abweichung wird dokumentiert und behoben, bevor wir das Flugzeug übernehmen», sagt Grube. Wenn alles okay ist, werden nach dem Flug alle technischen und weitere finanzielle Dokumente unterzeichnet. «Wir nehmen nur Flugzeuge ab, die unsere Qualitätsstandards erfüllen», bestätigt Grube.

G-TUPE war rund vier Stunden in der Luft

Bei der G-TUPE hatte das Team von Tui keine Beanstandungen. Den Abnahmeflug führte Stijn Lambrecht durch. «Ein Überführungsflug ist immer etwas Besonderes», sagt er. «Alles ist neu und meistens sind wir allein im Flugzeug.» Bevor die Boeing 737 Max Richtung Europa aufbrach, verbrachte sie knapp vier Stunden in der Luft, erklärt Stijn. «Das klingt wenig, ist aber völlig normal.»

Kapitän Stijn Lambrecht und Kopilot James Craggs nach der Landung in Manchester.

Allein war die Crew von Tui bei diesem Auslieferungsflug nicht. Neben einem Team des Reisekonzerns waren auch Boeing-Mitarbeitende und eine Handvoll ausgewählter Journalistinnen und Journalisten an Bord der Boeing 737 Max 8. Die britische Luftfahrtbehörde CAA schreibt für diesen Fall vor, dass zur Sicherheit eine komplette Crew den Flug unterstützt.

Boeing-Mitarbeitende verabschieden das Flugzeug beim Start

Boeing betreibt im Auslieferungszentrum in Seattle ein internationales Terminal. Neben Tui-Flug TOM950P nach Manchester starteten an diesem Tag auch Flüge in den Oman und nach Indien. Nach der Sicherheitseinweisung wies der Pilot die Passagiere darauf hin, sich aufgrund der Gewichtsverteilung für den Start in die ersten sieben Reihen zu setzen. Um 15:26 Uhr Ortszeit hob die G-TUPE schließlich Richtung Europa ab. Einige Boeing-Mitarbeitende verabschiedeten das Flugzeug winkend auf dem Vorfeld.

Winkende Boeing-Mitarbeitende verabschieden die G-TUPE vor dem Abflug nach Manchester.

«Für uns ist das auch etwas Besonderes», sagt Kabinenchefin Jane. «Wir konnten uns für diesen Flug bewerben – die Aufgabe war, die kreativste Bewerbung einzureichen.» Laut Tui hätten sich über 100 Mitarbeitende des Kabinenpersonals an der Aktion beteiligt. «Ein Überführungsflug ist auch immer ein besonderer Einsatz für unsere Crews, die Seattle nicht im gewöhnlichen Dienstplan haben», erklärt ein Tui-Verantwortlicher. Weil das Flugzeug erst in Großbritannien mit Wlan für Nachrichten und Streaming ausgestattet wird, gab es kein Unterhaltungssystem, aber dafür spektakuläre Ausblicke: die zugefrorene Hudson Bay, Siedlungen auf Grönland und Nordlichter.

Das Gefühl, in einem brandneuen Flugzeug zu fliegen, ist etwas Besonderes. Die Crew hat daraus ein unvergessliches Erlebnis gemacht. Kabinenchefin Jane hielt die Ansagen nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch – eine kleine, aber feine Geste. Und jeder Gast erhielt eine handgeschriebene Karte mit dem Menü. Gleichzeitig wurde der Flug dadurch auch zu einem Linienflug mit tollem Service und tollem Essen. Aber die Ruhe, wenn man allein in den hinteren Reihen sitzt und es um einen herum still ist, ist unbezahlbar.

20 Überführungsflüge in der Wintersaison

Nach knapp zehn Stunden Flugzeit landete die G-TUPE in Manchester, wo wir wieder am Anfang der Geschichte sind. Die britische Stadt war jedoch nur ein Zwischenstopp: Nach der Abfertigung hob die Boeing 737 Max bereits wieder ab – diesmal Richtung London-Gatwick. In der Tui-Technik werden dort die letzten Feinheiten installiert, bevor sie in den regulären Liniendienst übergeht und Passagiere durch ganz Europa fliegen wird.

Für das Abnahme-Team von Tui steht noch ein straffes Programm an: Insgesamt rund 20 Überführungsflüge hat Tui in dieser Auslieferungssaison zu absolvieren und somit sind noch einige geplant, bevor im April der Sommerflugplan startet.

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