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Flug 508 von Lansa

Als eine 17-jährige Deutsche aus 3000 Metern in den Urwald fiel – und überlebte

Vor 50 Jahren stürzte eine Lockheed L-188 Electra über der peruanischen Dschungel ab. Alle Insassen starben, nur eine junge Deutsche überlebte den Absturz am 24. Dezember 1971 aus 3000 Metern Höhe.

Robert Sullivan/Flickr/CC-BY-SA 2.0 (bearbeitet)

Auch eine Lockheed L-188 Electra, wie jene, die am 24. Dezember 1971 abstürzte.

92 Menschen fielen 3000 Meter in die Tiefe. Und nur einer von ihnen überlebte. Die Lockheed L-188 Electra von Líneas Aéreas Nacionales Lansa hob am Mittag des 24. Dezember 1971 in Lima ab. Geplant war, dass sie mit einer Zwischenlandung in Pucallpa, nach Iquitos fliegt. Doch die 86 Fluggäste und sechs Besatzungsmitglieder kamen niemals dort an.

An jenem Tag stürmte es und alle anderen Flüge waren abgesagt worden. Doch Flug 508 der peruanischen Fluggesellschaft fand mit etwas Verspätung trotzdem statt. Nicht lange nach dem Start erschütterten Turbulenzen das Flugzeug.

Blitze schlugen ins Triebwerk ein

Die kurzen, rigiden Flügel waren eigentlich nicht für solch heftige Belastungen ausgelegt. Die Crew entschied sich, mit der zwölfjährigen Lockheed L-188 Electra mit dem Kennzeichen OB-R-941 weiterzufliegen. Später nahm man an, dass weitergeflogen wurde, um rechtzeitig vor Weihnachten anzukommen.

Mit an Bord war auch die siebzehnjährige Deutsche Juliane Koepcke. Sie war gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Weg nach Pucallpa, um ihren Vater für Weihnachten zu besuchen. Wie sie später gegenüber dem Sender BBC News beschrieb, schlugen mehrere Blitze ein, bis das linke Triebwerk lichterloh zu brennen begann.«Das wars. Das ist das Ende», erinnert sich Koepcke an die letzten Worte ihrer Mutter. Kurz darauf verlor sie das Bewusstsein.

Gebrochenes Schlüsselbein

Als die Siebzehnjährige wieder zu sich kam, war es ruhig. Ihr war sofort klar, dass sie den Flugzeugabsturz überlebt hat. Sie rief vergebens nach ihrer Mutter. Abgesehen von einem gebrochenen Schlüsselbein und Verletzungen an den Armen und Beinen, ging es ihr gut. Man vermutete, dass durch das Gewitter Aufwind geherrscht hatte, und den Fall mit ihrem Sitz gebremst hatte. Zudem dürfte sie mit der Lehne ihres Sitzes in die Baumkronen gefallen sein, was die Folgen ebenfalls milderte.

Erst versuchte die junge Frau, andere Überlebende, ihre Mutter oder Essensvorräte zu finden. Doch sie stieß einzig auf drei Leichen. Also begann sie, sich allein durch den Regenwald zu schlagen. Zuvor hatte sie mit ihren Eltern eineinhalb Jahren im Regenwald auf einer Forschungsstation gelebt und wusste deshalb einigermaßen, wie sie sich verhalten sollte. Sie folgte einem Fluss der Fließrichtung entlang, weil die Chance irgendwann am Ufer Menschen zu treffen, am höchsten war.

Die Mutter wurde gefunden

Zehn Tage lang watete Juliane entlang eines Flusses, manchmal musste sie auch schwimmen. Mit einer Handvoll Bonbons in der Tasche war sie so unterwegs, bis sie endlich auf Holzfäller stieß. «Sie dachten erst, dass ich eine Art Göttin sei. Aber ich erklärte meine Situation auf Spanisch und sie nahmen mich auf», so Koepcke später gegenüber BBC News.

Sie gaben ihr zu Essen und Trinken und brachten die junge Frau kurz darauf wieder in die Zivilisation zurück.  Einige Tage später wurde die Leiche von Julianes Mutter entdeckt. Sie hatte den Absturz überlebt, doch war zu stark verletzt, um sich bewegen zu können. Die Untersuchung stellte fest, dass es weiteren zwölf Passagieren gleich ergangen ist.

Lansa musste schließen

Die Untersuchung zeigte, dass die Lockheed L-188 Electra überladen gewesen und ungenügend unterhalten war. Offenbar bestand sie im Zeitpunkt des Unglücks weitgehend aus Ersatzteilen anderer Flugzeuge. 1972 wurde Lansa deswegen die Lizenzen entzogen und musste schließen.

Koepcke studierte später Biologie in Deutschland, heiratete und arbeitete lange für die Zoologische Staatssammlung München. Sie lebt seither in der Nähe der bayerischen Hauptstadt. Sie übernahm daneben die Leitung der Forschungsstation ihres Vaters in Peru, wohin sie heute noch regelmäßig zurückkehrt.

Ihre Geschichte hat Juliane Koepcke im Buch «Als ich vom Himmel fiel: Wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab» festgehalten, das Sie hier bestellen können.