Mallorca war lange Zeit touristisch fest in europäischer Hand: Die Besucherinnen und Besucher kamen überwiegend aus Deutschland, Großbritannien und Skandinavien. Doch seit 2024 arbeitet sich in den Top Ten der Herkunftsländer eine neue Nationalität immer weiter nach oben: US-Amerikanerinnen und ‑Amerikaner. Im vergangenen Jahr reisten 333.500 von ihnen auf die Balearen, wie das Fremdenverkehrsamt Turespaña mitteilte.
Laut der Tourismusbehörde sind Direktflüge aus Nordamerika nach Palma ein wichtiger Grund. In diesem Sommer fliegen Air Canada und United Airlines die Baleareninsel direkt an. Die kanadische Fluglinie hat Palma rund fünf Mal wöchentlich im Programm und setzt dafür die Boeing 787-8 ein, die amerikanische fliegt die Strecke sogar sechs Mal pro Woche mit Boeing 767-400. Laut Daten von Cirium bieten beide Airlines zusammen in diesem Sommer rund 280 Flüge mit knapp 68.000 Sitzen an.
Mallorca als Symbol für die Entwicklung
Menschen aus Nordamerika haben aber nicht nur Lust auf Mallorca, sondern generell auf europäische Ferienziele, wie ein Blick in die Flugpläne zeigt. Zwar gehen die meisten Kapazitäten immer noch an die großen Drehkreuze wie London, Paris, Frankfurt und Amsterdam, aber dieses Muster verschiebt sich. Im Sommer 2026 erscheinen Flüge, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären: von Newark nach Dubrovnik, von Atlanta nach Olbia oder von Toronto nach Lamezia Terme.
Und es werden immer mehr. Laut Daten des Luftfahrtdatenanbieters OAG bieten allein US-Airlines in diesem Sommer rund zehn Mal mehr Ziele in Europa an als nach dem Pandemietief im Sommer 2021. aeroTELEGRAPH hat auf Basis von Cirium-Diio-Daten die Flugpläne von acht nordamerikanischen Airlines analysiert, die von April bis Oktober nach Europa fliegen: United Airlines, Delta Air Lines, American Airlines, Jetblue und Alaska Airlines sowie Air Canada, Air Transat und Westjet.
Schon die Hälfte aller US-Flüge geht nicht an die großen Drehkreuze
Zusammen bieten die acht Airlines rund 144.000 Flüge mit knapp 36,9 Millionen Sitzen an. Rund die Hälfte davon entfällt nach wie vor auf die großen Drehkreuze London Heathrow, London-Gatwick, Paris, Amsterdam, Frankfurt und Rom. Spannend ist die andere Hälfte: Knapp 18 Millionen Sitze verteilen sich auf 52 weitere europäische Destinationen abseits der Hubs. Dabei sind United Airlines und Air Canada die aktivsten nordamerikanischen Anbieter im Europageschäft. Beide haben in diesem Sommer jeweils 35 Ziele im Programm.
United Airlines bietet mit rund 9,75 Millionen Sitzen mehr Kapazität als jede andere Airline im Vergleich. Besonders auffällig ist die Breite des Nischenangebots: United fliegt in diesem Sommer Ziele an, die im transatlantischen Markt bislang kaum eine US-Airline im Programm hatte: Dubrovnik, Split, Bari und Palermo, dazu Funchal auf Madeira, Faro sowie Bilbao und Santiago de Compostela. Porto gehört zu den stärksten United-Strecken im Sommerflugplan: 678 Flüge und 119.328 Sitze über die gesamte Saison. Daneben hat die Airline klassische Städtereiseziele wie Berlin, Mailand und Edinburgh im Angebot. Die meisten Verbindungen starten in Newark, eingesetzt werden vorrangig Boeing 767-300 und 767-400.
Air Canada fliegt als einzige Airline nach Teneriffa
Air Canada bedient ebenfalls 35 europäische Destinationen mit 18.958 Flügen und 6,04 Millionen Sitzen. Die stärksten Routen führen nach Rom, Barcelona, Athen und Lissabon. Daneben reicht das Netz weit in den Freizeitbereich: Catania, Palma de Mallorca, Nantes und Ponta Delgada stehen ebenso im Plan. Besonders auffällig ist Teneriffa, das Air Canada als einzige Airline im Vergleich die Kanareninsel direkt aus Nordamerika anfliegt.
Die Kanadier setzen neben Großraumjets wie der Boeing 777, Boeing 787 und dem Airbus A330 auch Schmalrumpfflieger ein. Die Boeing 737 Max fliegt dabei nach Reykjavik, Edinburgh und Ponta Delgada. Mit dem Airbus A321 XLR bedient Air Canada Toulouse, Nantes, Lyon, Porto und Berlin.
Air Transat: Nischen als Geschäftsmodell
Air Transat fliegt knapp 30 europäische Ziele an und meidet klassische Drehkreuze konsequent. Das Streckennetz umfasst neben den großen Ferienzielen auf der Iberischen Halbinsel wie Porto, Faro und Málaga auch mehrere französische Städte: Marseille, Lyon, Bordeaux und Nantes.
Mit Zagreb und Tirana stehen zwei Balkanziele im Plan, dazu Lamezia Terme in Kalabrien. Eingesetzt werden primär Airbus A330-200 auf volumenstarken Zielen wie Lissabon, Rom, Athen und Istanbul, aber auch auf Nischenzielen wie Venedig, Zagreb und Tirana. Nach Berlin, Barcelona, Dublin, Glasgow, Amsterdam, Basel und Valencia fliegt Air Transat mit dem A321 Neo. In der Hochsaison verstärkt zudem der A330-300 die Verbindungen nach Paris und Rom.
Delta setzt auf Sardinien und Sizilien
Delta Air Lines fliegt 28 europäische Ziele an und kommt mit 9,49 Millionen Sitzen auf die zweitgrößte Kapazität im Markt. Der Schwerpunkt liegt auf Amsterdam, Paris und London. Deltas Nischenprogramm ist geografisch breit angelegt. Neben einem klaren Fokus auf das Mittelmeer. Catania auf Sizilien wird über die gesamte Saison bedient, sowie auch Olbia auf Sardinien und Malta.
Neben den Mittelmeerzielen bedient Delta auch Porto, Shannon, Prag, Berlin, Stockholm und Kopenhagen. Nahezu alle Verbindungen starten in New York-JFK und werden mit der Boeing 767-300 bedient. Kopenhagen ist das einzige Ziel, das Delta zusätzlich auch ab Minneapolis direkt anfliegt.
American Airlines setzt weiter auf Drehkreuze
American Airlines fliegt 20 europäische Ziele an und bündelt ihre Kapazität von 7,51 Millionen Sitzen auf vergleichsweise wenige Strecken. Allein London-Heathrow absorbiert mit 2,47 Millionen Sitzen fast ein Drittel des gesamten Europaprogramms. Im Freizeitbereich finden sich Porto, Neapel, Venedig, Nizza, Budapest und Prag im Angebot. Gegenüber United oder Delta fällt das Nischenangebot jedoch deutlich dünner aus.
Westjet bedient zehn europäische Ziele mit rund 776.000 Sitzen und fokussiert sich dabei stark auf die britischen Inseln. London Heathrow, Dublin, Edinburgh, Glasgow und Cardiff machen den Kern aus. Als einziges echtes Nischenziel sticht Ponta Delgada auf den Azoren heraus. Die Boeing 787-9 kommt auf den starken Routen nach London, Paris, Rom und Barcelona zum Einsatz, während die Kanadier ihre Boeing 737 Max 8 Richtung Dublin, Edinburgh, Reykjavik, Glasgow, Cardiff und Ponta Delgada einsetzen.
Neuer Märkte für Europas Ferienflughäfen
Mitarbeitende am Flughafen Dubrovnik begrüßen eine United-Maschine. Dubrovnik Airport/Facebook
Ob sich das Nischenangebot langfristig trägt, wird sich zeigen. Die Daten für Sommer 2026 sprechen eine klare Sprache: Der Appetit nordamerikanischer Airlines auf europäische Urlaubsziele ist größer geworden und er reicht mittlerweile bis nach Olbia, Dubrovnik und Lamezia Terme. Europas Ferienflughäfen entdecken einen neuen Quellmarkt. Und der kommt zunehmend mit dem Großraumjet direkt vor die Haustür.
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