Notwasserung einer Tupolev Tu-124Das Wunder von der Neva

1963 ging einer Tupolev Tu-124 von Aeroflot tief über Leningrad der Sprit aus. Weil der Flughafen zu weit weg war, verblieb ein gewagtes Manöver als letzter Ausweg.

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Über ein Jahrzehnt ist das «Wunder vom Hudson» her. An die Bilder des im Januar 2009 im New Yorker Fluss treibenden Airbus A320 erinnern sich viele Menschen bis heute. Nach einem totalen Ausfall der Triebwerke mitten über der Millionenmetropole sah Kapitän Chesley Sullenberger eine Notwasserung als einzigen Ausweg.

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Alle Insassen überlebten die heikle Luftnotlage, die Crew Sullenbergers wurde weltweit als Helden gefeiert. Dass Passagiere die Landung eines Passagierflugzeuges auf dem Wasser überleben, konnte sich ein Großteil der Öffentlichkeit zuvor nicht vorstellen - dabei glückte dieses Notmanöver bereits zuvor schon einige Male.

Nebeliger Morgen

So etwa am 13. August 1963 in St. Petersburg, in der damaligen Sowjetunion noch Leningrad genannt. Für den erst 27 Jahre alten Aeroflot-Kapitän Victor Mostovoy galt es, eine Tupolev Tu-124 von Tallinn nach Moskau zu fliegen. Es war ein nebliger Morgen, als der zweistrahlige Kurzstreckenflieger mit 52 Insassen Estlands Hauptstadt verließ.

Die Probleme sollten nicht lange auf sich warten lassen. Kurz nach dem Abheben klemmte das vordere, noch ausgefahrene Fahrwerk. Der dichte Nebel verhinderte eine Rückkehr nach Tallinn. Mostovoy leitete seine Tupolev in das etwas mehr als 300 Kilometer entfernte Leningrad um.

Zu viele Schleifen

Ohnehin war das Flugzeug für eine Landung noch zu schwer. Um die Hafenstadt herum drehte der Pilot mehrere Schleifen, um Treibstoff zu verbrennen. Am Leningrader Flughafen Pulkovo wurde währenddessen einer Schotterpiste für die Notlandung vorbereitet.

Nach der achten Runde fiel plötzlich ein Triebwerk aus. Der Grund: Die Piloten unterschätzten den Treibstoffverbrauch. In den Tanks der Tupolev war das Kerosin alle. Es dauerte nur sehr kurze Zeit, bis auch das zweite Triebwerk den letzten Sprit aus den Leitungen bekam.

Breit, aber dicht bebaut

Für die Tupolev wurde die Lage plötzlich sehr heikel. Ohne Schub flog das Flugzeug mitten über Leningrad, die Landebahn dabei noch etwa zwanzig Kilometer entfernt. Höhe für einen Segelflug war kaum vorhanden. Nur 500 Meter über Grund drehte die Tu-124 ihre Schleifen.

Es verblieben nicht mal Minuten, in denen sich das Flugzeug noch in der Luft halten konnte. Mitten über der Stadt verblieb nur eine Möglichkeit, das Flugzeug nicht in das dicht bewohnte Gebiet stürzen zu lassen: Die durch Leningrad fließende Neva. Eine Notwasserung in dem Fluss klang dabei weniger einladend, als es die fast aussichtslose Lage für Außenstehende versprechen mochte.

Wasser drang schnell ein

Dort, wo Mostovoy die Tupolev notwassern wollte, bietet der Fluss mit 300 Meter Breite zwar viel Platz. Doch auf dem Weg dorthin überqueren viele Brücken die Neva. Dem Kapitän blieb keine weitere Wahl, als das heikle Manöver zu wagen.

Mit einer letzten Kurve setzte die Tu-124 stromaufwärts zum Endanflug an. Laut Augenzeugen überflog das Flugzeug in nur 30 Meter Höhe über die Bolscheochtinski-Brücke. Die folgende Alexander-Newski-Brücke verfehlte das Flugzeug nur sehr knapp. Nahe eines Schlepp-Bootes setzte die Tupolev auf und glitt auf dem Wasser zum Stop. Der Flieger blieb intakt, begann aber schnell mit Wasser voll zu laufen.

Orden statt Ärger

Der Schlepper nahte schnell zur Hilfe. Die Besatzung des Schiffes und die Piloten durchbrachen die Frontscheiben des Fliegers, um im Cockpit ein Seil zum Boot anzubinden. Noch bevor die Tupolev versank, konnte sie so ans Ufer gezogen werden. Dort verließen alle Insassen den Flieger unversehrt. Der Flieger musste jedoch verschrottet werden.

Ein Nachspiel hatte das «Wunder von der Neva» für die Piloten nicht. Zwar sind die Unfallursachen klar auf menschliches Versagen zurückführbar. Doch Pilotenfehler passten nicht in die Propaganda der damaligen Sowjetunion. Kapitän Mostovoy und sein Erster Offizier wurden für die Notwasserung mit Freispruch und Orden belohnt.

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