Die Lockheed F-35B ist eine Senkrechtstarterin im doppelten Sinne. Sie kann katapultartige Starts durchführen. Im Jargon spricht man von Short Take-Off and Vertical Landing oder Stvol. Der Kampfjet kann also auch vertikal landen (Vtol). Auch das macht ihn neben seiner Tarnkappeneigenschaft zum Exportschlager. Rund 20 Länder haben die F-35 bereits fest bestellt, darunter Deutschland, Japan und die Schweiz.
Der erste Vtol-fähige Militärjet kam indes nicht aus den USA, sondern aus Großbritannien. Zwar experimentierten die Sowjets in den 1950er- und 60er-Jahren mit Senkrechtstartern. Doch Hawker Siddeley kam ihnen mit dem Harrier Jump Jet zuvor. Er war der erste einsatzfähige Vtol/Stovl-Kampfjet. Der Hersteller ging später in British Aerospace auf.
Punktstart und -landung statt langem Anlauf
Ein Kampfjet, der keine bis zu 3000 Meter lange, schwer bewachte Start- und Landebahn benötigt? Dies hörte sich wie Utopia an. Im Jahr 1967 erfolgte der Erstflug, zwei Jahre später die Serienproduktion. Ab 1977 stand eine Staffel Hawker Siddeley Harrier in Westdeutschland auf dem britischen Luftwaffenstützpunkt in Gütersloh bereit im Wettrüsten gegen den Warschauer Pakt. Später entwickelten Amerikaner und Briten auf Basis des Modells gemeinsam die McDonnell Douglas AV-8B Harrier II.
Die Hawker Siddeley erlebte seine Feuertaufe als Basisversion Harrier G3 und als marinetaugliches Pendant Sea Harrier 1982. Damals eroberte die Junta Argentiniens die britischen Falklandinseln im Südatlantik (die Argentinier nennen sie Islas Malvinas). London holte mit einer Armada zur See zum Gegenschlag aus. Premierministerin Margaret Thatcher konnte dennoch auf die Unterstützung der USA und ihres Verbündeten Chile bauen und zog mit einer aus Flugzeugträgern und Fregatten bestehenden Flotte in die Schlacht.
Feuertaufe im Auftrag Ihrer Majestät
Im Luftkampf gegen argentinische Mirage-Jets und Skyhawks behielt die wendige Hawker Siddeley Sea Harrier die Oberhand. Dies, obwohl er mit 0,9 Mach nur Unterschall flog und die Mirage 2000 mit ihren 2,2 Mach also nicht entkommen konnte. Dies aufgrund der besseren Ausbildung britischer Piloten und weil sich die Luft-Luft-Raketen vom AIM-9 Sidewinder von Raytheon (USA) als effektiv erwiesen. Dennoch verloren die Briten 10 Harrier-Jets während des zehnwöchigen Konflikts.
Weitere Einsätze erfolgten im Kuwaitkrieg 1991 und im Irakkrieg 2003, bei dem die irakische Luftabwehr mehrere Harrier abschießen konnte. Die scheinbar schwebenden Starts der Hawker Siddeley Sea Harrier sind heute noch ein Augenschmaus für jeden Luftfahrtfan. Die senkrechten Starts und Landungen machen den Harrier agil, wie die Piloten sagen. Neben zwei 30-Millimeter-Bordkanonen zählten zu dem nur 14 Meter langen Einsitzer Freifallbomben, Streumunition und ungelenkte Raketen zur Bewaffnung.
Madrid mag die Hawker Siddeley Harrier weiterhin
Die Hawker Siddeley Harrier kann beim Schwebeflug ihr gesamtes Gewicht nur durch Schub tragen. Dafür sorgt ein Spezialtriebwerk, Rolls-Royce Pegasus, mit seinen vier schwenkbaren Düsen. Daher ist der Kerosinverbrauch beim Starten um 20 Prozent höher als bei einem herkömmlich startenden Jet. Außerdem kann sie theoretisch in einer nahöstlichen Sandsteinwüste landen, nicht aber auf einem sommerlichen Kornfeld in der Ukraine, weil letzteres aufgrund der ultraheißen Abgase in Flammen aufgehen würde.
Noch in diesem Jahr plant die US-Air-Force, die letzte Harrier auszumustern. In Europa zählt nur noch Spanien das Flugzeug zu seinem Luftwaffenbestand, will es aber lediglich auf dem Flugzeugträger Juan Carlos I bis 2032 nutzen. Die Iberer konnten sich aus Kostengründen noch nicht für die F-35B erwärmen. Indien hat die Sea Harrier bereits 2016 ausgemustert und durch den russischen Trägerjäger Mikoyan Mig–29K ersetzt.
Saab bietet starken und günstigen Kompromis
Der schwedische Rüstungskonzern Saab hat mit der JAS 39 Gripen einen Kampfjet entwickelt, der für kurze Starts und kurze Landungen ausgelegt ist. Sie ist kein Vtol/Stovl-Flugzeug wie die Harrier, kann aber auf einer Strecke von nur 400 bis 800 Metern starten, etwa von improvisierten Militärpisten oder Straßen, und auf 500 bis 600 Meter langen Autobahnstücken landen. Dafür sorgen ein solides Fahrwerk, ein starkes Triebwerk und gute Bremsen.
Auch weil die Saab Gripen zu deutlich niedrigeren Kosten als der Lockheed F-35B beschafft werden kann, greifen immer mehr Länder bei den Schweden zu. Die Ukraine unterzeichnete im Oktober 2025 eine Absichtserklärung zum Kauf von 100 bis 150 Exemplaren, um ihre Luftstreitkräfte zu modernisieren, wobei mögliche Auslieferungen etwa zwischen 2026 und 2028 beginnen könnten.
Im Osten viel Neues?
Auch Russland denkt laut über neue Modelle nach, denn die Sowjets produzieren Ende der Achtziger mit dem Yakovlev Yak-141 bereits einen Senkrechtstarter. Die Produktion wurde nach dem Ende der UdSSR 1991 auf Eis gelegt. China plant, die nächsten Versionen des Überschallfighters Shenyang J-35 Vtol-kompatibel zu designen – für den Ernstfall zu Lande und zur See.
Hollywood mag die Senkrechtstarter-Technologie, weil sie so futuristisch wirkt. In fast allen Star-Wars-Episoden kommen Stovl/Vtol-fähige Fluggeräte vor, wie die Rebellen-X-Wing-Fighter oder die Lambda-Klasse-T-4a-Shuttle des Imperators Palpatine.
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