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Interview mit Rainer Schwarz, Flughafen Münster-Osnabrück

«London auf der Wunschliste hinter Wien und Berlin»

Rainer Schwarz ist Chef des Flughafens Münster/Osnabrück. Im Interview spricht er über den größten Konkurrenten, über Probleme mit der Bahn und über Ex-Germania-Chef Balke.

FMO

Rainer Schwarz, Chef des Flughafens Münster/Osnabrück: War sich schnell mit Corendon einig.

Der Flughafen Münster/Osnabrück hat im ersten Halbjahr bei den Passagierzahlen um 1,7 Prozent zugelegt. Hätten Sie damit gerechnet nach der Pleite von Germania im Februar?
Rainer Schwarz*: Die Germania-Pleite hat uns recht unvermittelt getroffen. Zumal Germania-Geschäftsführer Karsten Balke drei oder vier Wochen vorher noch relativ vollmundig erklärt hatte, man habe die Sache im Griff. Als dann die offizielle Insolvenzmeldung kam, mussten wir sehr schnell reagieren, damit die Reiseveranstalter nicht auf bestehende Kontingente an anderen Flughäfen wie Düsseldorf oder Hannover umbuchen. Da war es eine große Hilfe, dass wir bereits im Herbst des letzten Jahres mit Corendon Airlines gesprochen und überlegt hatten, das Risiko etwas zu diversifizieren.

Was dann aber nicht unmittelbar geschehen ist.
Damals wollten die meisten Reiseveranstalter zunächst auf eine dritte am Flughafen Münster/Osnabrück stationierte Germania-Maschine setzen. Als Germania dann aber in die Insolvenz ging, mussten wir in den Gesprächen mit Corendon nicht bei Adam und Eva anfangen. Die Airline hatte sich schon intensiv mit dem Markt hier beschäftigt und wir wurden uns innerhalb von zehn Tagen einig.

Konnten Sie die Germania-Lücke komplett füllen?
Nein. Wichtig war uns zunächst, die touristischen Hauptroutenouten wieder besetzten zu können, also unter anderem Richtung Kanaren und Griechenland. Auch Zielgebietscarrier aus Mallorca, aus der Türkei und Bulgarien haben ihre Frequenzen erhöht. So hatten wir im ersten Halbjahr tatsächlich einen leichten Passagierzuwachs. Das wird sich aber nicht über das gesamte Jahr halten. Denn Germania hatte im zweiten Halbjahr des Vorjahres ein zweites Flugzeug hier stationiert. So konnten wir 2018 mehr als eine Million Passagiere begrüßen. 2019 werden wir wohl knapp unter der Million bleiben, im kommenden Jahr dann aber hoffentlich wieder über dieser wichtigen Marke liegen.

Wir sind froh, dass sich Dortmund ganz anders positioniert.

Auch die Zahl der Flugziele ist deutlich zurückgegangen.
Ja, denn Germania hatte – wenn auch teilweise nur ein Mal pro Woche – Ziele wie Faro und Malaga im Flugplan und wollte in diesem Sommer auch nach Ibiza fliegen. Solche Destinationen bedient Corendon erst mal nicht. Viel wichtiger ist uns aber, dass Fluglinien wie Corendon, Lauda oder Sun Express hier am Flughafen zurzeit bei durchschnittlichen Auslastungsraten von 90 Prozent liegen. Germania kam immer auf rund 70 Prozent im Jahresdurchschnitt.

Regionalflughäfen haben es nicht leicht. Wie bestehen Sie gegen nahe Konkurrenten wie Paderborn, Dortmund oder auch den großen Airport in Düsseldorf?
Erst einmal gibt es hier in der Region eine große Kernnachfrage. Und was die genannten Flughäfen angeht: Mit Paderborn sehen wir keine große Überschneidung, das sind unterschiedliche Einzugsgebiete. Das sieht bei Dortmund schon anders aus, daher sind wir froh, dass der Airport dort sich mit einem hohen Anteil an Lowcost-Verkehr Richtung Osteuropa ganz anders positioniert.

Hauptkonkurrent ist also Düsseldorf?
Ja, auch weil dort seit dem Ende von Air Berlin das touristische Angebot massiv aufgestockt wurde. Allerdings spielt es uns in die Karten, dass Fliegen ab Großflughäfen für Passagiere häufig wesentlich stressiger verläuft. Dazu kommt die Unwägbarkeit auf der Straße bei der Anreise von hier nach Düsseldorf. Das merken wir an den Reaktionen der Kunden. Wer zwei oder drei Mal in Düsseldorf seinen Flieger verpasst hat und aus unserem Einzugsgebiet kommt, orientiert sich doch wieder nach Münster/Osnabrück, was lange Zeit andersherum war.

Viele Mittelständler mit Tochtergesellschaften in Wien oder im nahen Bratislava.

Air Berlin und Germania waren so etwas wie Heimanbieter an Ihrem Flughafen. Wird es so etwas wieder geben, oder sind dieses Zeiten vorbei?
Das wird man sehen. Corendon Airlines kommt hier als Marke gut an, ist aber natürlich noch nicht so bekannt, wie Air Berlin oder Germania es waren. Das ist im ersten Jahr allerdings normal. Germania wurde am Anfang von Passagieren auch ständig mit Germanwings verwechselt.

Wie sind Sie sich bei den Routen für Geschäftsreisende aufgestellt?
Lufthansa ist mit Abstand der größte Anbieter an unserem Flughafen mit täglich fünf Flügen nach München und vier nach Frankfurt. Wir haben hier eine sehr stark mittelständisch geprägte Wirtschaft, die wirklich auf diese Flüge angewiesen ist. Zudem fliegt AIS Airlines nach Stuttgart, jetzt auch nach Kopenhagen und ab November nach Berlin. Aus Gesprächen mit mehr als 100 Unternehmen in der Region wissen wir, dass Berlin auf deren Wunschliste auf Nummer zwei stand …

… hinter welcher Nummer eins?
Wien. Und dorthin wird Lauda ab November fliegen.

Warum denn gerade Wien?
Es gibt sehr viele Mittelständler hier, die entweder Tochtergesellschaften oder Vertriebsgesellschaften in Wien oder im nahen Bratislava in der Slowakei haben.

Man kommt von hier nicht ohne umzusteigen per Bahn nach Frankfurt.

Welche weiteren Ziele hätten Sie gerne im Angebot, sowohl für Geschäftsreisende als auch touristisch?
Auf der Wunschliste der Unternehmen stand London hinter Wien und Berlin. Touristisch sind das spanische Festland, Portugal und die Balearen-Insel Ibiza interessant.

Noch mal zu den Flügen nach Frankfurt. Solche verhältnismäßig kurzen Inlandsrouten stehen gerade im Rahmen der Klimadebatte in der Kritik. Ist das nicht eine Strecke, die durch die Bahn ersetzt werden könnte?
Wo die Bahn eine adäquate Alternative ist, sollte man auf sie umstellen. Aber genau das sehe ich für diese Region leider überhaupt nicht. Den großen ICE-Bahnhof hat vor langer Zeit nicht Münster bekommen, sondern Hamm. So kommt man von hier nicht ohne umzusteigen nach Frankfurt und fährt einen Teil der Strecke dabei oft auch noch mit einem Regionalzug. Hinzu kommt: Die allermeisten Passagiere reisen nach Frankfurt, um von dort aus weiterzufliegen. Ich denke, dann können die Fluggäste auch erwarten, ihre Koffer schon zu Beginn der Reise einzuchecken. Aber das kann die Bahn nicht mal ansatzweise bieten, auch wegen der höheren Sicherheitsstandards in der Luftfahrt.

* Rainer Schwarz, geboren 1956, ist seit Februar 2017 Chef des Flughafens Münster/Osnabrück. Davor hat er reichlich Erfahrung gesammelt: als Hauptabteilungsleiter am Airport München, als Geschäftsführer des Flughafens Nürnberg, als Vorsitzender der Geschäftsführung am Airport Düsseldorf, als Sprecher der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH sowie zuletzt als Geschäftsführer des Flughafens Rostock-Laage.



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