Eine neue Studie des MIT zeigt erneut, wie stark Flugkonnektivität – insbesondere Direktverbindungen und Anbindungen an globale Hubs – das Wachstum von Volkswirtschaften und multinationalen Unternehmen fördert. Selbst im Zeitalter von Videokonferenzen bleibt physische Erreichbarkeit ein entscheidender Standortfaktor für Expansion und Investitionsentscheidungen.
Gerade deshalb wird eines immer deutlicher: Will die Aviatik ihre zentrale Rolle auch in einer CO₂-neutralen Zukunft behalten, muss sie sich glaubwürdig und wirksam dekarbonisieren. Vor diesem Hintergrund habe ich analysiert, wie Fluggesellschaften ihre Nachhaltigkeitsbemühungen umsetzen – und vor allem, wie sie darüber kommunizieren. Ausgangspunkt ist die wissenschaftliche Studie «Beyond the Rhetoric of ‹Sustainable Aviation›: A Counterfactual Confrontation» (Journal of Travel Research, Januar 2026). Sie untersucht die Kommunikation der weltweit größten Fluggesellschaften sowie von Airbus, Boeing, Iata, Icao und Atag.
Wie kommunizieren Fluglinien und Flugzeughersteller?
Die Studie identifiziert sieben dominante Diskurse:
- Betonung von Bewusstsein, Führungsanspruch und Engagement für Netto-Null
- Darstellung des vergleichsweise geringen Beitrags der Branche zum Klimawandel
- Hervorhebung erster Fortschritte durch operative und technische Effizienzgewinne
- Starke Fokussierung auf künftige Lösungen wie Sustainable Aviation Fuels (SAF) und Wasserstoff
- Betonung der sozioökonomischen Vorteile des Luftverkehrs
- Das Narrativ «Nachhaltigkeit durch Wachstum» – Wachstum als Voraussetzung für Innovation
- Verweis auf angeblich unüberwindbare Hindernisse, etwa fehlende Biokraftstoffe, hohe Kosten oder noch nicht verfügbare Technologien
Diese Diskurse erzeugen ein Bild von Handlungsfähigkeit – verschieben den Fokus jedoch weg von der entscheidenden Frage: Wie lassen sich absolute Emissionen tatsächlich senken?
Kapazitätswachstum gilt noch immer als Synonym für Erfolg
Denn trotz Effizienzsteigerungen und immer elaborierterer Nachhaltigkeitskommunikation steigen die Emissionen der Luftfahrt weiter. Das ist kein Kommunikationsproblem. Es ist die logische Konsequenz eines Geschäftsmodells, das auf kontinuierlichem Verkehrswachstum, niedrigen Margen und externalisierten Umweltkosten basiert.
Kapazitätswachstum gilt noch immer als Synonym für Erfolg – obwohl die Dekarbonisierungspfade unsicher, langsam und teuer sind. Zukünftige Treibstoffe und Antriebstechnologien können einen Beitrag leisten, werden das Nachfragewachstum der kommenden Jahrzehnte jedoch nicht kompensieren.
Weg von freiwilligen Selbstverpflichtungen
Das Festhalten an volumengetriebenen Modellen erhöht das regulatorische, finanzielle und reputative Risiko der Branche. Widerstandsfähiger sind Geschäftsmodelle, die Wert vor Volumen stellen: weniger Flüge, höhere Erträge pro Passagier, bessere Konnektivität sowie stärker diversifizierte nicht-aeronautische Einnahmen.
Für politische Entscheidungsträger bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: weg von freiwilligen Selbstverpflichtungen hin zu klaren Rahmenbedingungen, die absolute Emissionsreduktionen belohnen – etwa durch wirksame CO₂- und Treibstoffpreise, klimakonsistente Kapazitätsplanung und die Abkehr von der Annahme, dass Wachstum automatisch öffentlichen Mehrwert schafft.
Systeme, die innerhalb planetarer Grenzen funktionieren
Der Übergang zu einer nachhaltigen Luftfahrt wird nicht durch Optimismus und inkrementelle Effizienzsteigerungen gelingen.
Er erfordert den bewussten Abschied von wachstumsabhängigen Modellen – hin zu Systemen, die innerhalb planetarer Grenzen funktionieren und dennoch wirtschaftlich tragfähig bleiben.
André Schneider treibt als international anerkannter Manager die Transformation der Luftfahrt und Infrastruktur hin zu einer klimaneutralen, lärmarmen und widerstandsfähigen Zukunft voran. Als ehemaliger Chef von Genève Aéroport und Strategieberater der Beratungsfirma André Schneider Global Advisory sowie Vorsitzender der World Climate Foundation verbindet er fundierte operative Führungsqualitäten mit globaler Agenda-Setting-Kompetenz, technologischem Fachwissen und Multi-Stakeholder-Governance. Zuvor als professioneller Musiker bei führenden europäischen klassischen Orchestern und anschließend als Doktor der Informatik und in führenden Funktionen bei Weltwirtschaftsforum WEF, IBM und CERN tätig, schlägt er eine Brücke zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor, um Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Leistung und Passagiererlebnis in Einklang zu bringen und gleichzeitig sektorübergreifende Koalitionen für langfristige Wirkung zu mobilisieren.
Die Meinung der freien Kolumnisten muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.