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Interview mit Johan Vanneste, Flughafen Köln/Bonn

«Das wird ein ganz schwieriges Jahr»

Johan Vanneste ist Chef des Flughafens Köln/Bonn. Im Interview spricht er über mögliche neue Langstreckenrouten, Airbus A321 XLR und Boeing 737 Max sowie die Folgen der Coronavirus-Epidemie.

Köln Bonn Airport

Johan Vanneste: Seit fast zwei Jahren Chef in Köln/Bonn.

Letztes Jahr haben 12,4 Millionen Passagiere den Flughafen Köln/Bonn genutzt. Wie viele Reisende erwarten Sie im Jahr 2020?
Johan Vanneste*: Seit wir wissen, dass die Luftverkehrssteuer zum 1. April erhöht wird, rechnen wir mit rund 300.000 Passagieren weniger. Aber jetzt schwächelt auch noch die Wirtschaft und das Coronavirus wirkt sich massiv auf den Luftverkehr aus. Einige Airlines haben Verbindungen in betroffene Gebiete stark reduziert oder sogar eingestellt. Andere dünnen die Flugpläne aus und lassen Teile ihrer Flotte vorerst ganz am Boden. Auch wir sehen, dass die Auslastungen etwa auf Strecken nach Italien drastisch zurückgehen. Zudem trifft es die Weltwirtschaft. Diese Entwicklungen beobachten wir mit großer Sorge und ich gehe davon aus, dass sie uns weitere Passagiere kosten werden.

Gibt es noch weitere Sorgen?
Auch die Probleme mit der Boeing 737 Max spüren wir, da etlichen unserer Airline-Kunden Flieger fehlen. Tuifly holt etwa ihre an Eurowings verleasten Flugzeuge zurück, da sie diese selber braucht, solange sie auf die 737 Max wartet. Ryanair hat sogar Basen geschlossen, weil sie nicht ausreichend Flugzeuge hat. Auch Corendon ist 737-Max-Betreiber. Und wir spüren, dass die Fluggesellschaften zu schnell gewachsen sind. Jetzt herrscht großer Konkurrenzdruck, der auf die Profitabilität drückt. Auch Eurowings setzt derzeit zahlreiche Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität um und kürzt bei uns Kapazitäten.

Spüren Sie auch einen Effekt von Klimadebatte und Flugscham?
Ja, innerdeutsch gibt es Rückgänge im ganzen Land. Viele Firmen und Ministerien, zum Beispiel in Bonn, sagen ihren Mitarbeitern klar: Fliegen Sie weniger, nehmen Sie den Zug.

Wenn man Nordamerika sagt, ist New York immer das Ziel, das alle anbieten wollen.

Die Langstrecke hat Eurowings bei Ihnen 2019 abgezogen. Was waren die Folgen?
Wir haben dadurch natürlich Passagiere verloren und auch sogenannte Non-Aviation-Einnahmen. Denn jemand, der Langstrecke fliegt, ist viel früher am Flughafen und gibt hier mehr Geld aus. Und nur, wer eine Nicht-Schengen-Strecke fliegt, kann im Duty-Free-Bereich auch wirklich ohne Mehrwertsteuer einkaufen. Zudem ist für uns ein Netzwerk weggefallen. Denn wenn man Langstreckenflüge anbietet, bekommt man auch entsprechende Zubringerflüge. Dazu kommt, dass wir vorher rund zwei Millionen Euro in unsere Infrastruktur investiert haben, um diese Flüge qualitätsvoll anbieten zu können.

Wie stehen die Chancen, dass Sie neue Langstreckenrouten gewinnen?
Wir haben einen Vorteil gegenüber den größeren und volleren Flughäfen Frankfurt und Düsseldorf: Wir können kurze Wege bieten. 99 Prozent unserer Passagiere kommen in 10 Minuten oder weniger durch die Sicherheitskontrollen. Zudem gibt es neue Flugzeugtypen, die für unseren Markt ideal sind. Die Boeing 737 Max kann bereits transatlantisch fliegen und den Airbus A321 Neo gibt es in den Varianten LR und XLR. Damit können Airlines lange Strecken fliegen, bei denen der Markt aber nicht groß genug ist, um einen Boeing 777 oder einen Airbus A350 zu füllen.

Wo rechnen Sie sie sich Chancen aus, bei klassischen Ferienlangstrecken wie der Dominikanischen Republik oder eher bei Zielen wie Nordamerika oder Asien?
Direkte Möglichkeiten, die wir zurzeit besprechen, liegen in Nordamerika. Und wenn man Nordamerika sagt, ist New York immer das erste und größte Ziel, das alle anbieten wollen. Der Nahe Osten ist auch eine Möglichkeit.

Gibt es konkrete Verhandlungen?
Es gibt konkrete Gespräche. Mehr kann ich noch nicht sagen.

Das wird ein ganz schwieriges Jahr.

Und was ist mit den Ferienstrecken?
In dem Bereich glaube ich, dass vielleicht eine ausländische Airline nach Köln und zurück fliegen könnte, eventuell ohne hier sofort ein Flugzeug zu stationieren.

Im Herbst haben Sie für das vergangene Jahr 20 Millionen Euro Verlust prognostiziert. Bewahrheitet sich das?
Ja, in etwa. Davon entfallen 10 Millionen Euro auf Abfindungen und Altersteilzeit für etwa hundert Mitarbeiter. Der Rest liegt am Weggang von Eurowings auf der Langstrecke sowie von Norwegian und Condor. Die offiziellen Zahlen erwarten wir allerdings erst im Juni.

Und wie wird 2020?
Eigentlich planen wir einen kleinen Gewinn ein. Aber je nachdem, wie es mit Coronavirus, Boeing 737 Max und solchen Dingen weitergeht, könnte es sein, dass wir kämpfen müssen, um wieder in die Gewinnzone zu kommen. Das wird ein ganz schwieriges Jahr.

Förderung für Fluggesellschaften wird deutlich reduziert.

Und darüber hinaus?
Bis 2030 müssen wir ein viel besseres Ergebnis erreichen, um unseren normalen Betrieb instandzuhalten. Wir haben ein umfangreiches Ergebnisverbesserungsprogramm gestartet. Wir sprechen viel mit unseren Kunden und führen auch harte Verhandlungen. All das trägt erste Früchte.

Mit wem genau sprechen Sie?
Grundsätzlich mit allen. Es geht zum Beispiel um die Vermietung von Gebäuden oder Grundstücken. In der Vergangenheit gab es Angebote, um Kunden anzulocken. Aber das können wir uns nicht mehr leisten. Wir wissen auch, was heute am Markt bezahlt wird und wir müssen Gewinne machen, um unsere Infrastruktur instandzuhalten.

Wie sieht es in der Hinsicht bei den Fluggesellschaften aus?
In diesem Jahr tritt eine neue Entgeltregelung mit einem neuen Fördersystem für Fluggesellschaften in Kraft, wodurch die Förderung künftig deutlich reduziert wird.

Ist das nicht auch ein Risiko?
Natürlich stehen wir im Wettbewerb, aber Köln ist auch ein attraktiver Standort.

Früher hatte jeder Geschäftsführer einen eigenen Flur mit einem großen Büro und Besprechungsraum.

Sie verhandeln auch mit ihren Bodenverkehrsdiensten.
Der Flughafen ist eine GmbH in öffentlicher Hand und die Bodenverkehrsdienste sind eine Abteilung davon. Eine Abteilung, die 50 Millionen Euro Umsatz macht und etwa 20 Millionen Euro Verlust. Das geht nicht. Daher führen wir harte Verhandlungen mit Gewerkschaften und Betriebsrat.

Und was tun Sie in der Unternehmensführung selber für ein besseres Ergebnis?
Wir stellen das Unternehmen Schritt für Schritt schlanker auf, in allen Bereichen, auch in der Chefetage. Früher hatte zum Beispiel jeder der beiden Geschäftsführer einen eigenen Flur mit einem großen Büro und Besprechungsraum. Dazu Sekretärin, Referentin und Fahrer. Jetzt sitzen mein Co-Geschäftsführer Torsten Schrank und ich zusammen in einem Büro. Wir haben gemeinsam auch nur noch eine Sekretärin.

Sie sind nach Frankfurt und Leipzig Deutschlands drittgrößer Frachtflughafen. Wie sehen da die Perspektiven aus?
Schon seit Anfang 2019 gibt es bei der Fracht kein Wachstum mehr aufgrund der wirtschaftlichen Lage. Das ist auch weltweit so. Und diese Jahr geht es so weiter. Wir haben für 2020 zwar ein kleines Wachstum von einem Prozent eingeplant. Aber schon im Januar haben wir die Folgen des Coronavirus gespürt. Es ist allerdings ein Vorteil für uns, dass wir mit UPS, DHL, Fedex große Expressfracht-Kunden haben, die vom weltweiten Wachstum des E-Commerce profitieren. Das stimmt uns positiv für die Zukunft.

Sie haben Mal gesagt, Sie würden gerne einen Fahrradweg zum Flughafen bauen. Haben Sie schon angefangen?
Nein, wir bauen noch nicht. Aber der Radweg ist in unserem Plan klar vorgesehen.

*Johan Vanneste ist seit Mai 2018 Vorsitzender der Geschäftsführung des Flughafens Köln/Bonn. Zuvor war der heute 59-jährige Belgier unter anderem Chef des Flughafens Luxemburg sowie für Brussels Airlines, VLM Airlines und TNT Airways tätig.



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