Cockpit: Wei werden Zensuren verteilt?

Fragen Sie den PilotenWie die Leistung von Kopiloten beurteilt wird

Wird der Kopilot nach einem Flug vom Kapitän beurteilt und wo wird dies festgehalten? Dies fragt Leser Heinz Gut. Ein Linienpilot antwortet.

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Für meine Airline kann ich das für einen 0815-Linienflug verneinen. Allerdings gibt es eine geringe Anzahl von Flügen, bei denen offizielle Beurteilungen erforderlich sind. Bei Flügen im Flugzeug - also nicht im Simulator - sind Beurteilungen notwendig im Zusammenhang mit Ausbildungen. Beispielsweise Flüge, bei denen ein Kolleg zum Kopilot, oder vom Kopilot zum Kapitän ausgebildet wird.

Hier tritt der von Ihnen nachgefragte Fall ganz klassisch auf: der Trainingskapitän beurteilt die Leistungen des auszubildenden Kopiloten. Es zählen nicht nur technisch mathematisch messbare Merkmale wie Genauigkeit von Manövern, Verfahrenstreue und Kenntnisstand über das Flugzeug. Es werden auch zwischenmenschliche Merkmale beurteilt wie Arbeitsatmosphäre im Cockpit, Umgang mit Crew und Passagieren oder Persönlichkeitsmerkmale wie Umgang mit Stress, Überforderung oder Zeitdruck.

Lernfortschritt wird dokumentiert

Alle diese vom Luftfahrtbundesamt auf vielen Seiten vorgeschriebenen Kriterien werden schriftlich fixiert, vom Lehrer und Schüler besprochen und unterschrieben. Dann wird das der Trainingsabteilung der Airline übergeben. So wird der Lernfortschritt und das Erreichen der Lernziele und Fähigkeiten dokumentiert.

Genauso verhält es sich bei Flügen zur Ausbildung zum Kapitän. Dort nimmt bis kurz vor Ende der Ausbildung ein Trainingskapitän die Rolle des Kopiloten ein und beurteilt die Leistungen des angehenden Kapitäns.

Mehrere Umläufe mit unterschiedlichen Ausbildern

Bei den Beurteilungen wird in der Regel auch nicht nur ein einziger Flug als Grundlage herangezogen, sondern ganze Umläufe über mehrere Tage, auf denen der Trainer einen Auszubildenden Kollegen über vielen Stunden kennenlernen und mehrere Starts und Landungen zusammen durchführen konnte. Und eine komplette Ausbildung setzt sich wiederum aus mehreren Umläufe mit unterschiedlichen Ausbildern zusammen, dessen Beurteilungen alle in der fliegerischen Akte zusammengeführt werden.

Zu den beurteilten Flügen gehören auch die sogenannten Linechecks im Linienbetrieb, bei denen ein Kapitän und ein Kopilot n Standard-Crewzusammensetzung ihrer Arbeit nachgehen, und durch einen weiteren Trainingskapitän beurteilt werden. Hier fliegt beim jährlichen Linecheck der Trainingskapitän als weiteres Crewmitglied und stiller Beobachter mit, und ist nicht Teil der eigentlichen Crew. Diese Beurteilung hat eher den Charakter einer Qualitätskontrolle zur Verfahrenstreue der Airlinevorschriften, weniger der Messung des Erfolges bei der Vermittlung von Fachwissen.

Gute Ratschläge «unter der Hand»

Beurteilung gibt aber auch «unter der Hand». Viele Korrekturen persönlicher Eigenarten passieren abseits des Beurteilungssystem des Luftfahrtbundesamtes. Zu Beginn eines Umlaufes - quasi als Eisbrecher zwischen zwei Fremden im Cockpit - sagt der Kapitän neben den offiziellen Briefings ein paar persönliche Worte zu seinen Vorstellungen der Zusammenarbeit in der Crew. Und die meisten Kapitäne fordern Ihre Crewmitglieder auf, bitte ungeschönte Kritik zu üben, falls man sich irgendeine Marotte oder Unart angewöhnt hätte - oder auch eine fachliche Auslegung einer Vorschrift anders handhabt als der Rest der Belegschaft.

Dieser Aufforderung des Kapitäns, gerne Kritik zu üben, schließen sich Copilot sowie Purser häufig an. Und regelmäßig bekommt man so abseits der offiziellen Beurteilungen gute Ratschläge, was man besser lassen oder anders machen sollte. Wenn unabhängig verschiedene Kollegen die gleichen Empfehlungen aussprechen, dann ist meistens nicht die ganze Welt verrückt, sondern man sollte über die Korrektur eigener Vorgehensweisen nachdenken. Dieses selbstregulierendes System funktioniert erstaunlich gut.

Brisante Inhalte wecken Begehrlichkeiten

Leider sehen wir zum Thema Beurteilungen seit einiger Zeit in verschiedenen Flugbetrieben auch zweifelhafte Stilblüten, die ein großer Teil der Crews nicht gutheißen. So wird von Kabinenbesatzungen seit einiger Zeit gefordert, zufallsgeneriert andere Crewmitglieder der Kabinenbesatzung im Alltag zu beurteilen, und zwar digital in einer Firmen-App. Diese Daten speichert der Arbeitgeber.

Sicher werden Rechtsabteilung, Datenschutzbeauftragte und Personalvertreter eine legale Vorgehensweise verhandelt haben. Aber jeder weiß - Daten mit solch brisanten Inhalten wecken Begehrlichkeiten. Und der Tag wird kommen, wo diese Daten eingesetzt werden - durch wen und zu welchem Zweck auch immer.

Was Sie schon immer übers Fliegen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Ein Pilot einer großen europäischen Fluglinie beantwortet exklusiv für aeroTELEGRAPH die Fragen der Leser. Er bleibt dabei anonym, um unabhängig antworten zu können.  Schicken Sie uns einfach eine E-Mail an pilot@aerotelegraph.com.  Unter den eingesandten Fragen werden die spannendsten jeweils auf aeroTELEGRAPH beantwortet. Dabei wird der Name des Einsenders veröffentlicht. Ein Recht auf Beantwortung besteht nicht. Es gelten die AGB von aeroTELEGRAPH.

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