Daniel Harding: Er dirigierte auch schon im Hangar.

Pilot und Dirigent Daniel Harding Der Mann, der bei Air France Airbus A320 fliegt und ein Spitzenorchester dirigiert

Daniel Harding führt ein Leben zwischen Cockpit und Konzertsaal. Der Kopilot von Air France ist auch ein international gefeierter Dirigent. Nun wird er neuer Direktor der Los Angeles Philharmonic – und will trotzdem weiter fliegen.

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Ein Hobby neben dem Beruf - das haben viele Menschen. Doch zwei vollwertige und anspruchsvolle Karrieren? Das ist schon etwas anderes. Daniel Harding führt genau so ein Leben. Der Brite ist Kopilot bei Air France und fliegt in einem Airbus A320 Passagiere. Und er ist Dirigent, und zwar nicht irgendeiner. Harding wird ab 2027 neuer Musikdirektor der Los Angeles Philharmonic und damit Nachfolger des venezolanischen Stardirigenten Gustavo Dudamel.

Für die Musikwelt ist Harding längst eine feste Größe. Bereits als Jugendlicher galt er als Ausnahmetalent. Der in Oxford geborene Brite besuchte die renommierte Chetham's School of Music in Manchester und fiel schon früh dem späteren Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, auf. Der hatte von Hardings Talent erfahren und lud ihn nach Birmingham ein. Wenig später arbeitete der Teenager bereits als Assistent an seiner Seite.

Erst Dirigent, dann Pilot bei Air France

Sein Aufstieg verlief rasant. Mit nur 19 Jahren wurde Harding Assistent von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Mit 21 Jahren dirigierte er das berühmte Orchester erstmals selbst. Es folgten Engagements bei einigen der bedeutendsten Klangkörper Europas. Er leitete das Orchestre de Paris, stand an der Spitze der Schwedischen Radiosinfoniker, prägte die Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom und war über Jahre Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra. 2010 gewann er einen Grammy für eine Aufnahme von Benjamin Brittens Oper Billy Budd.

Daniel Harding

Doch irgendwann stellte sich für Harding die Frage, ob das Leben ausschließlich aus Konzertsälen, Hotels und Proben bestehen sollte. «Nur weil man etwas liebt, heißt das nicht, dass man es 24 Stunden am Tag machen muss», sagte er vergangenes Jahr der Zeitung New York Times. Kurz vor seinem 40. Geburtstag entschied er sich deshalb für ein ungewöhnliches Projekt: Er wollte Pilot werden.

Mit 40 Pilotenlizenz erworben

Die Begeisterung für die Fliegerei begleitet ihn schon seit seiner Kindheit. Bereits als Junge verbrachte er Stunden seiner Freizeit mit Flugsimulatoren. Später durfte er bei einem Musiker eines Orchesters erstmals in einem Kleinflugzeug mitfliegen. Das Erlebnis habe ihn nie mehr losgelassen, erzählte Harding der Zeitung. Also begann er 2014 neben seiner Musikkarriere eine Ausbildung in Südfrankreich. In den Pausen zwischen Konzerten lernte er Aerodynamik, Luftrecht und Navigation. Zu Hause installierte er sogar einen professionellen Flugsimulator im Keller.

Nach Jahren der Ausbildung erwarb er Privat- und Berufspilotenlizenz sowie die Musterberechtigung für den Airbus A320. Um bei Air France angenommen zu werden, musste Harding dieselben Auswahlverfahren, psychologischen Tests und Prüfungen durchlaufen wie alle anderen Bewerberinnen und Bewerber. Seit 2021 fliegt er für die französische Fluggesellschaft. Heute verbringt er rund eine Woche pro Monat im Cockpit und steuert A320 innerhalb Europas und nach Nordafrika.

Harding flog sein eigenes Orchester zum Konzert

Dabei begegnen sich seine beiden Welten manchmal auch. Vergangenes Jahr flog Harding sogar sein eigenes Orchester von Rom nach Paris zu einer Tournee. Über die Lautsprecher begrüßte er die Musiker nicht nur als Pilot, sondern erinnerte sie gleichzeitig daran, dass die Probe am Abend um 18 Uhr beginne. Im Cockpit saßen während des Anflugs Konzertmeister und Assistent, um die Landung mitzuerleben. Die Musiker applaudierten nach der Ankunft.

Für Harding unterscheiden sich Fliegerei und Musik dabei grundlegend. «In der Luftfahrt versuchen wir, jede Gefahr frühzeitig zu erkennen und möglichst weit von ihr entfernt zu bleiben», erklärte er. «In der Musik ist es genau umgekehrt. Dort versuchen wir, der Katastrophe so nahe wie möglich zu kommen.» Gleichzeitig sieht er aber auch Parallelen. Beide Berufe verlangten Teamarbeit, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, in entscheidenden Momenten Ruhe auszustrahlen.

Höhepunkt der Dirigentenkarriere

Sein früherer Mentor Simon Rattle ist überzeugt, dass die Arbeit als Pilot Harding sogar verändert hat. Das Fliegen habe ihm eine neue Balance gegeben und ihn zu einem ruhigeren Menschen gemacht. Auch Musiker beschreiben ihn heute als flexibler und offener als in seinen frühen Jahren, als er gelegentlich als distanziert und streng wahrgenommen wurde.

Mit der Ernennung zum Musikdirektor der Los Angeles Philharmonic erreicht Harding nun einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Das Orchester gehört zu den innovativsten und angesehensten Klangkörpern der Welt. Creative Director Esa-Pekka Salonen bezeichnete ihn als einen der bedeutendsten Dirigenten seiner Generation. Harding selbst sprach von der besonderen Ausstrahlung des Orchesters und davon, dass Los Angeles Künstlern Möglichkeiten biete, die es anderswo nicht gebe.

Harding wird auch weiter für Air France fliegen

Eines wird sich allerdings auch in Kalifornien nicht ändern. Während andere Stardirigenten ihre Freizeit vielleicht auf dem Golfplatz oder am Strand verbringen, wird Daniel Harding weiterhin regelmäßig Uniform statt Frack tragen. Auch als künftiger Chef eines der berühmtesten Orchester der Welt will er weiter für Air France fliegen.

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