Es sind gigantische Summen: Lufthansa Group schätzt ihre Treibstoffkosten für 2026 auf 8,9 Milliarden Euro. Aufgrund des Iran-Krieges und des dadurch deutlich gestiegenen Kerosinpreises sind das 1,7 Milliarden Euro mehr, als der Konzern bisher erwartet hatte, wie Finanzchef Till Streichert am Mittwoch (6. Mai) in einem Pressegespräch erklärte.
Dass die Kosten nicht noch weiter in die Höhe schießen, liegt am sogenannten Fuel Hedging: Für 2026 sind laut Streichert 83 Prozent der Treibstoffkäufe der Passagier-Airlines abgesichert, für 2027 aktuell bereits 36 Prozent. «Derzeit sehen wir keine Engpässe in der physischen Versorgung», sagte Streichert mit Blick auf den Treibstoff. «Bis einschließlich Juni gehen wir davon aus, dass die Versorgung insbesondere an unseren Hubs vollständig gesichert ist.» Die Prognosen seien stets für rund sechs Wochen im Voraus verlässlich.
Alternative: Zwischenbetankung auf ausgewählten Strecken
«Gleichwohl bereiten wir uns derzeit auf alternative Szenarien vor, falls ich dies ändern sollte», sagte der Finanzchef. «Mögliche Maßnahmen könnten beispielsweise auch die Zwischenbetankung auf ausgewählten Strecken nach Asien oder Afrika umfassen.»
Konzernchef Carsten Spohr nannte zudem drei Forderungen an die EU. «Erstens brauchen wir die Zulassung des Imports des Jet-A-Treibstoffs, der an US-Flughäfen verwendet wird, denn dieser Import aus den USA gäbe uns einen wichtigen Hebel zu Vermeidung von Knappheiten», so Spohr. Derzeit müsse aus den USA importiertes Jet A in Europa «nochmal in einen Raffinerieprozess» gegeben werden, so Spohr, um daraus das in Europa übliche Jet A-1 zu machen. Der Unterschied, dass Jet A-1 später gefriere, sei im Sommerhalbjahr eh nicht von Bedeutung, sagte der Manager. Er habe erst am Vortag von der europäischen Luftfahrtbehörde Easa einen Hinweis bekommen, dass diese keine Einwände habe.
Lufthansa will Treibstoff für Rückflug mitnehmen dürfen
«Zweitens sollte die Slotregulierung an Flughäfen ausgesetzt werden, damit wir nicht aufgrund von teuererem oder fehlendem Treibstoff Slots verlieren», sagte der Lufthansa-Group-Chef mit Blick auf die Zeitnischen für Starts und Landungen. Aktuell brauche es diese Aussetzung noch nicht. Doch da die Umsetzung Zeit benötige, sei jetzt eine Entscheidung aber wichtig, wie das Vereinigte Königreich sie bereits kürzlich getroffen habe.
«Drittens müssen wir zumindest temporär die europäischen Anti-Tankering-Reglungen aussetzen, die es uns zurzeit nicht erlaubt, bei potenziellen Treibstoffknappheiten an einzelnen Flughäfen in Europa den Treibstoff für den Rückflug mitzunehmen», so Spohr.
«25 Prozent des Kerosins bisher aus der Golfregion»
Der Konzernchef erklärte zur Treibstofflage: «Ungefähr 25 Prozent des Kerosins, das wir derzeit in Europa verbrauchen, kam bisher aus der Golfregion und das fehlt jetzt zunächst.» Die Hälfte dieser fehlenden 25 Prozent werde aktuell ersetzt durch zusätzliche Importe, allen voran aus den USA und Nigeria, sowie eine leichten Produktionssteigerung europäischer Raffinerien. Die andere Hälfte werde derzeit noch aus Lagerbeständen kompensiert, Ziel sei jedoch, dass der Anteil dieser Nutzung der Lagerbestände immer weiter sinke.
Lufthansa Group hält unter diesen Vorzeichen weiter an ihrem Ziel fest, ihr Ergebnis vor Zinsen und Ertragsteuern 2026 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 10 Prozent zu steigern, wie Finanzchef Streichert sagte. Zwar hätten die gestiegenen Treibstoffpreise und die Streikkosten im ersten Quartal die eingeplanten Puffer weitgehend aufgebraucht, jedoch seien auch die Einnahmen gestiegen - besonders durch hohe Nachfrage auf Asien- und Afrika-Routen, höhere Preise und höhere Auslastung, gerade in den Premiumklassen.
Steigende Erlöse sollen Treibstoffkosten vergessen machen
Fürs zweite Quartal erwarte man «60 Prozent Kompensation der Treibstoff-Mehrkosten durch Mehrerlöse, im dritten und vierten Quartal deutlich über 100 Prozent, wenn Nachfrage anhält», sagte Streichert. Natürlich werde sich vieles erst in den kommenden Monaten zeigen, aber aktuell gelte: «Die Buchungseingänge stützen das.»
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