Tina Mourikis bei der Arbeit: Ihr letzter Flug als Flugbegleiterin für Lufthansa liegt nun hinter ihr.

Eine Flugbegleiterin geht in RenteFrau Mourikis wagt den Absprung

37 Jahre lang arbeitete Tina Mourikis als Flugbegleiterin. Sie hat dabei nicht nur viele Gäste betreut, sondern sogar Ehen gerettet. Warum sie trotzdem aufhört, versteht man erst, wenn man sie begleitet.

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Tina Mourikis musste vor einigen Jahren für ein paar Tage und Nächte ins Krankenhaus – ein Ort, an dem sich niemand wirklich wohl fühlt. Sie hatte Glück: «Ich hatte eine wunderbare Krankenschwester, die mir alle Angst und das Unbehagen nehmen konnte», erinnert sie sich. Die beiden kamen ins Gespräch und Mourikis erzählte von ihrer Arbeit als Flugbegleiterin bei Lufthansa. Und Marie – so heißt die nette Krankenschwester – gab zu, dass das eigentlich ihr Traumberuf ist. «Hast Du ein Handy mit Internet?», sagte Mourikis da. Hatte Marie. Also meldete die Patientin ihre Krankenschwester für den Bewerbungsprozess bei Lufthansa an – erfolgreich. Marie wurde Flugbegleiterin.

Ein schöner Zufall. Doch für Mourikis ist die Geschichte noch aus einem anderen Grund so wichtig: Sie zeigt, worauf es in ihrem Beruf ankommt «Marie hatte als Krankenschwester Eigenschaften, die man auch an Bord sehr oft braucht.» Sie habe Wärme ausgestrahlt, sei in der Lage, anderen die Angst zu nehmen und habe ein Gespür dafür, wie man mit wem reden muss - und kann. Mourikis muss es wissen. Sie selbst ist ausgebildete Krankenpflegerin. Und 37 Jahre lang flog sie als Flugbegleiterin durch die Welt, zunächst mit Condor, aber die meiste Zeit – 33 Jahre lang – für Lufthansa. Zuletzt diente sie in der First Class.

Teil des Lebens

Damit ist es nun vorbei. Die großgewachsene, elegante, blonde Frau hat sich entschieden, das Fliegen aufzugeben – zumindest beruflich. «Ich hätte ewig weitermachen können», gibt sie zu. Das Fliegen sei mehr als ihr Job, sei ein Teil ihres Lebens und zwar ein wichtiger. «Aber wenn ich jetzt den Absprung nicht schaffe, dann verliere ich mich vielleicht.»

Wenn ich jetzt den Absprung nicht schaffe, dann verliere ich mich vielleicht.

Was sie damit meint, wird klar, wenn man sie und ihre Kolleginnen während eines «Umlaufs» beobachtet – es ist Mourikis’ letzter und er führt von Frankfurt nach Hongkong und zurück. Sie hat sich für den Flug etwas Besonderes gewünscht: Ein Flugzeug, das ausschließlich von Frauen geflogen wird. Mit dabei ist ihre enge Freundin Rena Achten. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen bei Condor – auch Achten war früher Flugbegleiterin. Sie entschied sich dann aber fürs Cockpit. Aus den Augen verloren haben sich die beiden Freundinnen nie. Inzwischen ist sie bei Lufthansa Kapitänin auf dem Airbus A380. Mit einem Superjumbo geht es auch nach Hongkong.

Die Crew in Hong Kong: Alle sind im professionellen Modus. Bild: Jonas Meister

Angekommen, lädt Mourikis die ganze Lufthansa-Crew auf einen Drink ein. Die Gespräche verlaufen locker, oft privat, unter der Crew herrscht eine Nähe, die nicht zu leugnen ist. Die nächsten etwas mehr als 48 Stunden erinnern ein bisschen an frühere Klassenfahrten: Es bilden sich einige kleine Grüppchen, aber irgendwie gehört alle eben doch zusammen.

Das Fliegen wird sie vermissen

Tina Mourikis (hinten, 3.v.r) mit ihren Kolleginnen aus Kabine und Cockpit auf dem Peak in Hongkong. Bild: Jonas Meister)

«Und doch habe ich die meisten hier beim Hinflug zum ersten Mal gesehen», so Mourikis. Und das zeige, wo die Gefahr liegt, wenn man den Absprung eben nicht schafft: «Wir leben in einer Art Parallelwelt. Man lernt sich so schnell kennen, verliert sich aber meistens auch genauso schnell wieder aus den Augen. Und am Ende ist man dann vielleicht einsam, und weiß nicht, was man mit sich anfangen soll. Den Punkt will ich nicht erreichen.»

Dennoch wird sie das Fliegen vermissen. Nach der Landung in Frankfurt kann Mourikis die Tränen nicht mehr zurückhalten. Irgendwie wird ihr erst jetzt so richtig klar, dass ihre Zeit als Flugbegleiterin vorbei ist. Und dann auch noch diese emotionale Rede, die ihre Freundin Rena Achten vorbereitet hat. Mourikis wischt die Tränen verschämt weg. Als Flugbegleiterin hat sie ihre Emotionen im Griff und noch läuft bei ihr der Arbeitsmodus. Der fährt langsam runter, als es dann zur Ruhestandsfeier noch Champagner gibt – gemischt mit Orangensaft, schließlich ist es fünf Uhr morgens.

Rena Achten (Links) hat eine Rede für Ihre Freundin vorbereitet. Bild: Jonas Meister

Heute dauert alles etwas länger

Und dann muss Mourikis aussteigen, die Reinigungscrew sammelt bereits den Müll ein und bereitet den A380 für den nächsten Umlauf vor. Der Fahrer des Crewbusses wartet geduldig darauf, die Mitarbeiter zum Terminal zu bringen. Alle haben Verständnis, dass heute alles etwas länger dauert.

Was sie jetzt vorhat? «Sicher nicht herumsitzen!», sagt Mourikis. «Ich würde mir wünschen, dass ich all das Wissen, das ich über die Jahre angereichert habe, irgendwie weiter geben kann. Vielleicht will ich ein Buch schreiben», sagt sie und schmunzelt. Da gebe es auch sicher noch die eine oder andere Episode, die viele Leute interessieren würde. Etwa die, die damit endet, dass Mourikis bei einer Ostermesse auf einem Berg in Eritrea mit einem uralten Mann griechisch redet und ihn damit zu Tränen rührt. Wie es dazu kam, soll geheim bleiben. Noch, zumindest. «Aber eins sag ich jetzt», fügt die Düsseldorferin in ihrem ruhigen, rheinischen Singsang an. «Solche Sachen passieren wirklich nur Leuten wie uns. Leuten, die fliegen.»

Das Image hat gelitten

Eines beschäftigt Mourikis aber. «Ich habe das Gefühl, das Image unseres Berufs hat in den letzten Jahren etwas gelitten.» Nur wenige Leute würden erkennen, was für eine Verantwortung auf den Schultern der Männer und Frauen in der Kabine lastet. «Und wie hart wir arbeiten – auch wenn es eben manchmal vielleicht gar nicht so aussieht.»

Ich hoffe, dass ich jungen Kolleginnen und Kollegen helfen kann.

Immerhin kann nicht jeder von sich sagen, dass er schon Vorständen von Großkonzernen die Flugangst genommen hat – oder sogar ihre Ehe rettete, weil sie mal jemanden zum Reden brauchten – und all das, während man auch noch für die Sicherheit Hunderter Passagiere verantwortlich ist. «Ich hoffe, dass ich jungen Kolleginnen und Kollegen helfen kann, zu lernen, solche Situationen auch zu meistern», sagt sie.

Langweilig wird es Mourikis aber so oder so nicht werden. Sie hat sogar schon die ersten Aufgaben vor sich. Ihre Ex-Krankenschwester Marie fängt nämlich 2018 nach vier Jahren Babypause wieder an, für Lufthansa zu fliegen. «Da habe ich ihr versprochen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, und natürlich, wenn es eng wird, auf die Kinder aufzupassen.»

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