Dass beide Triebwerke ausfallen, ist eine absolute Seltenheit.

Wie weit man ohne Triebwerk kommt

«Wenn beim Anflug alle Triebwerke versagen, wie weit kann ein Jet noch gleiten?», fragt H. Koller. Ein Linienpilot antwortet.

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Wenn beim Landeanflug sämtliche Triebwerke versagen, dann herrscht doch etwas Stress an Bord. Das Flugzeug könnte noch kurz gleiten. Aber die Geschwindigkeit ist beim Landeanflug so gering, dass ohne Leistung schon bald der Strömungsabriss an den Flügeln erfolgt. Man müsste die Flugzeugnase nach unten drücken, um die Geschwindigkeit - also die Strömung - zu halten. Aber mit einer geringen Höhe (etwa 2000 Fuß beziehungsweise 600 Metern) wäre man dann viel zu früh am Boden. Eigentlich ist das ein Szenario, an das man lieber nicht denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas geschieht, ist aber auch extrem klein. Machen Sie sich also keine Sorgen.

Aber das Gedankenexperiment ist interessant. Ein sogenannter Double Engine Failure wird in der Ausbildung zum Linienpiloten nur begrenzt geübt. Auch in den halbjährlichen Simulator-Checks kommt dieses Szenario kaum vor. Wenn es dann doch mal passiert, dann von einer großen Höhe aus (also nicht im Landeanflug). Aus dieser haben wir Zeit, die Gleitgeschwindigkeit einzunehmen und mindestens ein Triebwerk wieder zu starten. Eine Landung im Gleitflug wird nicht erprobt. Hingegen wird der Single Engine Failure, also das Versagen von einem Triebwerk, in verschiedensten Situationen im Simulator durchgespielt. Ein solches Ereignis sollten wir Piloten daher gut meistern können.

Kleine Wahrscheinlichkeit

Dass wirklich beide Triebwerke im ungünstigsten Moment, also im Landeanflug oder in der Startphase total ausfallen ist zwar möglich, aber extrem unwahrscheinlich. Schon eher ist möglich, dass beide Triebwerke (etwa durch Vogelschlag) etwas beschädigt sind und stark vibrieren. Damit geben sie aber immer noch Leistung. Es kann auch passieren, dass ein Triebwerk einige Momente lang Feuer spuckt (engine surge), sich dann aber wieder erholt und Leistung bringt. Oder dass nur ein Triebwerk völlig ausfällt, das andere aber noch voll funktioniert. Irgendwoher kommt in den meisten Fällen noch Leistung.

Unsere Passagierflugzeuge sind trotz ihres Gewichts in der Lage zu segeln. Aber sie brauchen Höhe - potenzielle Energie, welche in Geschwindigkeit umgewandelt werden kann. Mit der richtigen Geschwindigkeit kann ein Airbus A320 pro 1000 Fuß Höhenverlust (330 Meter) um die 2.5 nautischen Meilen (4,6 Kilometer) segeln. Bei einem Double Engine Failure auf 33’000 Fuß kann also noch 153 Kilometer weit gesegelt werden. Dieser Gleitlflug würde gute 20 Minuten dauern - 20 Minuten ohne jegliches Triebwerksgeräusch.

Sullenbergers Gleitflug

Einer der seltenen Fälle eines Double Engine Failure wurde auch zu einem der spektakulärsten Zwischenfälle der letzten Jahre: Chesley Sullenbergers Notwasserung auf dem New Yorker Hudson River im Jahr 2009. Sullenberger fielen bei seinem Airbus A320 bei 3000 Fuß beide Triebwerke aus. Dies würde anhand der Faustregel eine mögliche Gleit-Distanz von 7,5 Nautischen Meilen, also 14 Kilometern geben. Und soweit ist Sullenberger auch etwa geflogen bis er im Hudson River landete. Nun hatte Sullenberger im Steigflug bereits eine gute Geschwindigkeit und das Fahrwerk und die Landeklappen eingefahren. Im Landeanflug sieht das anders aus. Auf 3000 Fuß sind wir etwa 18 Kilometer von der Piste entfernt. Das Fahrwerk und die Landeklappen sind voll ausgefahren – dies bedeutet Widerstand. Die Geschwindigkeit ist sehr tief. Und die Triebwerke laufen auf etwa 55 Prozent Leistung, um diese Geschwindigkeit zu halten. Wenn nun ein Double Engine Failure eintritt, haben wir zu viel Widerstand. Die möglichen 14 Kilometer Gleitflug schaffen wir nicht. Ein kurzer Gleitflug wäre wohl noch möglich, aber dann müssten wir einige Kilometer vor der Piste notlanden.

Glücklicherweise sind unsere Triebwerke auch im Landeanflug sehr zuverlässig. Und wie gesagt: Ein Single Engine Failure wäre kein Problem. Und auch bei einem doppelten Vogelschlag bleibt noch etwas Leistung übrig. Dass im Landeanflug beide Triebwerke auf einmal komplett ausfallen ist sehr, sehr unwahrscheinlich. Um es plakativ auszudrücken: Viel eher verschlucken Sie sich an Bord an einer Erdnuss und ersticken, als dass beide Motoren ausfallen.

[image2]Was Sie schon immer übers Fliegen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Ein Pilot einer großen Fluglinie beantwortet exklusiv für aeroTELEGRAPH die Fragen der Leser. Er bleibt dabei anonym, um unabhängig antworten zu können. Schicken Sie uns einfach eine E-Mail an redaktion@aerotelegraph.com. Jede Woche wird eine der eingesandten Fragen beantwortet.

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