Wie bewerten Sie die Entscheidung der Nato, Verhandlungen mit Saab über den Kauf von zehn GlobalEye-Frühwarnsystemen als Nachfolger der alternden Boeing E-3 Sentry aufzunehmen?
Christoph Bergs*: Mit der Entscheidung, die Beschaffung des Saab GlobalEye voranzutreiben, schafft die Nato Klarheit über die Zukunft ihrer luftgestützten Frühwarnfähigkeiten AEW. Nun können formelle Verhandlungen über den Ersatz der seit 1982 eingesetzten Boeing-E-3-Sentry-Flotte beginnen. Die Wahl des GlobalEye überrascht nicht, da es nur wenige ernsthafte Alternativen gibt und viele europäische Nato-Mitglieder zunehmend europäische Beschaffungslösungen bevorzugen. Die bisherige Unentschlossenheit der USA hinsichtlich der Beschaffung der Boeing E-7 Wedgetail machte eine Auswahl dieses Flugzeugs von Anfang an eher unwahrscheinlich.
Der Weg Pro-Saab GlobalEye war aber kein Direktflug?
Dies ist richtig. Bemerkenswert ist, dass sich die Staaten, die nun über das GlobalEye verhandeln, von den bisherigen 17 Mitgliedern des Nato-Awacs-Verbundes unterscheiden. Dies könnte den Auftakt für eine Neuordnung der Nato-Awacs-Partnerschaft bilden. Sowohl Großbritannien als auch die Türkei, die unterschiedliche Versionen der E-7 betreiben, sind derzeit nicht Teil des Beschaffungsprozesses – was darauf hindeutet, dass sie eine Entscheidung zugunsten der E-7 bevorzugt hätten.
Die Nato erstreckt sich von der Ostsee bis zum Mittelmeer und vom Atlantik bis zur pazifischen Westküste der USA und Kanadas. Spiegelt sich dieser enorme geografische Raum auch im zukünftigen Frühwarn-Puzzle wieder?
Ja, auffällig ist zudem, dass sich die meisten Befürworter des GlobalEye in Nord- und Mitteleuropa befinden, während Italien, Portugal und Spanien fehlen. Dies könnte darauf hindeuten, dass weitere Gespräche folgen werden, da diese Länder wohl ein erhebliches Interesse an der Luftraumüberwachung über dem Mittelmeer haben. Gleichzeitig sind Kanada sowie zwei baltische Staaten nun formell dem Programm beigetreten, nachdem sie zuvor lediglich Personal zur E-3A-Flotte in Geilenkirchen entsandt hatten.
Christoph Bergs ist Experte für Luftstreitkräfte. King's College
Stichwort Geilenkirchen. Was bedeutet die Entscheidung für den deutschen Nato-Luftwaffenstützpunkt im Grenzgebiet zu den Niederlanden als Haupteinsatzflugplatz des Nato-E-3A-Verbandes und Hauptquartier des Nato Airborne Early Warning & Control Force Command?
Geilenkirchen ist ein bedeutender Nato-Luftwaffenstützpunkt, der den Betrieb großer Flugzeuge ermöglicht. Die dort stationierten Soldatinnen und Soldaten sowie das zivile Personal leisten einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag für diese Grenzregion in Nordrhein-Westfalen. Sollte Geilenkirchen auch künftig der Hauptstützpunkt der GlobalEye-Flotte werden, würde dies die langfristige Nutzung eines der wichtigsten Nato-Luftwaffenstützpunkte im Zentrum Europas sichern und zugleich die lokale Volkswirtschaft sowie die umliegenden Gemeinden unterstützen.
Welche Unternehmen und Industriezweige werden neben Saab von dem Zuschlag profitieren?
Neben Saab gehört der kanadische Flugzeughersteller Bombardier zu den größten Gewinnern. Dessen Businessjets der Baureihen 6000 und 6500 bilden die Plattform, auf der Saab das GlobalEye-System aufbaut.
Erwarten Sie weitere Differenzen innerhalb der NATO, nachdem die USA für amerikanische Frühwarnsysteme geworben hatten?
Es war allgemein bekannt, dass die Beschaffung einer modernen US-Plattform – insbesondere der Boeing E-7 Wedgetail – maßgeblich von der Entscheidung der USA selbst abhing, dieses Flugzeug einzuführen. Angesichts des wachsenden Interesses der Vereinigten Staaten, Aufgaben der luftgestützten Frühwarnung künftig teilweise auf weltraumgestützte Systeme zu verlagern, dürfte die Entscheidung der europäischen Nato-Verbündeten für Saab GlobalEye die US-Regierung nicht überraschen.
Wie wird der Nato-Schachzug eigentlich in Großbritannien aufgenommen?
Für das Vereinigte Königreich kommen die Unentschlossenheit der USA bei der E-7 Wedgetail und die Nato-Verhandlungen mit Saab über den GlobalEye zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Royal Air Force wird die Boeing E-7 Wedgetail einführen, deren Integration sich jedoch verzögert und aufgrund erheblicher Unterschiede zu früheren E-7-Versionen kostspielig ist.
Zwar sieht der britische Defence Investment Plan Mittel für die Wedgetail-Flotte vor. Hätte sich die Nato jedoch für die E-7 entschieden, wären zusätzliche Investitionen in diese Plattform geflossen, von denen Großbritannien voraussichtlich indirekt profitiert hätte.
Hieße die neue Frühwarnstrategie also: «Getrennt fliegen, vereint überwachen»?
Da sich sowohl Kanada als auch Norwegen für den GlobalEye entschieden haben, werden beide Länder ein großes Interesse daran haben, die luftgestützte Überwachung im Hohen Norden sicherzustellen. Dies könnte dazu führen, dass in der sogenannten GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich künftig zwei unterschiedliche Frühwarnplattformen parallel eingesetzt werden.
Dies sollte frühzeitig Überlegungen anstoßen, wie die Interoperabilität zwischen den verschiedenen luftgestützten Systemen gewährleistet und die Überwachungsmissionen koordiniert werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Sensortypen und Frequenzbänder könnten die Wedgetail-Maschinen der britischen Royal Air Force und die GlobalEye-Systeme jedoch auch als sich ergänzendes Sensornetzwerk im Hohen Norden eingesetzt werden.
*Christoph Bergs ist Research Analyst für Luftstreitkräfte (Airpower) beim Royal United Services Institute (RUSI). Das 1831 gegründete Rusi ist die älteste Denkfabrik der Welt für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik mit Hauptsitz in Whitehall, dem Regierungsviertel im Herzen von London.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Weiterentwicklung bemannter und unbemannter Luftkampffähigkeiten, dem sogenannten Crewed-Uncrewed-Teaming sowie der Mensch-Maschine-Interaktion in der Gefechtsführung.
Als Militärhistoriker veröffentlichte Christoph Bergs zahlreiche Studien zur Geschichte der Luftstreitkräfte, zur Luftkriegsdoktrin und zu militärischen Aviationsfähigkeiten. Bevor er zu Rusi wechselte, gründete er den YouTube-Kanal «Military Aviation History», auf dem er wöchentlich Videos über Militärflugzeuge, Luftoperationen und geopolitische Sicherheitstrends veröffentlicht. Der Kanal hat inzwischen knapp eine halbe Million Abonnenten. In diesem Rahmen arbeitete er unter anderem mit der Royal Air Force, der Bundeswehr, der schwedischen Luftwaffe, Firmen der Verteidigungsindustrie sowie anderen Forschungsinstituten zusammen.
Bergs ist auch Mitglied des Freeman Air and Space Institute am King’s College London sowie des Clausewitz-Netzwerks für Sicherheitsstudien an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.
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