Die klassische Rennstrecke für alle, die Japan das erste Mal besuchen, führt von Tokio über Osaka und Kyoto nach Hiroshima. Viele Besucher legen einen Zwischenstopp in Himeji ein: Die dortige Samurai-Burg ist eine von nur zwölf original erhaltenen Burgen Japans.
Abstecher ans Japanische Meer
Wer ohnehin in Himeji ist, sollte drei Tage für einen Abstecher über die Berge ans Japanische Meer einplanen und die Region San’in erkunden. Warum? Ein Grund unter vielen: Die Küste von San’in bietet etwas, was es sonst nirgendwo in Japan gibt. Einen über 15 Kilometer langen Dünengürtel, der bis an die Brandung des Japanischen Meers reicht.
Japans Hinterland Peter Pfänder
Erreicht ist diese Zauberlandschaft schnell: Der Schnellzug «Super Hakuto Limited Express» fährt in 100 Minuten von Himeji über das Chūgoku-Gebirge nach Tottori.
Die Präfekturen Tottori und Shimane sind unter dem Namen San’in bekannt. Dieses «Land im Schatten der Berge» hat viel zu bieten. Die sehenswertesten Dinge und schönsten Erlebnisse stellen wir in diesem Beitrag vor.
Mount Daisen, der heilige Berg
Der 1.729 Meter hohe Vulkan Daisen ähnelt, soweit der Gipfel nicht unter Wolken verschwindet, mit seiner ebenmäßigen Kegelform dem Mount Fuji. Für die Bergmönche war und ist es ein heiliger Berg: Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das Betreten des Bergs dem gemeinen Volk verboten und nur den Yamabushi-Bergasketen und Kriegermönchen gestattet.
Schrein Ogamiyama-jinja Okunomiya auf Mt Daisen Peter Pfänder
«Im Winter kann der Schnee», so Gokyū-san, der uns zum Schrein begleitet, «drei bis vier Meter hoch liegen und bis zum Querbalken dieses Torii reichen». Der junge Mönch zeigt auf den gewaltigen Torbogen, der den Beginn des mit dicken Natursteinen gepflasterten Sandō-Pfades markiert.
Der architektonisch bedeutende, kunstvolle Ōgamiyama Okunomiya auf einer Höhe von 900 Metern, also weit unterhalb des Gipfels von Mount Daisen, war ursprünglich ein dem Jizō-Bodhisattva geweihter buddhistischer Tempel. Seitdem ist der prachtvolle Bau mit seinen kunstvollen Deckengemälden der Gottheit Ōkuninushi geweiht, dem Herrscher der Erde.
Zen-Meditation & Zen-Burger
Die Familie des jungen Gokyū-san betreibt unweit des Tempels Daisen-ji auf 850 Metern Höhe die einzige Shukubō-Pilgerherberge am heiligen Berg Daisen, das «Sanrakusō». Die vegetarischen Shōjin-ryōri-Gerichte werden auf der Basis von wildem Waldgemüse, Pilzen, Kräutern und Tofu zubereitet. Man schläft auf Futons in einem der 15 reduziert-stilvollen Tatami-Zimmer. Die maximal 80 Gäste teilen sich, wie üblich, Gemeinschaftstoiletten und -bäder.
Shimizu Family Peter Pfänder
Eine kulinarische Überraschung bei unserem Lunch im «Sanrakusō» ist der von Ritsuko, der Mutter von Mönch Gokyū-san, erfundene und unter anderem aus Sesamsauce, Lotuswurzel und Tofuhaut zubereitete Zen-Burger: famos schmackhaft und extrem reich an Umami.
Zazen auf dem Zafu
Anschließend kommen wir in den Genuss einer Zazen-Meditationssitzung. Gokyū-san erklärt: «Wir meditieren auf dem Zafu-Kissen, im Lotussitz.» Wichtig: Rücken aufrecht und Becken leicht nach vorn gekippt.
Zazen Meditation mit Gokyu-san im Tempel Sanrakuso II Peter Pfänder
Gokyū-san instruiert uns: «Eure Hände bilden das kosmische Mudra, dabei ruht die Linke in der Rechten, die Daumenspitzen berühren sich nur ganz leicht. Die Augen bleiben halb offen, euer Blick ruht entspannt etwa 1,50 Meter vor euch auf der Tatamimatte.»
Er werde uns nach einer bestimmten Zeit mit einem Holzstab (Keisaku) leicht auf die Schultern hauen, kündigt er an. Das ist üblich bei der Zazen-Meditation, um Müdigkeit zu vertreiben, Verspannungen durch das regungslose Sitzen zu lösen und neue Energie zu wecken.
Iwami Kagura, göttliches Tanzspiel
Laute Musik, grellbunte Masken, dramatische Handlung und ein Publikum, das voller Leidenschaft und Begeisterung mitgeht. Kagura ist eine der ältesten darstellenden Künste Japans.
Wörtlich bedeutet der Begriff «Unterhaltung für die Götter». Er geht zurück auf rituelle Tänze, die in Shintō-Schreinen zur Besänftigung der Götter, für gute Ernten und zum Schutz vor bösen Geistern abgehalten wurden.
Iwami-Kagura-Vorstellung San'in vier Schlangen Peter Pfänder
Das regionale Iwami Kagura ist wilder, lustiger, schneller, humorvoller und lauter als die konventionellen Kagura-Vorführungen. Das Besondere: Die Musiker und Tänzer stecken hinter kunstvollen Masken aus Washi-Papier und riesigen Schlangenkörpern, die ebenfalls aus lokal produziertem Washi-Papier gefertigt sind.
Donnernder Applaus im Onsen
Von den vier am häufigsten aufgeführten Erzählungen sehen wir die über den gut gelaunten Ebisu und jene über die achtköpfige Schlange Yamata-no-Orochi, die nach längerem Kampf vom Gott Susano unschädlich gemacht wird. Die Halle im dritten Stock des Tamatsukuri Onsen Yūyu bebt, es gibt donnernden Szenenapplaus, Rufe und Pfiffe. Die treibende Musik der Taiko-Trommler und Flötisten ist ohrenbetäubend. Der ewig grinsende Ebisu lässt dazu jede Menge Kamellen regnen, hüpft von der Bühne und tanzt zwischen den Zuschauerrängen.
Wellness im Onsen
Das größte Freiluft-Thermalbecken Japans wartet im Thermalbadeort Tamatsukuri Onsen. Dort empfängt seit 1868 der renommierte Ryokan «Chōrakuen» entspannungsbedürftige Gäste.
Auf sie warten eine sehr gute, saisonal geprägte Kaiseki-Küche (im Winter z. B. mit Schneekrabben). Man übernachtet stilecht in Gästezimmern im japanischen Stil, also auf Tatami-Matten und Futons. Kunstvoll ist der begehbare, 33.000 Quadratmeter große japanische Garten mit Koi-Teich.
Das Rotenburo-Freiluftbecken ist über 400 Quadratmeter groß und für Männer und Frauen gleichzeitig zugänglich, was in Japan eher selten ist. Man lässt die Hüllen aber nicht ganz fallen: Die Badenden tragen Einmal-Badekleidung aus Vlies.
Dünen-Zauber von Tottori
50 Meter hoch ist die langgezogene «Pferderücken»-Düne Umanose, die berühmteste von Tottori. Das Dünenmeer erstreckt sich über mehr als 16 Kilometer Länge und über zwei Kilometer Breite. Touristisch erschlossen mit Fatbiking, Paragliding, Sandboarding und Trampeltiertouren ist nur ein kleiner Bereich. Auf Feldern, die an die naturgeschützten Dünen angrenzen, wird Landwirtschaft betrieben, dort wachsen einige Exoten wie Nehime-Yams.
Eine Pflanze, die im lockeren, sandigen Boden von Tottori wächst, begegnet mir in einem Frühstücksschälchen des Ryokan «Kansuitei Kōzeniya»: Rakkyo nennen die Locals die Sandschalotte (Allium chinense), deren Felder erst Ende Oktober in leuchtendem Violett blühen sollen, wie man erzählt.
Izumo Taisha, Mutter aller Schreine
Der Izumo Grand Shrine ist einer der wichtigsten Shintō-Schreine Japans und dem Gott Ōkuninushi-no-Ōkami geweiht. Diese helixförmigen Taue markieren im Shintōismus die Grenze zwischen der Welt der Götter und dem Diesseits.
Izumo Taisha Statue Gott Okuninushi-no Okami San'in Peter Pfänder
«Während man sich in ganz Japan vor Shintō-Schreinen üblicherweise zweimal verbeugt, zweimal in die Hände klatscht und sich dann nochmals verbeugt, ist es vor dem Izumo Taisha üblich, viermal in die Hände zu klatschen», erzählt Guide Chie-san. Das stehe für shi-awase, was im Japanischen sowohl «vier Hände zusammen» als auch «Glück» bedeutet.
Tezen Museum & «Weg des Tees»
Den krönenden Abschluss des Tages bildet der Besuch des lediglich 600 Meter vom Izumo Taisha gelegenen, sehenswerten Tezen Museums mit vielen Exponaten aus der Sammlung der gleichnamigen Familie, die seit 1686 auf dem weitläufigen Terrain residiert.
Zu Reichtum kamen sie als Holz-, Baumwoll- und Getreidehändler sowie Sakebrauer. Die Familie Tezen unterhielt exzellente Beziehungen zu den örtlichen Samurai, hatte wichtige Ämter im Izumo Taisha inne und sogar das seltene Recht, Schwerter zu tragen.
Teezeremonie im Chashitsu
Ein Höhepunkt unserer Reise ist die klassische japanische Teezeremonie Chadō, wörtlich «Weg des Tees». Hiroko Tezen, die Mutter des Hausherrn Kōsuke Tezen, zelebriert diese für uns im originalen, alten Chashitsu-Teehaus der Händlerfamilie.
Teehaus der Familie Tezen Frau Hiroko Peter Pfänder
Dieses Hüttchen auf Stelzen hat alles, was ein echtes «Chashitsu» haben muss: eine im Boden eingelassene Feuerstelle, eine tragende Säule aus einem knorrigen Baumstamm, eine höchstens 65 mal 65 Zentimeter große Schlupftüre. Hiroko erklärt, sie folge dabei den Ritualen und Regeln der Fumai-Schule. Der Tee duftet, ist aromatisch und ziemlich bitter.
Info San’in
Direktflüge (mit Lufthansa, Swiss, ANA All Nippon Airways, Japan Airlines) von Frankfurt, München und Zürich nach Tokio und/oder zum Kansai Airport bei Osaka, mit Zwischenstopp fliegen etwa KLM und EVA Air.
Zug ab Osaka z. B. mit dem Super Hakuto (2:30 Stunden) oder ab Himeji (1:30 Stunden), alternativ 90-Minuten-Flug mit ANA oder JAL von Tokio nach Izumo oder Tottori (ab 130 Euro). Oder mit dem Mietwagen – dann ist man vor Ort schön flexibel. Von Himeji bis Tottori fährt man unter zwei Stunden.
Wo finde ich verlässliche Infos zu San’in?
- Die offizielle Tourismuswebsite ist sanin-tourism.com
- Reise-Ideen bietet die brandneue sanin-dmc.com
- Tipps für die erste Japan-Reise: trpstr.de/alle-tipps-fuer-die-erste-reise-nach-japan
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