Letzte Aktualisierung: um 21:46 Uhr

Sinan Dilek, Air Albania

«Nächsten Sommer werden mehrere Jets zu Air Albanias Flotte stoßen»

Wie viel Turkish Airlines in der albanischen Nationalairline steckt, warum Air Albania nicht nur auf die Diaspora setzt und wie sich die Flotte entwickeln wird, erklärt Geschäftsführer Sinan Dilek im Interview.

Martin Dichler/aeroTELEGRAPH

Sinan Dilek: «Die ersten Passagiere, die nach der Pandemie zurückkehren, werden Albanerinnen und Albaner sein.»

Air Albania wurde 2018 gegründet. Warum eigentlich brauchte Albanien eine nationale Fluglinie?
Sinan Dilek*: Die Geschichte begann 2016, als die Regierung die Idee hatte, eine eigene Airline zu gründen. Albanien hatte bereits mehrere nationale Fluglinien, die gescheitert sind, dieses Land ist aber im Aufbruch, und die Zahl jener, die das Land verlassen haben, ist groß. Diese Menschen reisen regelmäßig und jährlich steigt die Nachfrage nach Flugreisen. Sprich, es gibt einen großen ethnischen Verkehr nach Albanien und das Land ist im touristischen Aufbruch. Diese Chancen, wollte man nicht länger nur den ausländischen Billigfluglinien überlassen.

Als welche Art von Fluggesellschaft würden Sie Air Albania bezeichnen?
Das war auch eine meiner ersten Fragen, als ich das Projekt übernommen habe. Der Markt in Tirana war bereits von den Billigfluglinien zerstört worden, diese hatten den Markt übernommen, verlangten hohe Ticketpreise und boten keinen Service. Ich erinnere mich, dass mir einmal im Hochsommer für eine typische Verbindung nach Europa ein einfacher Flugpreis von 650 Euro angeboten wurde. Meiner Meinung nach gehörte der Markt von einer staatlichen Fluggesellschaft reguliert, gerade weil dieses Land und diese Menschen einfach ein besseres Produkt verdient haben.

Die Menschen haben unser Produkt gesehen, getestet und sind uns erhalten geblieben.

Wie viel Turkish Airlines steckt in Air Albania?
In der Anfangsphase wurden Techniker, Piloten, Betriebsteam, Ausbilder und Manager von Turkish Airlines gestellt, um das Unternehmen mit unserem Know-how aufzubauen. Wir brachten die Erfahrung von Turkish Airlines an Bord und übernahmen teilweise das Produkt, wie um Beispiel das Catering auf der Strecke Istanbul  -Tirana. Die Mitarbeitenden wurden und werden nach den Standards von Turkish Airlines geschult, und wir sind auch bereit, weiter in ihre Ausbildung zu investieren. So können wir unsere Philosophie weitergeben und Air Albania auf die Herausforderungen der Zukunft als europäisch denkende Fluggesellschaft vorbereiten.

Wie schwer ist es sich gegen die Billigairlines am Heimatmarkt durchzusetzen?
Sehr schwer um ehrlich zu sein, denn das ist die größte Herausforderung für uns! Jede Strecke die wir ab Tirana anbieten wird auch von zumindest einer Billigfluglinie angeboten. Einige davon sind Giganten am Markt, andere lokale Mitbewerber. Auf der Strecke Tirana – Mailand gab es drei Airlines, die miteinander konkurriert haben. Die Passagiere sind sehr preissensitiv und manchmal sind wenige Euro Preisunterschied schon entscheidend bei der Wahl der Fluglinie. Doch die Menschen haben unser Produkt gesehen, getestet und sind uns erhalten geblieben.

In diesem Land gibt es noch so viel zu entdecken.

Ist es ihnen auch gelungen, Nicht-Albaner damit anzusprechen?
Auf jeden Fall! Wir haben bereits viele Kunden aus der Türkei und Italien, wir sind mit unseren lokalen Vertriebssystemen breit aufgestellt. Die Diaspora ist wichtig für uns, aber natürlich auch alle anderen Kunden. Albanien hat so viel zu bieten, wunderschöne Strände, historische Städte und vieles mehr, in diesem Land gibt es noch so viel zu entdecken. Nehmen wir nur die südliche Küste um Saranda, diese Region Albaniens könnte meiner Meinung nach in Zukunft ein neues Alanya werden. Schöne Strände, sauberes Meer, vernünftige Preise und vor allem Wohnungen, die auch von Ausländern gekauft werden können.

Wie gut sind Sie durch die Corona-Krise gekommen?
Am Höhepunkt der Pandemie mussten wir den Flugbetrieb kurzfristig einstellen. Wir haben die Istanbul – Tirana Verbindung noch eine Zeit aufrecht halten können, bis auch die Türkei die Einreise verboten hat. Wir bekamen dann sehr schnell von der albanischen Regierung die Aufgabe zugeteilt, Rückführungsflüge durchzuführen. Ich kann mich noch gut erinnern, alles begann am 20. März, ich war drei Tage zu Hause den wir hatten Lockdown, als ich den Auftrag bekam, diese Rückführungsflüge zu organisieren. Wir hatten innerhalb kürzester Zeit unsere Crews zusammengerufen, unsere Teams in Gruppen aufgeteilt, um die Gefahr von Ansteckungen zu minimieren und die notwendigen Hotels bereitgestellt.


Airbus A320 von Air Albania. Bild: Martin Dichler/aeroTELEGRAPH

Und wie hat sich der touristische Verkehr zuletzt in Albanien entwickelt?
Im Sommer vor der Pandemie war Antalya eines der beliebtesten Urlaubsziele für Albaner. Während der Krise konnten die Albaner nicht reisen und stellten fest, dass ihre Strände eigentlich auch sehr attraktiv sind. Der Markt hat sich verändert und neue Länder wie Russland und die baltischen Staaten haben erstmals Gäste nach Albanien gebracht. Polen ist auf den Zug aufgesprungen und hat ebenfalls viele Urlauber ins Land gebracht. Diese Länder haben nach Alternativen gesucht und sie in Albanien gefunden. Im August verzeichnete die Branche Zuwächse von plus 20 Prozent im Vergleich zu 2019.

Planen Sie einen Ausbau ihrer Flotte?
Im nächsten Sommer werden mehrere Jets zu unserer Flotte von einem Airbus A319 und einem A320 stoßen. Als wir 2019 unseren Betrieb aufnahmen, verzögerte sich die Auslieferung unseres ersten Flugzeugs aufgrund von Problemen mit der Boeing 737 Max. Auch 2020 war es nicht möglich, wie geplant zu wachsen, da es neue Virusvarianten und sich ständig ändernde Einreisebestimmungen gab. Im Jahr 2022 erwarten wir jedoch erstmals ein volles Geschäftsjahr für Air Albania.

Und wie geht es weiter mit ihrem Streckennetz?
Unser Schwerpunkt werden ethnische Ziele sein. Denn die ersten Passagiere, die nach der Pandemie zurückkehren, werden Albanerinnen und Albaner sein, die ihre Familien besuchen wollen. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch Touristen und Geschäftsleute anlocken.

Bevor man so etwas anfängt, muss man es mehrfach durchgerechnet haben.

In diesem Sommer haben Sie erstmals Flüge ab Kukes nach Zürich und Istanbul angeboten, wie zufrieden waren Sie mit den Verbindungen?
Im Juli und August war die Auslastung der Flüge wirklich gut, im September und Oktober hat die Nachfrage wieder etwas nachgelassen. Wir waren zu Beginn noch nicht sicher, ob der Flughafen Kukes rechtzeitig fertiggestellt wird, doch Sie haben es tatsächlich geschafft. Wir bei Air Albania haben uns gesagt, dass diese Flüge zwar eine Herausforderung, gleichzeitig aber auch eine Chance für uns sind, den das Einzugsgebiet in Albanien und dem Kosovo mit seiner großen Diaspora in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz ist wirklich groß.

Und warum haben sie dann ausgerechnet Zürich gewählt?
Sehen Sie sich nur den nahe gelegenen Flughafen Pristina an. Im Sommer werden dort mehrmals täglich Flüge nach Zürich zu weit überhöhten Preisen angeboten. Als wir unser neues Angebot ab Kukes angekündigt haben, sind wir mit extrem niedrigen Preisen kurzfristig am Markt aufgetreten, um das neue Produkt mit Erfolg zu promoten.

Das bedeutet Sie bleiben am Flughafen Kukes?
Selbstverständlich! Wir werden die Frequenzen erhöhen und im kommenden Jahr weitere Destinationen und Länder anfliegen. Wir planen zwei weitere Verbindungen, die möchte ich derzeit noch nicht nennen.

Die Strecke Tirana – Istanbul ist auch der zweitgrößte Zubringer für Turkish Airlines Richtung New York.

Aktuell bedienen Sie die Langstrecke im Codeshare über das Drehkreuz von Turkish Airlines in Istanbul. Gibt es Überlegungen, mittelfristig eigene Langstreckenflüge ab Tirana anzubieten?
Derzeit sehen wir, dass etwa 45 bis 50 Prozent der Passagiere, die über die Drehkreuze in Großbritannien und Deutschland fliegen, nach Nordamerika weiterreisen. Rund um New York und Michigan gibt es eine große Diaspora, etwa 100.000 Albanerinnen und Albaner leben dort. Die Strecke Tirana – Istanbul ist auch der zweitgrößte Zubringer für Turkish Airlines Richtung New York. Deshalb: Ja, wir möchten dieses Geschäft machen, aber wir müssen auch bereit sein. Ein Langstreckenflug ist etwas anderes als ein Kurzstreckenflug. Bevor man so etwas anfängt, muss man es mehrfach durchgerechnet haben, denn viele sind schon an solchen Projekten gescheitert. Derzeit stellt sich die Frage für Air Albania nicht, da der Flughafen Tirana noch nicht in der Lage ist, Großraumflugzeuge wie einen Airbus A330 oder eine Boeing 777 abzufertigen.

* Schon während seiner Ausbildung sammelte der heute 38-jährige Sinan Dilek erste Berufserfahrungen als Praktikant in einem Reisebüro und auf dem Istanbuler Großbasar. Er studierte später Betriebswirtschaftslehre und schloss mit einem Master in International Business and Management ab. Einige Jahre arbeitete er bei verschiedenen privaten Unternehmen und als Unternehmer. 2012 wechselte er zu Turkish Airlines, wo er bis 2018 in verschiedenen Positionen tätig war, unter anderem als Leiter des Marktes Norwegen. Im April 2018 wechselte er als Chef zur neu gegründeten Air Albania nach Tirana.



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