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Interview mit Johan Lundgren, Easyjet

«Marktanteile sind in der Krise irrelevant»

Easyjet-Chef Johan Lundgren antwortet auf die Ansage der Lufthansa-Gruppe, die Nummer eins am BER zu sein. Mit Blick auf die Krise zeigt er sich optimistisch.

BER/Janine Schmitz/Photothek

Johan Lundgren bei der Eröffnung des BER: Hofft auf effizienteres Arbeiten.

Erleben wir gerade zum letzten Mal in unserem Leben die Eröffnung eines großen neuen Flughafens in Deutschland?
Johan Lundgren*: Das ist sehr schwierig vorherzusagen. Aktuell steht so etwas wohl in den wenigsten Ländern weltweit auf dem Plan aufgrund der Unsicherheiten durch das Corona-Virus.

Ich meine das nicht nur mit Blick auf Covid-19. Gerade in Deutschland sind Umweltbedenken größer als in anderen Ländern, wie man heute auch an den Protesten am BER gesehen hat.
Die Frage der Nachhaltigkeit sollte kein Hindernis sein, wenn wir sicherstellen, dass die Luftfahrtindustrie weniger Auswirkungen auf die Umwelt hat. Easyjet kompensiert zum Beispiel die Emissionen von jedem Flug. Das ist noch nicht die perfekte Lösung, aber eine Übergangsmaßnahme, bis es neue Technologien gibt. Airbus will bis 2035 Wasserstoffflieger entwickeln und unser Partner Wright Electric plant einen Elektroflieger für 2030. Es ist nicht die Frage, ob all das geschieht, sondern nur, wann es geschieht.

Wenn Sie sich den BER anschauen: Was muss sich hier noch verbessern? Und was mögen Sie am meisten an diesem Flughafen?
Was hier aktuell noch fehlt, sind natürlich mehr Passagiere. Wichtig ist aber, dass Berlin nun einen Flughafen hat, wie man ihn für die Größe und den Status dieser Stadt erwartet. Und für mich als Easyjet-Chef ist das Beste, dass ich meine Teams nun an einem Ort habe und nicht mehr an zwei Berliner Flughäfen. Persönlich bin ich bei der Tegel-Schließung zwar durchaus nostalgisch, weil ich dorthin geflogen bin, seit ich jung war. Am BER können wir aber sehr viel effizienter arbeiten und auch den Kunden ein viel besseres Reise-Erlebnis bieten.

Aber sie bauen auch ab in Berlin. Ist das ein reiner Corona-Effekt? Sie streichen 400 Stellen, sie reduzieren von 34 auf 18 Flugzeuge, die Lufthansa-Gruppe erklärt neuerdings, sie sei die größte Anbieterin in Berlin.
Ich kann mir nichts Irrelevanteres vorstellen, als mitten in der Krise über Marktanteile zu sprechen. Im Dezember werden wir hier 18 Flugzeuge stationiert haben und wir haben mehr als 1000 Angestellte in Berlin. Das ist weit mehr als jede andere Airline. Da finde ich einen Schnappschuss über die Marktanteile zu einer Zeit, in der die Flugzeuge halb leer sind, in hohem Maße irrelevant.

Das Nachtflugverbot ist am BER zwei Stunden kürzer als in Tegel, aber in Schönefeld gab es gar keins. Änderte das etwas für Sie?
Wir sind auch in Schönefeld nie in die Nacht hinein geflogen. Wir haben immer einen Plan, zwischen 6 und 23 Uhr zu fliegen. Daher sind die Auswirkungen für uns sehr gering.

Es braucht aus dem Stadtzentrum mehr Zeit, zum BER zu kommen als nach Tegel. Befürchten Sie, deshalb mehr Geschäftsreisende an die Bahn zu verlieren?
Da wir derzeit nicht innerdeutsch fliegen, ist die Konkurrenz zur Bahn gering. Auf allen anderen Strecken ist der BER der Flughafen für Ostdeutschland und Westpolen mit dem entsprechenden Einzugsgebiet. Es gibt zum Beispiel einen Intercity von Dresden nach Rostock, der hier hält.

Sie haben kürzlich gesagt, Sie erwarten eine Erholung von der Corona-Krise für 2023. Sind sie immer noch so optimistisch, da die Infektionszahlen aktuell ja wieder drastisch steigen?
Es kann auch ein Jahr früher oder später geschehen. Ich bin ein bisschen optimistischer als die meisten. Denn unsere Industrie neigt dazu, zu glauben, es wird nie mehr, wie es war. Das war auch bei 9/11 und der Finanzkrise so, und es kam doch anders. Gut für Easyjet ist: Es wird erwartet, dass die Kurz- und Mittelstrecke sich eher erholt als die Langstrecke und dass touristische Flüge dabei eine große Rolle spielen. Zudem wissen wir, dass die Leute auf Marken setzen, denen sie vertrauen und bei denen sie viel Wert für wenig Geld bekommen. All das ist im Zentrum von dem, was Easyjet tut.

Sie erwarten noch 90 A320 Neo und 16 A321 Neo von Airbus. Wie verschieben sie die Lieferungen aufgrund der Krise?
Wir werden 2021 keine neuen Flugzeuge in Empfang nehmen. Darüber hinaus haben wir flexible Vereinbarungen mit Airbus getroffen.

*Johan Lundgren ist seit 2017 Chef von Easyjet. Davor war der heute 54-jährige Schwede lange für Tui tätig. aeroTELEGRAPH sprach mit ihm bei der Eröffnung des BER in Berlin.



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