Der größte Wettbewerber der touristischen Anbieter im Jahr 2026 ist weder der Billigflieger noch das nächste Onlineportal. Er heißt Unsicherheit. Sie beginnt lange vor dem Abflug. Hitzewellen legen Mittelmeerregionen lahm. Waldbrände verändern Reisepläne innerhalb weniger Tage. Gesperrte Lufträume verlängern Flugzeiten, militärische Konflikte verschieben Verkehrsströme, geopolitische Spannungen lassen etablierte Destinationen über Nacht an Attraktivität verlieren. Gleichzeitig wächst die Informationsflut ins Unermessliche. Noch nie wussten Reisende so viel. Und fühlten sich gleichzeitig so unsicher.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Wo möchte ich Urlaub machen? Sie lautet: Wo kann ich heute noch mit gutem Gefühl Urlaub machen? Genau darin liegt die eigentliche tektonische Verschiebung des Tourismus. Die Reisebranche verkauft künftig keine Reisen mehr. Sie verkauft Sicherheit.
Die Spielregeln verändern sich
Das mag zunächst ungewöhnlich klingen. Tatsächlich beschreibt es aber den tiefgreifendsten Strukturwandel seit der Liberalisierung des europäischen Luftverkehrs. Jahrzehntelang konkurrierten Airlines über Preise, Netzwerke und Service. Reiseveranstalter verkauften Hotels, Kreuzfahrten, Transfers und Ausflüge. Reisebüros boten Beratung. Heute verändern sich die Spielregeln.
Der eigentliche Mehrwert besteht nicht mehr darin, möglichst viele Optionen anzubieten. Sondern darin, Komplexität zu reduzieren. Denn die Unsicherheit wächst auf allen Ebenen gleichzeitig. Extreme Wetterereignisse gehören inzwischen ebenso zur Reiseplanung wie politische Krisen oder kurzfristige Streiks. Fluggesellschaften müssen ihre Netzwerke innerhalb weniger Stunden an gesperrte Lufträume anpassen.
Reisewanungen und eigene Bewertungen der Sicherheit können innerhalb kurzer Zeit alles ändern
Veranstalter beobachten täglich Reisewarnungen und führen eigene Sicherheitsbewertungen durch. Destinationen können innerhalb weniger Wochen vom Gewinner zum Sorgenkind werden. Und umgekehrt. Die Türkei ist dafür seit Jahren ein bemerkenswertes Beispiel. Kaum ein anderer Markt reagiert so elastisch auf geopolitische Entwicklungen und gewinnt dennoch immer wieder schnell das Vertrauen der Reisenden zurück.
Bemerkenswert ist allerdings etwas anderes. Trotz all dieser Unsicherheit reisen die Menschen nicht weniger. Sie reisen bewusster. Der Urlaub gehört inzwischen zu den wenigen Ausgaben, die selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kaum infrage gestellt werden. Gespart wird an vielen Stellen. Aber möglichst nicht an den Wochen, in denen man Abstand vom Alltag gewinnen möchte. Das habe ich bereits in früheren Kolumnen beschrieben: Reisen ist längst mehr als Erholung. Es ist Teil unseres Lebensstils und unserer persönlichen Identität geworden.
Kaufverhalten verändert sich
Doch genau deshalb verändert sich das Kaufverhalten. Der Reisende wird zum Risikomanager. Interessanterweise führt diese Unsicherheit nicht zu weniger Reisen. Vielmehr verändert sie die Art der Entscheidungen. Flexible Tarife gewinnen an Bedeutung. Reiserücktritts- und Krisenversicherungen werden vom Zusatzprodukt zum selbstverständlichen Bestandteil der Buchung. Sicherheit entwickelt sich zum Qualitätsmerkmal einer Destination.
Karsten Benz aeroTELEGRAPH
Damit verändert sich auch die Rolle der touristischen Unternehmen. Reiseveranstalter verkaufen längst nicht mehr ausschließlich Hotels und Flugtickets. Sie verkaufen Orientierung. Die Digitalisierung hat das Reisen einfacher gemacht. Gleichzeitig hat sie eine paradoxe Nebenwirkung erzeugt: Zu viele Informationen führen nicht zu besseren Entscheidungen. Sie führen häufig zu gar keiner Entscheidung. Tausende Hotels, unendlich viele Bewertungen, unzählige Flugtarife und ständig wechselnde Empfehlungen erzeugen eine neue Form der Überforderung, genannt «analysis paralysis».
KI kann helfen
Der eigentliche Luxus ist heute nicht mehr die Auswahl. Sondern jemanden zu haben, der sie reduziert. Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Rolle der künstlichen Intelligenz. In den vergangenen Monaten wurde intensiv darüber diskutiert, ob KI Reisebüros ersetzen wird. Das halte ich für die falsche Frage. Die eigentliche Revolution besteht darin, dass KI Entscheidungen vorbereitet, lange bevor der Reisende überhaupt merkt, dass er vor einer Entscheidung steht.
Sie analysiert Wetterdaten, Flugpreise, geopolitische Entwicklungen, Hotelbewertungen, persönliche Vorlieben und historische Buchungsmuster gleichzeitig. Sie erkennt Risiken früher als jeder Mensch und schlägt Alternativen vor, bevor Probleme entstehen. KI wird damit zum digitalen Reiseberater. Weniger als anonymer Chatbot. Vielmehr als intelligenter Begleiter entlang der gesamten Customer Journey.
Deutsche Urlauber gehören zu den am besten informierten Reisenden Europas
Gerade der deutsche Quellmarkt dürfte diese Entwicklung besonders schnell annehmen. Deutsche Urlauber gehören traditionell zu den am besten informierten Reisenden Europas. Sie vergleichen intensiv, planen sorgfältig und suchen Sicherheit durch Transparenz. Hier entfaltet künstliche Intelligenz ihren größten Nutzen.
Doch damit endet ihr Leistungsversprechen. Vertrauen entsteht nicht durch Daten. Vertrauen entsteht durch Verantwortung. Wer mehrere tausend Euro für eine Fernreise ausgibt, möchte nicht mit einem Algorithmus diskutieren. Er möchte einen Ansprechpartner, der Entscheidungen trifft. Bei Turbulenzen verlässt sich schließlich auch niemand auf den Bordcomputer. Sondern auf das Team im Cockpit.
Airlines transportieren nicht nur Reisende, sondern auch Verlässlichkeit
Die Zukunft liegt nicht im Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine. Sie liegt in der intelligenten Verbindung. Die erfolgreichsten Reiseunternehmen werden künftig diejenigen sein, die künstliche Intelligenz konsequent einsetzen, ohne den Menschen aus dem Entscheidungsprozess herauszunehmen. KI liefert Geschwindigkeit. Menschen schaffen Vertrauen.
Für Airlines bedeutet diese Entwicklung einen ebenso tiefgreifenden Wandel. Sie transportieren künftig nicht mehr nur Passagiere. Sie transportieren Verlässlichkeit. Wenn Airlines wie Lufthansa, Qatar Airways oder Emirates aufgrund gesperrter Lufträume im Nahen Osten Flüge über Nacht umleiten müssen, kauft der Kunde mit seinem Ticket weit mehr als einen Sitzplatz. Er kauft die Erwartung, dass die Airline auch unter außergewöhnlichen Bedingungen Lösungen findet. Operative Resilienz entwickelt sich damit vom Kostenfaktor zum Wettbewerbsvorteil.
Klima beeinflusst Flugbetrieb selbst
Hinzu kommt der Einfluss des Klimas auf den Flugbetrieb selbst. Höhere Temperaturen beeinflussen Startleistungen von Flugzeugen, Wetterextreme führen häufiger zu Verspätungen, und saisonale Muster verschieben sich. Für Airlines bedeutet eine höhere operative Komplexität steigende Kosten. Gleichzeitig erwartet der Kunde mehr Transparenz denn je.
Der deutsche Quellmarkt wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Denn deutsche Reisende entscheiden zunehmend nicht mehr ausschließlich nach Preis. Sie entscheiden nach Vertrauen. Wer Planbarkeit und Transparenz glaubwürdig miteinander verbindet, wird Marktanteile gewinnen. Wer lediglich den günstigsten Flug oder das billigste Hotel anbietet, wird austauschbar.
Der Wert verlässlicher Informationen steigt
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis für die Tourismusbranche. Sie diskutiert noch immer intensiv über Preise, Vertriebssysteme und Kapazitäten. Der eigentliche Wettbewerb hat längst begonnen. Er heißt Vertrauen.
Urlaub war lange die schönste Zeit des Jahres. Heute wird er zunehmend zur bewusst geplanten Investition in Lebensqualität. Diese Investition erfolgt in einem Umfeld wachsender Unsicherheit. Genau deshalb steigt der Wert verlässlicher Informationen. Die Reisebranche verkauft künftig keine Reisen mehr. Sie verkauft Sicherheit in einer Welt, in der Unsicherheit zur neuen Normalität geworden ist. Und vielleicht entscheidet deshalb künftig nicht mehr die schönste Destination über den Erfolg einer Reise. Sondern derjenige, der dem Reisenden als Erster die Unsicherheit nimmt. Und ihnen Zuversicht gibt, dass ihre Reise beginnt, bevor das Flugzeug abhebt.
Karsten Benz ist Inhaber einer Stiftungsprofessur Air Traffic Management an der Hochschule Worms und arbeitet als unabhängiger Berater und Board Member. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im Bereich Luftfahrt. In der Lufthansa Group war er unter Anderem als Leiter Netzplanung und als Verkaufschef Europa tätig. Als Chief Commercial Officer leitete er den erfolgreichen Turnaround von Austrian Airlines. Seit 2017 arbeitete er als Berater in Projekten, etwa in Europa und Nahost. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Droniq GmbH und Beirat der DFS Deutsche Flugsicherung.