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3500 Kilometer

Kein Rückflug mehr – Student radelt nach Hause

Ein junger Student wollte inmitten der Corona-Krise von Schottland nach Griechenland, um seine Eltern zu besuchen. Weil es keine Flüge gab, setzte er sich aufs Rad.

aeroTELEGRAPH

Fahrrad auf einem Feldweg: Nach abgesagten Flügen 3500 Kilometer im Sattel.

Einmal jährlich misst sich in Europa die Spitze der Langstreckenradfahrer. Das sogenannte Transcontinental Race TCR führte im vergangenen Jahr von Bourgas in Bulgarien ins französische Brest. Etwa elf Tage brauchte die deutsche Gesamtgewinnerin Fiona Kolbinger für die rund 4000 Kilometer lange Strecke, auf der sich die Teilnehmer selbst versorgen müssen.

Eine ähnliche Reise quer durch Europa unternahm in diesem Jahr der 20-jährige Kleon Papadimitriou. Im Gegensatz zu Kolbinger ist der griechische Student aber weder Radprofi noch Teilnehmer eines Rennens. Der junge Mann verbrachte 48 Tage auf dem Fahrrad, weil inmitten der Corona-Krise der europäische Flugverkehr stoppte.

Drei Flüge gebucht, drei Flüge abgesagt

Papadimitriou wollte Ende März von Aberdeen nach Athen fliegen. Während sich die Covid-19-Pandemie auch in Europa ausbreitete, hoffte der Student, noch einmal seine Familie in der Heimat besuchen zu können. Doch der Ausbruch der Krankheit kam ihm zuvor.

Insgesamt drei Flüge buchte Papadimitriou. Alle wurden abgesagt. Dies so hinnehmen wollte der junge Mann nicht. «Am ersten April wusste ich, dass ich mindestens den nächsten Monat in Aberdeen in Quarantäne verbringen würde», sagt der Student.

Eltern rechneten mit flüchtiger Idee

Der 20-jährige traf eine pragmatische Entscheidung. Weil ihm eine Flugreise verwehrt blieb, die etwa einen halben Tag gedauert hätte, kaufte er sich ein Rennrad und Camping-Ausrüstung. Für die 4000 Kilometer lange Autostrecke berechnen Routenplaner ungefähr 40 Stunden Fahrtzeit – wie viele Studenten mit knappem Budget hatte er aber kein eigenes Auto.

Als der Student seinen Eltern von seiner geplanten Radtour durch ganz Europa erzählte, sagten diese zu. Was der Sohn nicht wusste: Mutter und Vater taten dies nur, weil sie das Vorhaben nur für eine Schnapsidee hielten. Doch Mitte Mai radelte Papadimitriou tatsächlich los.

Schlafen unter dem Himmelszelt

Um seine Eltern zu beruhigen, richtete er ein Trackingsystem ein. Damit war es seiner Familie zu jeder Zeit möglich, seinen Standort zu verfolgen. Zwischen 55 und 120 Kilometer legte Papadimitriou pro Tag zurück. Unter Rennradfahrern gelten solche Distanzen als fortgeschritten.

Papadimitrious‘ Route führte durch England zuerst in die Niederlande. Durch Deutschland am Rhein entlang ging es nach Österreich und dann Italien. Seine Nachtlager schlug der Student oftmals auf Feldern und in Wäldern auf. Unterwegs musste er oft seine Komfortzone verlassen – etwa wenn er Fremde um eine Duschgelegenheit bitten musste.

«Sich selber überraschen»

Unterstützung erhielt der Grieche zunehmend von Freunden und aus der Familie. Nachdem sich das Wort über die Odyssee herumgesprochen hat, verfolgten immer mehr Menschen Papadimitrious‘ Reise und schickten Nachrichten zur Motivation. Nachdem der Student mit einer Fähre von Italien nach Griechenland übersetzte, galt es im Heimatland noch etwa 200 Kilometer zurückzulegen.

Für Papadimitriou ein Klacks. Bei der Ankunft Ende Juni, nach 48 Tagen, hatte er eine gesamte Fahrtstrecke von rund 3500 Kilometer hinter sich. Den abgesagten Flügen trauert der junge Mann im Nachhinein nicht nach: «Du wirst Dinge über dich selbst lernen und dich selbst überraschen», resümiert Papadimitriou.

 



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